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Mehr Schüler brauchen Deutschkurse

(c) Clemens Fabry
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Die Zahl der Schüler, die kein Deutsch sprechen, ist gestiegen – nicht nur in Wien. Das führt zu einer neuen Debatte über Sprachförderung. Denn wirklich zufrieden ist damit keiner.

Wien. Und wieder wird über Schüler mit schlechten Deutschkenntnissen diskutiert. Der Anlass: Inzwischen spricht in Wien jeder fünfte Pflichtschüler mit ausländischen Wurzeln nicht gut genug Deutsch, um dem Unterricht zu folgen. Damit ist die Zahl dieser sogenannten außerordentlichen Schüler laut „Standard“ in den vergangenen vier Jahren um mehr als die Hälfte gestiegen – von knapp 8000 im Jahr 2010 auf 12.000.

Während die Wiener ÖVP – es ist Vorwahlkampf – von einer „traurigen Bilanz der rot-grünen Stadtregierung“ spricht, argumentiert der Stadtschulrat unter anderem mit der gestiegenen Zahl an Flüchtlingen. Tatsächlich hat es schon früher ähnliche Spitzen gegeben. So waren 2003 rund 14.000 Schüler in Wien außerordentlich. Bundesweit ist die Zahl der Schüler, die nicht Deutsch sprechen, seit 2010 von 17.000 auf 27.000 gestiegen.

Mehr Schüler brauchen also Deutschförderung. Welche Art die beste ist, darüber scheiden sich die Geister. Wie sie tatsächlich gefördert werden, ist jedenfalls extrem uneinheitlich: Kinder, die als außerordentlich eingestuft sind, nehmen in der Regel am normalen Unterricht teil, sie werden aber nicht oder nur teilweise benotet. Sie bekommen eine Deutschförderung von bis zu elf Wochenstunden – allerdings mit Betonung auf „bis zu“.

 

Längst nicht alle im Kurs

Denn nur, wenn es gelingt, mindestens acht Schüler zusammenzufassen – auch über Klassen oder Schulen hinweg –, kommen solche elfstündigen Förderkurse zustande. Schafft man das nicht, gibt es zwar auch Förderung – integrativ in der Klasse oder punktuell außerhalb der Klasse –, aber klarerweise sind das dann weniger Stunden: Pro Schüler wird etwa in Oberösterreich mit 0,86 gerechnet. Dass es hier aber längst nicht nur in ländlichen Gegenden – mit kleineren Schulen und weniger Migrantenkindern an einem Ort – schwierig ist, zeigt ein etwas älterer Rechnungshofbericht: So besuchten in Wien 2011 nur gut 41Prozent der außerordentlichen Schüler einen elfstündigen Förderkurs. Im Stadtschulrat hat man keine aktuellen Zahlen, man streitet dieses Problem aber gar nicht ab. Schuld sei der Bund: Denn die Anzahl der Lehrer für Sprachförderung sei seit 2009 gedeckelt. Und die knapp 200 Lehrer seien nicht genug.

 

Debatte in Reformkommission

Wirklich zufrieden ist keiner mit der aktuellen Form der Sprachförderung – auch nicht Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ): Die Förderung für Kinder mit geringen Deutschkenntnissen soll vom Kindergarten weg neu gedacht werden, heißt es aus ihrem Büro. Wie konkret, werde in der Bildungsreformkommission diskutiert. Die Konfliktlinien sind da jedenfalls schon vorgezeichnet.

Denn während Heinisch-Hosek auch vor dem Hintergrund der neuen Zahlen wieder darauf verweist, dass Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen integriert gefördert und bestenfalls punktuell aus der Klasse genommen werden sollen, fordert die ÖVP auch jetzt wieder die von Kritikern als „Ghettoklassen“ geschmähten vorbereitenden Deutschklassen – und zwar verpflichtend für alle, die nicht genug Deutsch können. Das führte bei der jüngsten Regierungsklausur zu Diskussionen: Die ÖVP fordert nämlich eine gesetzliche Änderung der Schulreifekriterien: Nur wer Deutsch kann, soll regulär eingeschult werden – den Status des außerordentlichen Schülers könnte man dann sogar abschaffen.

Derzeit darf man Schüler zwar nicht allein wegen ihrer mangelnden Deutschkenntnisse für nicht schulreif erklären – ob sie für die Sprachförderung in eigene Klassen zusammengefasst werden, darüber entscheidet aber die Schulleitung am jeweiligen Standort. In Tirol beispielsweise gibt es bereits einige eigene „Sprachstartklassen“ in der Vorschule. Die Wiener Stadtschulratspräsidentin, Susanne Brandsteidl (SPÖ), wiederum sprach sich gegen „Ausländerklassen“ aus – rund zwei Drittel der in Wien kürzlich eingestuften Vorschüler haben aber eine andere Muttersprache als Deutsch. (red.)

AUF EINEN BLICK

Als außerordentliche Schüler werden Kinder eingestuft, die nach Einschätzung der Schulleitung dem Unterricht – meist wegen mangelnder Deutschkenntnisse – (noch) nicht folgen können. Sie bekommen Extraförderung und werden nicht benotet. Diesen Status können sie für zwölf Monate haben, er kann um ein Jahr verlängert werden. Schulen dürften dazu tendieren, Schüler vorsorglich als außerordentlich einzustufen: Denn ordentliche Schüler können nicht zurückgestuft werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2015)