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Konrad Paul Liessmann: "Beim Gendern der Sprache bin ich stockkonservativ"

INTERVIEW: KONRAD PAUL LIESSMANN
INTERVIEW: KONRAD PAUL LIESSMANN(c) APA (HELMUT FOHRINGER)
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Der Philosoph Konrad Paul Liessmann über seine Rede beim ÖVP-Parteitag, die "furchtbare" Deutschmatura und die Frage, was heute bürgerlich ist.

Sie waren früher ein Linker. Würden Sie sich heute als Bürgerlichen bezeichnen?

Ich bin ein gutes Beispiel dafür, wie schwierig es ist, sich politisch zuzuordnen. In der Wirtschafts- und Sozialpolitik würde ich mich durchaus noch als links bezeichnen. In der Kultur, der Bildung würde ich mich eher bürgerlich einordnen. Gleichzeitig bin ich ein großer Freund der Mariahilfer Straße in der gegenwärtigen Form – also verkehrspolitisch bin ich sicher ein Grüner. Und beim Gendern der Sprache bin ich stockkonservativ.

 

Wie mutig muss man sein, um auf der Uni gegen das Gendern aufzutreten?

Na ja. Also ich schreibe, wie ich will. Es gibt Journale, die schon das Gendern vorschreiben. Da sage ich: Entweder kann ich das generische Maskulinum verwenden, oder es gibt halt keinen Beitrag von mir. Ich übe auf meine Studenten aber auch keinen Druck aus: Wenn jemand gendern will, soll er gendern. Wenn er es bei mir nicht tut, hat er keinerlei Nachteile. Ich höre aber, dass an manchen Unis nichtgenderte Arbeiten mit Maßnahmen belegt werden. Das finde ich unerträglich.

 

Was ist denn bürgerlich für Sie?

Da gibt es die historische Komponente. Als das Bürgertum identisch war mit der Bourgeoisie. Das war eine soziale Klasse – ausgezeichnet etwa durch Unternehmertum, einen entsprechenden Lebensstil. Das Bürgertum in dieser Form ist nahezu verschwunden. Bürgerlich ist für mich aber eine darüberhinausgehende Lebensform, die sich an Werten orientiert, wie sie die Französische Revolution propagiert hat. Es war ja der Dritte Stand, das Bürgertum, das revoltiert hat. Gegen die Aristokratie, gegen die Privilegien dieses Standes. Die Freiheit als zentraler Wert: der freie Markt. Die Freiheit des Einzelnen im Denken und seiner Meinung. Und auch des Religionsbekenntnisses. Ich finde ja, dass es in einer bürgerlichen Gesellschaft nicht denkbar sein kann, dass Menschen nicht frei ihre Religion wählen können. Dass sie durch die Zufälligkeit der Geburt einer Religionsgemeinschaft angehören, die sie nicht verlassen können – das widerspricht der bürgerlichen Idee der Aufklärung.

 

Sie halten am Mittwoch eine Rede auf dem ÖVP-Parteitag. Warum tun Sie das?

Weil ich mich vor Ort mit einer traditionsreichen, wichtigen Partei auseinandersetzen kann – ungeachtet des kritischen Verhältnisses, das ich zur Partei habe. Ich habe ja auch eine Rede bei der 125-Jahr-Feier der SPÖ im Vorjahr gehalten.

 

Die ÖVP spricht sich in ihrem neuen Programm für den Erhalt des Gymnasiums aus. Das müsste Ihnen gefallen.

Ich verstehe alle Argumente für die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen. Ich verstehe aber auch die Argumente für das Gymnasium: die Idee, Bildungsinhalte stufenweise aufzubauen – über acht Jahre. Wie sieht ein Geschichtsunterricht aus, wenn ich weiß, ich habe acht Jahre Zeit? Die historischen Kenntnisse verschwinden – ich merke das bei meinen Studenten. Oder der Literatur-Unterricht. Nehmen Sie die Deutschmatura jenseits der Literatur. Auch wenn da ein Süskind-Text dabei war. Die Arbeitsaufträge waren allerdings so gestaltet, dass jedes denkende Wesen erkannt hat, dass diejenigen, die die Fragen gestellt haben, den Text nicht verstanden haben. Das ist furchtbar, was hier passiert.

 

Sie haben einmal geschrieben, dass man vom Kindergarten bis zur Schule einer kommunistischen Bildungsphilosophie folgt, während danach der freie Markt wartet.

Das war etwas zugespitzt. Aber es gibt sehr menschenfreundliche, utopische Vorstellungen, die ins Bildungssystem hineinprojiziert werden. Es geht weniger um Leistungsgerechtigkeit als um soziale Gerechtigkeit. Hier soll das Prinzip gelten: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen – nach Marx das Prinzip einer kommunistischen Gesellschaft, in der es nicht mehr um vergleichbare Leistungen gehen muss, weil für alle genug da ist. Nur: In dieser Gesellschaft leben wir nicht. Die Schule kann kein Ort sein, an dem alle Defizite der Gesellschaft korrigiert werden sollen. Meine Sorge ist: Die Kinder werden bis 14 oder 18 behütet und dann in eine immer brutalere Wettbewerbsgesellschaft entlassen. In der dann wieder nur diejenigen reüssieren, die den entsprechenden familiären Background, Beziehungen und eine Privatschule besucht haben.

 

Gibt es Politiker, die Sie bewundern?

Bewundern tue ich Schriftsteller oder Opernsänger. Politiker kann man respektieren. Ich weiß nicht, was ein Politiker machen müsste, damit ich ihn bewundern könnte.

 

Den Literaturnobelpreis gewinnen wie Winston Churchill zum Beispiel.

Dann würde ich ihn nicht als Politiker, sondern als Autor bewundern.

 

Wie finden Sie Reinhold Mitterlehner?

Erfrischend. Er hat schon auch eine Tendenz zum unkonventionellen Denken. Er hätte durchaus die Chance, Akzente zu setzen.

 

Und wie finden Sie Werner Faymann?

Blass. Bei ihm vermisse ich Positionen und Konturen. Er hat auch wenig Interesse an intellektuellen Konzepten. Meinen Vortrag bei der SPÖ-Jubiläumsfeier hat er sich gar nicht angehört.

Steckbrief

Konrad Paul Liessmann, geboren am 13. April 1953 in Villach, ist Universitätsprofessor für Philosophie an der Universität Wien und war 2006 Österreichs „Wissenschaftler des Jahres“.

Als Student war Liessmann zeitweilig bei den Marxistisch-Leninistischen Studenten aktiv. Am kommenden Mittwoch hält er eine Rede auf dem Bundesparteitag der ÖVP. APA

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2015)