Wiener Festwochen: Politische Gräben in einer netten US-Familie

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Im MQ: Richard Nelsons Dramenzyklus „The Apple Family Plays“(c) APA/CLAUDIA PIETRZAK (CLAUDIA PIETRZAK)

Ein Großprojekt der leisen Töne: Zum Auftakt des Dramenzyklus „The Apple Family Plays“ von Richard Nelson wurde feine Schauspielkunst mit Tiefgang im Zimmertheater-Format geboten.

Sarah Palin! Bei der Nennung des Namens der US-Rabiat-Republikanerin fällt Marian der Teller mit dem Hühnchen auf den Teppich. Ihr Mann fängt gerade bei Präsident Obamas Midterm Elections Demokraten-Stimmen ein, wir schreiben das Jahr 2010, da erfährt Marian, dass ihr Bruder Richard sich den Republikanern annähert. Mit „That Hopey Changey Thing“ (ein Palin-Zitat, die sich über Obamas hehre Ziele lustig gemacht hatte) hob Dienstagabend im MQ Richard Nelsons Dramenzyklus „The Apple Family Plays“ an.

Mit dem Kult-Computerriesen hat die Aufführungsserie nichts zu tun. Wer bei American Playwrights an O'Neills fatale Verkeilungen, Albees Eheschlacht „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ oder Tracy Letts grimmige Saga „August: Osage County“ („Eine Familie“) denkt, erfährt hier Neues: Fünf Durchschnittsamerikaner diskutieren ganz kultiviert, was sie so beschäftigt, an der US-Politik (speziell dem krassen Wahlkampf-Spendensystem) und ihrem eigenen Leben. Die erste Produktion hat sich als Hörspiel für geduldige Zuhörer mit Grundwissen über den American Way of Life erwiesen, der sich nicht mehr so selbstbewusst mitteilt wie in früheren Jahrzehnten. Stichwort: Ende des amerikanischen Jahrhunderts, eine Debatte, die sich auch bei den Betroffenen, dem kleinen Mann, der kleinen Frau, niederschlägt.

„Es gibt drei Arten von Politikern“, sagt der rundliche desillusionierte Richard: „Die einen wollen Gutes, die halten sich am kürzesten. Die zweiten wollen Sex, die halten etwas länger. Die dritten machen es für Geld, die haben alles im Griff.“ Richard ist das Gegenteil eines schneidig-zynischen Wall-Street-Advokaten. Nicht zuletzt um die Ausbildung seiner Kinder zu finanzieren und seine Frau, die ihn verlassen hat, zurückzugewinnen, gibt er seinen sicheren Job beim Generalstaatsanwalt auf und wechselt in die Kanzlei des Schwiegersohns von Richard Nixon.

 

Onkel Benjamin, weise und störrisch

Seine drei Schwestern, die flotte Marian, die Autorin Jane, die ein Buch über Konventionen in den USA schreibt, und die mütterliche Lehrerin Barbara sind empört. Der wahre Mittelpunkt des Abends, an dem (in Maßen) Rotwein getrunken, Janes neuer Lover, der arbeitslose Schauspieler Tim, auf dem Prüfstand steht, der Hund entwischt und von einem Stinktier attackiert wird, ist allerdings Onkel Benjamin: Der ehemals berühmte Mime, der Tschechow gespielt hat und für seine Oscar-Wilde-Lesungen gefeiert wurde, leidet an Amnesie, in Wahrheit an Demenz. Jon DeVries, bekannt aus Filmen wie „Kill Your Darlings“, „American Gangster“, konturiert absolut bewundernswert den grandseigneuralen Benjamin. Eloquent erläutert er sein Leiden, das er keineswegs so dramatisch findet wie seine Verwandten, die ständig in ihn dringen und sein Gedächtnis auffrischen wollen. Hartnäckig weigert er sich jedoch, den Tod seines Hundes zur Kenntnis zu nehmen und den neuen Köter zu akzeptieren.

Noch mehr staunt man über DeVries, wenn man ihn beim Schlussapplaus beobachtet, wenn er aus seiner Rolle geschlüpft ist. So minimalistisch, nuancenreich und doch breitenwirksam kann Schauspielkunst sein. Manche fanden die 90-Minuten-Performance allzu brav, plänkelnd und undramatisch. Wer sich dafür interessiert, was US-Bürger abseits der Kriegsschauplätze, die in Medien stark präsent sind, denken, dem wird die Aufführung gefallen. Kommenden Samstag (23.5.) gibt es ab 13 Uhr alle vier Stücke zu sehen – und im Künstlerhaus ab elf Uhr ein Salon-Gespräch: „Terror der Erinnerung, Recht auf Vergessen“, u.a. mit Marko Feingold, Zeitzeuge und Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg und Richard Nelson – dessen Vorfahren aus dem Burgenland in die USA ausgewandert sind.