Leben mit dem Kriegstrauma: "Schrittweise Heilung ist möglich"

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Der Verein Hemayat betreut seit 20 Jahren Folteropfer. Die Warteliste für eine Therapie ist lang. Beim Sommerfest könnte man sie verkürzen.

Ein Trauma muss nicht bluten und anschwellen, in der Seele kann es lang dämmern, bevor es sich bemerkbar macht. Wie eine Wunde, die schlecht heilt. Reißt die Kruste, kommen schmerzhafte Erinnerungen wieder, Situationen, in denen man hilflos gelitten hat. Menschen, die Krieg und Folter erlebt haben, kennen diese rotierenden Ängste. In vielen Fällen gehen diesen Ereignissen auch ethnische Diskriminierung und politische Bedrohung voraus. Die Flucht aus solchen Umständen muss oft schnell gehen, der Weg kann lebensbedrohlich sein, der neue Anfang in einem anderen Land belastend. Die Angst vor Abschiebung hält in Österreich im Schnitt zehn Jahre an. Die posttraumatische Belastungsstörung ist nach einem Kreis wie diesem die häufigste Erkrankung, die bei Betroffenen, den Klienten von Hemayat, diagnostiziert wird. Der Wiener Verein betreut seit 1995 medizinisch, psychologisch und psychotherapeutisch Wunden, die Kriegs- und Folteropfer weit über das lebensbedrohliche Ereignis hinaus spüren.

Quälende Erinnerungen

„Die Symptomatik ist fast immer gleich: quälende Erinnerungen, die sich zwanghaft aufdrängen, sei es im Schlaf, sei es im Wachzustand. Ständige Unruhe, Schlafstörungen, Gereiztheit, die Neigung zu Wutausbrüchen, Depression, psychosomatische Störungen, körperliche Schmerzzustände und Angststörungen“, so gibt die Psychologin Friedrun Huemer einen Einblick in das Körpergefühl einer traumatisierten Person. Im vergangenen Jahr wurden 661Menschen aus 36 Ländern bei Hemayat betreut, 79 davon waren minderjährig.

Die meisten kamen aus Tschetschenien (289) und Afghanistan (145). Die Warteliste ist in den 20 Jahren, in denen der Verein besteht, gewachsen. „Das ist auch der Grund für Schnorraktionen und dergleichen, wir haben einen unglaublichen Zulauf, Zuweisungen aus allen Richtungen, derzeit warten 276 Personen auf einen Therapieplatz. Gemessen an unserer Größe ist das viel, pro Jahr betreuen wir circa 700Personen. Wenn sich einmal jemand entschließt aufzumachen und zu reden, dann sollte man nicht warten.“

Die „Schnorraktion“ ist ein Sommerfest, bei dem Zeit versteigert wird, Zeit mit dem Kabarettisten Josef Hader, dem Schauspieler Peter Simonischek, der Musikerin Fatima Spar und anderen. Neben Zeit gibt es via Dorotheum auch Zeilen zu kaufen, Klaus Nüchtern spendet eine „Falter“-Kolumne.

Mit dem Fest soll aber auch Verständnis vermittelt werden. „Es geht um Menschen, die wie du und ich leiden können“, so die frühere Grünen-Politikerin. Meistens wären sie auch nicht arm und am Rand stehend geboren, wie das Klischee annimmt, sondern hätten durch ihr politisches Engagement Beruf, Wohlstand und Hoffnung verloren. Huemer setzt sich seit ihrer Pensionierung bei Hemayat ein, seit 2006 ist sie Obfrau. Um in die Arbeit hineinzufinden, habe sie mit Erstgesprächen begonnen. „Das war anfangs eine große Überforderung. Ich war auf die geballte Ladung an Grausamkeit, Brutalität und Verwüstung der Menschen nicht vorbereitet.“ Es sei nicht das körperliche Leid allein, das für Betroffene schwer zu verkraften ist, auch die damit verbundenen Erniedrigungen. Therapeutisch verlange das eine von großem Vertrauen getragene Beziehung, eine Begegnung auf Augenhöhe. „Dann kann etwas wie schrittweise Heilung stattfinden, zumindest ein Weiterleben möglich werden.“

Das Flüchtlingsthema ist in Europa derzeit so groß wie schon lang nicht. Der Umgangston ist zynisch. „Als Österreich noch ärmer war, war Flüchtlingshilfe kein Thema.“ Die Geschichte mit dem Verlust des Swimmingpools stimme, so Huemer, dieser sei bekanntlich der härteste. „Heute haben die Leute mehr zu verlieren, sie verschließen sich. Wir dürfen nicht vergessen, „dass dieses Luxusleben auch auf Kosten der Entwicklungsländer geht, dadurch haben wir eine Verpflichtung.“ Für Europa müsse es wichtig sein, ein Menschenrechtsniveau zu halten. „Es geht nicht nur um die Rechte derer, die jetzt in Zelten wohnen, es geht auch um unsere eigenen Rechte.“ Am Ende ist der Pool vielleicht doch groß genug.

AUF EINEN BLICK

Hemayat. Seit seiner Gründung 1995 hat sich der Verein als Zentrum für medizinische, psychologische und psychotherapeutische Betreuung von Folter- und Kriegsüberlebenden in Wien etabliert. Beim Sommerfest und der Benefizauktion am Freitag im Palais Schönburg (4., Rainergasse 11) kann man wieder Zeit mit Künstlern wie Josef Hader (Kabarett und ein Glas Wein), Fatima Spar (Backstage), Peter Simonischek (Theater und Lokalbesuch) u.v.a. ersteigern. Mit den Spenden werden Therapien ermöglicht. 276 Flüchtlinge warten derzeit auf einen Platz.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2015)

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