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Ioan Holender: Der streitbarste Machtpolitiker der Opernwelt

Ioan Holender: Alle Gedanken kreisen um Oper.(c) EPA (GEORG HOCHMUTH)
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Ioan Holender, der längstdienende Direktor der Wiener Staatsoper, ist auch an seinem 80. Geburtstag hoch aktiv im Musikbusiness.

Die Lebensgeschichte des Mannes, der als längstdienender Wiener Operndirektor in die Annalen eingeht, liest sich wie ein modernes Märchen. Aufgewachsen ist der Sohn eines Marmelade- und Essigfabrikanten in Temesvár. Seine Jugend fiel in die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. An ein Studium war im kommunistischen Staat erst nach einem Arbeitsdienst bei der Straßenbahn zu denken. Eloquente Parteinahme für die aufständischen Studenten führten 1956 jedoch wieder zur Exmatrikulation.

Dass sich der sportliche junge Mann in der Folge als Tennistrainer durchschlug, ist oft erzählt worden und überdeckt ein wenig die Tatsache, dass Holender als Regieassistent erste Erfahrungen in jenem Metier sammelte, das später seine Welt bedeuten sollte.

Nach der Ausreise lebte Holender in Wien bei seiner Mutter, absolvierte ein Gesangsstudium, erschien in Klagenfurt und St. Pölten als Bariton auf den Abendzetteln. Doch entdeckte er als Mitarbeiter der Theateragentur Starka bald sein größtes Talent: Der Sängeragent Holender galt bald als graue Eminenz des Wiener Opernbetriebs. Als sich der Wiener Publikumsliebling Eberhard Waechter seinen Lebenstraum erfüllte und die Leitung der beiden Wiener Opernhäuser übernahm, zog Holender an seiner Seite als Generalsekretär in die Direktionsräume der Staatsoper ein.

Das Kesseltreiben, das im Wiener Intrigenstadel nach Waechters plötzlichem Tod, – wenige Monate nach Amtsübernahme – einsetzte, hat man längst verdrängt. Auf die herbe Kritik am Führungsduo Waechter/Holender, dem man Rückschrittlichkeit vorwarf, folgten journalistische Anwürfe, nicht zuletzt wegen des Verkaufs der Agentur Holender.

Auch inhaltliche Kritik vonseiten des Amtsvorgängers, Claus Helmut Drese, wurde gern lanciert – freilich eine Frage von gutem Stil und Fairness, was es Holender möglich machte, derlei Anwürfe geflissentlich zu ignorieren. Besucherzahlen und Einnahmenquoten gaben seinem Kurs auf Dauer recht – und verhalfen ihm zu drei Vertrags-verlängerungen, womit er das Amt so lang wie kein Direktor vor ihm ausüben konnte. Seine Ära, die mit dem Versprechen begonnen hatte, das Repertoiresystem konsequent zu pflegen und wieder ein Wiener Ensemble aufzubauen, war von manchen Liebesdiensten in Richtung feuilletonistischer Anerkennung gekennzeichnet: Innovationsversuche in Sachen Regietheater gingen nicht immer glücklich aus. Manche Neuproduktion verschwand rasch wieder aus dem Spielplan oder hängt bis heute wie ein Klotz am Repertoire-Bein.

Manches gelang freilich glänzend: Es gab Premieren wie Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“, Verdis spektakulären, ungekürzten „Don Carlos“, die von Hermann Nitsch ausgestattete „Herodiade“ von Massenet oder dessen „Manon“ mit Anna Netrebko, die großen Publikumsjubel ernteten.

 

Das Haus beweist sich 300-mal jährlich

Abgesehen vom ganz normalen Premieren-Auf und -Ab punktete Holender jedoch mit immer neuen Versuchen, das Repertoire der Staatsoper durch spannende Besetzungen zu beleben. Das Haus muss ja – abgesehen von vier bis fünf Neuinszenierungen pro Jahr – seine Schlagkraft an insgesamt fast 300 Abenden tagtäglich beweisen. Das sicher gemeistert und für die Bestellung eines künftigen (mittlerweile freilich wieder ausgeschiedenen) Generalmusikdirektors vorgebaut zu haben, war Holenders wichtigstes Verdienst.

Das Buch zum Abschied nannte sich „Ich bin noch nicht fertig“ und war als Programm zu verstehen: Holender arbeitete und arbeitet als Berater und Intendant in Berlin, in New York, in Bukarest, hält Vorlesungen, moderiert TV-Sendungen . . .

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2015)