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London: Sex- und Koksskandal im ehrenwerten Oberhaus

(c) APA/EPA/DODS / HANDOUT (DODS / HANDOUT)

Lord Sewel, der Vizevorsitzende des House of Lords, sollte eigentlich das Image des Parlaments aufpolieren. Stattdessen zog er es in den Schmutz – und schlug dabei auch noch kräftig gegen seine Kollegen aus.

London. Ausgerechnet der Mann, der mit der Ausarbeitung eines Verhaltenskodex für das britische Oberhaus beauftragt war, ist über einen Sexskandal gestolpert: Nach Veröffentlichung eines Videos, das ihn beim Koksen mit Prostituieren zeigte, legte Lord Sewel sein Amt als stellvertretender Vorsitzender des ehrwürdigen House of Lords zurück. Dennoch hielt er trotz massiven Drucks an seinem Sitz im Oberhaus vorläufig fest. Damit stehen ihm trotz der Ermittlungen der Polizei die Privilegien und Spesenansprüche eines Lords zu – jedenfalls bis auf Weiteres.

In dem Video, das von der „Sun on Sunday“ in Fortsetzungen veröffentlicht wird, ist Sewel zu sehen, wie er Mitte der Vorwoche zwei Prostituierte in seiner Dienstwohnung nahe dem Parlament empfängt. Trotz seiner 69 Jahre geht er gleich zur Sache: Einer der beiden Frauen klopft er auf das Hinterteil und ruft erfreut aus: „Jetzt geht es mir wieder gut!“ Mit einem Fünf-Pfund-Schein schnupft er drei Linien Koks, eine davon direkt von der Brust einer der Frauen. „Ich muss mich mäßigen, ich habe morgen einen Bluttest“, sagt er.

Dennoch werden offensichtlich auch Champagner und Wodka konsumiert, und es wird heftig geraucht. Dabei gerät der Lord ins Sinnieren. David Cameron sei der „oberflächlichste und seichteste Premierminister aller Zeiten“, der schottische Ex-First-Minister Alex Salmond ein „dummer, eingebildeter Fratz“ und der Londoner Bürgermeister Boris Johnson „ein Oberklassenarschloch“.

 

„Naiver Idiot“

Nicht viel besser spricht er von seinen ehemaligen Parteifreunden (Sewel ist heute parteilos) aus der Labour Party: Von den Kandidaten für den Vorsitz nennt er den Linken Jeremy Corbyn einen „naiven Idioten“, während Ex-Gesundheitsminister Andy Burnham „sich stets nach dem Wind dreht“. Ein Twitterer spottete: „Bekokst oder nicht, seine politischen Beurteilungen sind punktgenau.“

Jedenfalls spricht aus ihnen ein erhöhter Sinn der eigenen Wichtigkeit, den John Buttifant Sewel vielleicht schon mit seinem Namen erhalten hat, vielleicht erst mit dem Einzug ins Oberhaus. Geboren im Ostlondoner Armenbezirk Hackney machte er politische Karriere in Schottland, wo er mit seiner dritten Frau seinen Wohnsitz hat. Er hat vier erwachsene Kinder und verdient 84.500 Pfund (knapp 120.000 Euro) im Jahr, beschwert sich aber dennoch in dem Video, wie schwer es ist, damit auszukommen. Dazu kommen Privilegien wie ein tägliches Sitzungsgeld von 200 Pfund – „und das brauche ich nicht für mein Mittagessen“, sagt Sewel, während er das Kokain auslegt.

Das Oberhaus, die zweite Kammer des britischen Parlaments, ist mit fast 800 Mitgliedern die zweitgrößte parlamentarische Versammlung der Welt nach dem chinesischen Volkskongress. Kritiker sehen seinen Nutzen ähnlich. Die Lords, die entweder kraft ihres Amtes (wie etwa der Erzbischof von Canterbury), Erbes oder durch die Ernennung in das Oberhaus bestellt werden, können Gesetzesvorschläge des Unterhauses aufhalten, aber nicht verhindern. Jede Partei will in der Opposition eine Reform, die sie sofort bekämpft, sobald sie die Regierung stellen darf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2015)