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Jewgeni Jasin: "Mit China verliert Russland seine Bedeutung"

Russland, Moskau, Aussen- und Aussenhandelsministerium
Das Außenministerium als Symbol russischen Machtstrebens. Die Wirtschaft kann dem Wunsch derzeit nicht entsprechen.www.BilderBox.com
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Wer wissen will, wie es um Russland steht, fragt am besten Jewgeni Jasin. Der Ex-Wirtschaftsminister gilt als graue Eminenz der Ökonomie. Die Krise bestehe aus drei Phasen, sagt er.

Die Presse: Man wird nicht recht schlau: Zu Jahresbeginn sahen die Prognosen für die russische Wirtschaft katastrophal aus. Inzwischen sagten mehrere Minister, es werde doch nicht so schlimm kommen. Was soll man glauben?

Jewgeni Jasin: Uljukajev (Alexej, Wirtschaftsminister, Anm.) sagte, dass wir in 50 Jahren die USA überholen.

 

Und?

Natürlich nicht.

 

Woher also die besseren Prognosen?

Bei manchen im Establishment herrscht das Gefühl, die ständige Wiederholung der Aussagen, dass wir schlechte Ergebnisse haben und uns Schlimmes erwartet, führe zu schlechteren Ratings der obersten Politiker und zu einer schlechteren Stimmung. Ich denke, es werden von oben Vorschriften erteilt, Gespräche über solche Bedrohungsszenarien zu beenden.

 

Also kein Grund für Optimismus?

Einen gewissen Grund gibt es trotz allem. Wir hatten eine sehr schlechte Phase, als der Rubel im Dezember ins Bodenlose fiel. Aber die Maßnahmen der Zentralbank wirkten sich positiv aus. Dennoch: Auch wenn mit der Überwindung der Währungskrise die erste Phase der Wirtschaftskrise beendet ist, so ist es doch nur die erste Phase.

 

Bestehen Chancen, dass die Schrumpfung des BIPs heuer unter drei Prozent bleibt?

Die jetzige Wirtschaftskrise unterscheidet sich von früheren, als wir begannen, auf Marktwirtschaft umzuschalten. Sie wird weitaus länger dauern. Wir sind ja von der Währungskrise in eine zweite Phase übergetreten – in die Krise der Realwirtschaft. Die Unternehmen kommen in Schwierigkeiten, weil sie früher keine Modernisierung vorgenommen und nun neben der geringen Produktivität auch noch mehr Schulden haben. Wir müssen uns auf eine Verringerung der Produktionsvolumina und auf eine Welle von Firmenpleiten einstellen. Dieser Prozess wird anhalten.

 

Sie fokussieren die inländischen Gründe der Krise und lassen äußere Faktoren außer Acht.

Man muss verstehen, dass der Faktor des schnell steigenden Ölpreises, der die russische Wirtschaft in den Nullerjahren angetrieben hat, nicht mehr wirkt. Jetzt müssen wir neue Antriebsfaktoren und ein neues Wachstumsmodell finden.

 

Welches könnte es werden?

Es braucht ein Regime, das günstige Bedingungen für Investitionen und Unternehmer schafft.

 

Sie mahnen nicht zum ersten Mal zu Veränderungen. Warum sollten sie plötzlich kommen?

Weil der Wirtschaftsrückgang seit Jahresbeginn in Wirklichkeit stärker ausfiel als angenommen wurde.

 

Reicht das, um zu glauben, dass dieser Anreiz Wirkung zeigt?

Nein, reicht nicht. Aber auch die Chinesen sprachen vom notwendigen Übergang zur Binnennachfrage erst, als der Export als Wachstumsfaktor seine Bedeutung bereits verloren und die Schwierigkeiten begonnen hatten. Wenn Russland neue Wachstumstreiber findet, wird es wieder einen sichtbaren Platz in der oberen Liga aller Volkswirtschaften einnehmen.

 

Es besteht ja durchaus die Meinung, dass die Elite diese Notwendigkeit versteht.

Ich denke das nicht. In der Elite gibt es Leute, die denken wie ich. Aber es gibt eben auch einflussreiche Leute, die wollen, dass bei uns alles wie in der Sowjetzeit aussieht.

 

Und es lässt sich nicht sagen, welches Lager gewinnen wird?

Nein. Bis dato gibt es nur einen, der als oberster Leader über allen steht.

 

Für wie groß schätzen Sie den Einfluss der Sanktionen auf die Wirtschaft in Russland ein?

Für ziemlich essenziell. Aber die Krise hat schon davor begonnen. Und sie wird sich fortsetzen, auch wenn die Sanktionen aufgehoben würden. Denn es fehlt der Hauptmotor für den Aufschwung – die Geschäftsaktivität und das Unternehmertum. Weil gewisse Garantien seitens des Staates ausstehen, gibt es keine Motivation für reale Investitionen. Damit sind wir bei der dritten Stufe der Krise: eine Investitions- und Vertrauenskrise.

 

Kann ein Mensch, der wie Putin das Land binnen 15 Jahren in diesen Zustand geführt hat, das Vertrauen der Unternehmer zurückgewinnen?

Darauf habe ich keine klare Antwort. Aber ich kann mir vorstellen, dass er unabhängig von seiner Neigung zu staatlichen Unterdrückungsmethoden auch darüber nachdenkt, was ihm die liberalen Berater einflüstern. Er könnte dem Volk sagen: Ich hatte früher das Gefühl, dass wir zu Reformen noch nicht bereit sind, nun aber stärken wir das freie Unternehmertum. Das würde seine Position sicher stärken. Ich schließe nicht aus, dass er einen solchen Weg gehen könnte. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür halte ich für nicht hoch.

 

Ist die viel bemühte Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok ein Mythos?

Nein, sie wäre vernünftig. Aber ihr im Westen redet ja auch nur und tut nichts, um sie zu realisieren.

 

Welche Rolle wird Russland, eingebettet zwischen China und Europa, Ihres Erachtens, im 21. Jahrhundert spielen?

Wenn Russland sich China zuwendet, verliert es seine Bedeutung. Wenn es aber gemeinsam mit Europa in die Zukunft geht, so würde dies bedeuten, dass es die Position Europas in der globalen Welt verstärkt. Russlands Rolle würde so wachsen. Und Russland würde sich auf diese Weise jenen Ländern anschließen, die Innovationen hervorbringen. Solche kann man nur in Europa oder in Amerika finden.

ZUR PERSON

Jewgeni Jasin (81) gilt als graue Eminenz unter Russlands Ökonomen und sitzt seit 1998 der landesweit größten Wirtschaftsuni Higher School of Economics vor. Zuvor war er als Wirtschaftsminister Mitautor der postsowjetischen Reformen. [ Gavrilov ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2015)