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Syrien: Ein Bürgerkrieg ohne Ausweg

(c) REUTERS (BASSAM KHABIEH)
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Zwar gab es zuletzt positive, diplomatische Signale, doch Frieden ist nicht in Sicht. Syrien zerfällt in die Herrschaftsgebiete verschiedenster Fraktionen.

Es war eine erschütternde Botschaft, die der UN-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien an den UN-Sicherheitsrat richtete: Die UNO könne seit Wochen keine humanitäre Hilfe mehr zu mehr als 420.000 eingeschlossenen Menschen in Syrien bringen, sagte O'Brien in New York. „Ich bin sauer, weil wir als internationale Gemeinschaft nicht in der Lage sind, die Syrer besser zu beschützen, obwohl sie uns mehr denn je brauchen.“ Nur Tage vor O'Briens Rede waren bei Luftangriffen des syrischen Regimes östlich der Hauptstadt Damaskus 250 Menschen ums Leben gekommen. Die syrischen Streitkräfte bombardieren immer wieder flächenmäßig bewohntes Gebiet – zum Teil mit gewaltigen Metallbehältern, die mit Sprengstoff und brennbaren Flüssigkeiten gefüllt sind, und von Hubschraubern abgeworfen werden. Im Norden Syriens haben derweil die Jihadisten des sogenannten Islamischen Staates (IS) mehrere Dörfer erobert.

Der syrische Bürgerkrieg, der 2011 mit einem Aufstand gegen Diktator Bashar al-Assad begann, fordert täglich neue Opfer. Eine Viertelmillion Menschen wurde bereits getötet. 7,5 Millionen Syrer sind im Land selbst auf der Flucht, vier Millionen brachten sich vor allem in die Nachbarstaaten in Sicherheit. Nur ein kleiner Teil davon hat es bisher in die EU geschafft. Doch die Zahl der Syrer, die in Europa Schutz suchen, wächst ständig.

 

Moskau will Bündnis schmieden

Zuletzt schien sich aber an der diplomatischen Front etwas zu bewegen. Anfang August beschloss der UN-Sicherheitsrat in New York die Untersuchung von Vorwürfen, dass in Syrien Chlorgas eingesetzt worden sei. Dieser Beschluss wurde auch von Russland mitgetragen. Russland gehört neben dem Iran zu den letzten Verbündeten des syrischen Regimes. Syriens Opposition verbreitete Gerüchte, Moskau könnte notfalls Assad fallen lassen – doch Russland dementierte.

In Moskau scheint es jedoch Versuche zu geben, einen Ausgleich zwischen Assad oder Teilen des syrischen Regimes mit Saudiarabien herbeizuführen. Die Saudis wollen Assads Sturz und unterstützen diverse syrische Rebellengruppen. Zugleich lässt aber der Machtzuwachs des Islamischen Staates auch die saudische Führung zunehmend nervös werden. Hier versucht auch Moskau anzusetzen und denkt dabei an ein gemeinsames Bündnis anderer arabischer Staaten mit dem syrischen Regime gegen den IS.

Auch das internationale Atomabkommen mit dem Iran hat Hoffnungen auf eine Entspannung in Syrien geweckt. Bei einem weiteren Tauwetter mit den USA könnte Teheran als wichtiger externer Player in Syrien in eine Verhandlungslösung einbezogen werden, so die Hoffnungen. Aber auch wenn Irans Führung akzeptieren sollte, dass Assad zurücktreten muss, so wird sie wohl kaum ihren Einfluss in Syrien aufgeben wollen. Genau diesen Einfluss Teherans in Syrien und im Irak will Irans regionaler Rivale Saudiarabien aber zurückdrängen – und die Hilfe für Syriens Opposition ist eine Waffe dabei.

Ein baldiges Ende des syrischen Blutbades ist deshalb wohl auch weiterhin nicht in Sicht. Der Konflikt ist bereits weit fortgeschritten – mit kleineren Kriegen im Krieg. Das Land ist in die Herrschaftsgebiete verschiedenster Fraktionen zerfallen, die sich zum Teil untereinander bekämpfen (siehe Grafik). Das sind die wichtigsten davon:

• Syrisches Regime. Das Regime von Machthaber Bashar al-Assad hat nach wie vor weite Teile der Hauptstadt Damaskus unter seiner Kontrolle und ein Gebiet im Westen Syriens, das sich Richtung Norden bis ins Umland der Küstenstadt Latakia zieht. Mit Hilfe iranischer Spezialkräfte und der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah kämpfen die Regimetruppen gegen die verschiedensten Rebellenfraktionen im Land. Mit dem Islamischen Staat (IS) schien es zu Beginn eine Art Stillhalteabkommen gegeben zu haben. Mittlerweile gibt es aber auch Gefechte zwischen dem Regime und dem IS.

• Freie Syrische Armee (FSA). Die FSA war einst die wichtigste militärische Oppositionskraft und rekrutierte sich ursprünglich aus Soldaten, die aus Syriens Armee desertierten. Der Dachverband verschiedenster Rebellengruppen wird von der Türkei offiziell unterstützt, zum Teil aber auch von den USA. Ankara und Washington bilden gerade gemeinsam eine FSA-Einheit aus, die im Norden Syriens zum Einsatz kommen soll. Die FSA will nach wie vor das Assad-Regime stürzen, kämpft zugleich aber auch gegen den IS.

• Islamische Front. Mittlerweile gilt dieser Dachverband als die wichtigste militärische Kraft der Aufständischen. Ihr gehören mehrereislamistische und teils jihadistische Gruppen an. Sie kämpfen für den Sturz des Assad-Regimes und die Errichtung eines islamischen Staates in Syrien. Offizielle Unterstützung erhalten sie von Saudiarabien und anderen Golfmonarchien.

• Jabhat al-Nusrah. Sie kooperiert zum Teil mit der Islamischen Front und ist die offizielle Vertretung des Terrornetzwerkes al-Qaida in Syrien. 2013 hatte sich ein Teil von ihr ISIL, der Vorläuferorganisation des IS angeschlossen.

• Islamischer Staat (IS). Der IS kontrolliert große Teile Syriens. Sie gehören zu seinem „Kalifat“, das sich bis in den Irak zieht. Vor allem zu Beginn versuchte der IS, alle anderen syrischen Rebelleneinheiten zu vernichten – durchaus zur Freude des syrischen Regimes. Auch andere Jihadisten-Gruppen wie Jabhat al-Nusrah, die sich dem IS nicht unterordnen wollten, wurden heftig bekämpft. Mittlerweile zieht der IS nicht nur gegen die FSA oder die Islamische Front zu Felde, sondern auch verstärkt gegen das Regime.

• Volksverteidigungseinheiten (YPG). Die vor allem aus Kurden bestehenden YPG kontrollieren die kurdischen Siedlungsgebiete im Norden Syriens. Sie zählen zu den erbittertsten Gegnern des IS und haben den Jihadisten bereits einige schmerzhafte Niederlagen zugefügt – etwa in Kobane.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2015)