Es war nicht immer der Gärtner

Der Wachsblumenstrau�
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Vor 125 Jahren wurde Agatha Christie geboren. Zum Jubiläum erscheinen ihre weniger bekannten Kurzgeschichten auf Deutsch. Eine kleine Fundgrube für Fans der Queen of Crime.

Was für ein Riesenfehler!“, schrieb Agatha Christie Jahre später. Viel zu alt sei er, dieser Hercule Poirot, ihr schrulliger, rundlicher Detektiv. Als sie den pingeligen Belgier 1920 erstmals ermitteln ließ („Das fehlende Glied in der Kette“), war er schon im Ruhestand. Viel jünger hätte sie ihn erfinden sollen, meinte sie später, denn „mittlerweile muss mein fiktiver Detektiv schon weit über hundert sein“.

Diesen „Fehler“ beging Christie, die als Begründerin des modernen britischen Kriminalromans gilt und Dutzende Klassiker geschaffen hat, später noch einmal: Auch ihre zweite berühmte Figur, die verschrobene Miss Marple, war schon jenseits der 60, als sie 1930 das erste Mal in „Mord im Pfarrhaus“ auf Mördersuche gehen durfte.

Dass Miss Marple eine eigene Krimiserie bekommen sollte, sei nicht geplant gewesen, schreibt Christie. Nachzulesen sind Anekdoten wie diese in den Einleitungen zweier eben erschienenen Sammlungen weniger bekannter Kurzgeschichten, die die britische Autorin ab den 1920ern für Magazine wie „The Sketch“ geschrieben hat. Anlass für die Bände ist Agatha Christies Geburtstag, der sich am 15. September zum 125. Mal jährt.

Das Frühwerk. Viele dieser Kurzgeschichten schrieb sie vor dem großen Erfolg ihrer Romane und Bühnenstücke („Die Mausefalle“). Für Kenner von Christies Werk – das sich weltweit zwei Milliarden Mal verkauft hat – sind die Neuerscheinungen eine kleine Fundgrube: Man lernt Miss Marple und Hercule Poirot in ihren Anfängen kennen: Der Belgier, der – Running Gag – immer für einen Franzosen gehalten wird, ist hier schon ähnlich brillant wie später („Der Plymouth-Express“), aber noch nicht so exzentrisch.

Wenn sich die dauerstrickende Miss Marple mit fünf Bekannten um den Kamin versammelt, um gemeinsam seltsame Kriminalfälle zu lösen („Der Dienstagabendklub“), findet man in diesen Episoden zahlreiche Elemente, die Christie später in ihren Romanen wieder aufgreifen und etwas subtiler ausarbeiten wird: zurückgestellte Uhren, Gift in Pralinen, Verkleidungen. Manche Kurzgeschichte wurde freilich mit eher breitem Pinsel gemalt („Die blaue Geranie“), die Auflösung kommt gar abrupt, was wohl auch der Kürze der Geschichte geschuldet ist.

In diesen frühen Erzählungen hat die Vielschreiberin (66 Romane, zahlreiche Stücke) auch jenen Fundus an Charakteren etabliert, mit dem sie später eine Vielzahl ihrer Romane ausstatten wird. Als da etwa wären: der Pfarrer, der Arzt, das schüchterne Mädchen, die Femme fatale (meist Schauspielerin), die den Männern den Kopf verdreht und die altbackenen Frauen in Aufruhr versetzt, womit wir bei den Motiven wären: Es geht häufig um Eifersucht, um Gier, manchmal auch um blanken Hass, wie in ihrem vielleicht psychologischsten Krimi „Der Tod wartet“, der in Jerusalem spielt.

Naher Osten als Kulisse. Immer wieder diente Christie der Nahe Osten („Mord im Mesopotamien“, „Tod auf dem Nil“) als Kulisse für ihre Krimis, hier konnte sie eigene Erfahrungen verarbeiten: In zweiter Ehe war die Britin mit einem Archäologen verheiratet, den sie auf seinen Expeditionen begleitete. Wunderbar zu lesen sind auch die Konflikte zwischen Alt und Jung: Wenn sich die älteren Damen über die Bademode von heute beklagen oder den Verfall der Sitten bei den Jungen, ist das herrlich altmodisch und aktuell zugleich.

Im Bereich der Whodunit-Krimis – viele Verdächtige, oft an einem Ort versammelt (im Zug, im Hotel, auf dem Schiff), jeder mit Motiv, aber scheinbar keiner mit Gelegenheit – ist Christie auch heute noch unübertroffen: Auch wenn nicht jede Auflösung immer gleich überzeugend ist (und sie stilistisch keine Meisterwerke geschaffen hat), gelingt es Christie doch, die Handlung so clever und vielschichtig zu konstruieren, dass man als Leser den Täter selten errät. Davon könnte sich manch anderer Krimiautor eine Scheibe abschneiden. Denn sind wir uns ehrlich: Nichts ist unbefriedigender als ein Krimi, bei dem man ab der Hälfte weiß, wer der Mörder ist. Das kann einem bei der Queen of Crime nicht passieren.