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In aller Freundschaft

(c) Petra Winkler
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Die Uni ist der ideale Ort, um Freundschaften fürs Leben zu schließen. Doch mit wem gehen wir am Abend tatsächlich auf ein Bier? Und was erwarten wir von wahren Freunden?

Kaum hat man sich an der Uni an ein Leben ohne sie
gewöhnt, sind sie wieder da: die Stimmen der mittlerweile auf diverse Städte verstreuten ehemaligen Klassenkollegen, die zum Maturatreffen wieder zusammengekommen sind. Wenn man sich Fragen zum Wesen der Freundschaft stellt, dann wohl hier. Zum Beispiel, warum der Kontakt mit Maria, dem lebenslustigen Mädchen mit der spanischen Mutter, so abrupt abbrach. Oder ob Antonia, mit der man bei der Maturareise das Zimmer teilte, eigentlich immer schon so borniert war. Ein Trost bloß, dass Andreas mit am Tisch sitzt, die befremdeten Blicke auffängt – und weiß, was man denkt.

Freundschaften geben uns Sicherheit. In einer Zeit, in der die Familie immer stärker in den Hintergrund rückt, Studienort, Partner und Jobs oft gewechselt werden und uns das Mantra der Flexibilität vorgebetet wird, sind Freunde eine Konstante. Wir berichten einander vom ersten Kuss, trinken heimlich den ersten picksüßen Likör miteinander, erzählen von unseren Selbstzweifeln, verirren uns in fremden Städten, überstehen gemeinsam die Matura und stellen die Zukunft infrage. „Freundschaft mag sich in unserer Kultur als die unumstrittenste, beständigste und befriedigendste aller engen persönlichen Bildungen erweisen“, bemerkte die US-amerikanische Sozialphilosophin Marilyn Friedman. Gerade der medial häufig strapazierten Generation Y wird nachgesagt, dass sie Freundschaften über die Karriere stellt.

Sandkiste, Klassenzimmer und Hörsaal: Das sind die Orte, an denen wir die Freundschaften schließen, die vielleicht ein Leben lang halten. Die Hochschule ist der ideale Ort, der Studienbeginn die ideale Zeit: Man erkundet seine Umgebung, sucht sich seinen Weg zwischen Studienplan und neuer Stadt, ist gierig nach Erfahrungen, will Gleichgesinnte treffen und hat – im Vergleich zum Arbeitsleben – jede Menge Zeit dafür. Die Freundschaften, die man während des Studiums aufbaut, haben gute Chancen, Jahrzehnte zu überdauern. Durch Facebook und WhatsApp ist man nahe aneinander dran, auch wenn Auslandssemester oder später Berufliches für eine örtliche Trennung sorgen. Durch unzählige digitale Verbindungen, online geführte Diskussionen oder geteilte Fotos bleiben wir den Freunden aus Studentenheim, WG oder Hörsaal verbunden.

Freundschaft gehört gepflegt: Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe waren unterschiedliche Charaktere, aber innige Freunde.(c) EPA (Martin Schutt)

Nicht sehr wählerisch bei Freunden. Studentenfeste, die ersten Lerntreffs und geteilte Tiefkühlpizza sind oft die ersten Schritte beim Finden neuer Freunde an der Uni. Dass es so weit kommt, ist oft Zufall: Eine Studie bei Uni-Neulingen zeigt, dass wir nicht besonders wählerisch sind, wenn wir an der Uni neue Freundschaften aufbauen. Viel mehr beeinflusst etwa die zufällige Sitzordnung in einem Hörsaal, wer später mit wem ein Bier trinken geht. Dass der Sitznachbar dieselbe Vorlesung ausgesucht hat und vielleicht noch genau so ungebügelt wie man selbst erscheint, dürfte erst einmal reichen. „In gewisser Weise lässt sich die Wahl unserer Freunde tatsächlich per Los bestimmen“, so ein Fazit der Studie.

Wem der Zufall hier eine gar zu große Rolle spielt, der sei beruhigt: Mit Zufälligkeiten ist es bei Weitem nicht getan. Zunächst scheinen wir bei neuen Freunden auch nach Ähnlichkeiten zu suchen, was Alter, soziale Stellung und vielleicht auch Erbgut betrifft (denn selbst hierzu gibt es Studien). Wie auch immer: Ähnlicher Humor und eine ähnliche Weltanschauung erleichtern den Start einer Freundschaft eindeutig. Offenbar müssen Freunde zumindest das Gefühl haben, einander ähnlich zu sein. An der Uni ergibt sich einige Ähnlichkeit allein schon durch die Studienwahl. Zwei typische Jusstudenten, die sich abends beim Studentenheimfest wiedertreffen, passen auf den ersten Blick gut zusammen. Wenn man mehr Zeit miteinander verbringt, kann es aber spannend sein, die Gegensätze zu entdecken.

Wenn wir Beziehungen vertiefen, suchen wir durchaus nach unserem Widerpart, sagt die Psychologie. Das kennt man von den erfolgreichen Paaren aus Literatur und Fernsehen: Was wäre der gewiefte Asterix ohne die Muskelkraft von Obelix? Der Idealist oder der Narr Don Quijote braucht den bodenständigen Sancho Pansa. Und die fleißige Biene Maja wäre ohne den faulen Willi genauso langweilig wie der brave Doktor Watson ohne den arrogant-genialen Sherlock Holmes. Und Goethe etwa schrieb wenige Jahre vor seinem Tod: „Ein Glück war es indes, dass ich Schillern hatte. Denn so verschieden unsere beiderseitigen Naturen auch waren, so gingen doch unsere Richtungen auf eins, welches denn unser Verhältnis so innig machte.“

Nutzen, Lust und Tugend. Beim Klassentreffen sitzend, ein Bier und die ehemaligen Kollegen vor sich, stellt sich die Frage nach dem Wesen echter Freundschaft. War die lustige Maria nicht nur der Garant für etwas Spaß? Man interessierte sich doch ehrlich gesagt nicht für ihr Leben abseits des Klasse. Und war es nicht einfach praktisch, mit Verena den Schulweg zu bestreiten? Natürlich fiel schon damals auf, dass sie vor allem auf den eigenen Vorteil bedacht war. Das war freilich keine ideale Freundschaft.

Die Frage ist nicht neu, sie wurde schon in der Antike gestellt. Aristoteles unterteilte Freundschaften in die Kategorien Nutzen, Lust und Tugend. Die Nutzenfreundschaft bringt demnach die Menschen zu einem Zweck zusammen. Wenn dieser wegfällt, ist die Freundschaft gefährdet. Ähnlich ist es bei der Lustfreundschaft, die rein im Affekt liegt. Diese beiden Arten sind nicht stabil – das ist nur die Tugend- oder Charakterfreundschaft. Sie ist die Freundschaft um des Freundes willen.

Doch Hand aufs Herz: In welcher Freundschaft spielt Nutzen oder Lust keinerlei Rolle? Natürlich erwarten wir uns auch etwas von dem Studienkollegen, mit dem wir so unglaublich viel Spaß beim Vorbereiten des Referats haben. Nämlich dass er uns zum Lachen bringt. Genauso wollen wir uns darauf verlassen können, dass die beste Freundin auch dann abhebt, wenn wir zu unchristlicher Zeit anrufen und hören wollen, dass wir die Prüfung am nächsten Tag sicher schaffen werden. Muss das den Wert einer Freundschaft senken? Doch wohl kaum. Auch der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer fand keine Antwort auf diese Frage: „Wahre Freundschaft gehört zu den Dingen, von denen man, wie von den kolossalen Seeschlangen, nicht weiß, ob sie fabelhaft sind oder irgendwo existieren.“

Wie wahre Freundschaft beschaffen sein sollte, ist da schon klarer. Die drei Kardinaltugenden sind dafür laut Umfrage Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und Offenheit. Essenziell ist aber, dass zwei Menschen denselben Wert an die erste Stelle setzen. Denn: Wenn einer sich gern an anderen reibt, entgegengesetzte Meinungen schätzt und ihm vor allem Offenheit wichtig ist, wird er mit einem harmonieliebenden Menschen irgendwann an die Grenzen stoßen.

Keine Regeln, viele Gesichter. Freundschaften haben viele Gesichter, deshalb kann es keine universalen Regeln dafür geben. Der eine überlegt sich etwa eine gut klingende Ausrede, wenn er ein Treffen absagt. Der andere teilt einfach mit, dass er nicht in Stimmung ist. Beide werden einander vor den Kopf stoßen, wenn sie sich anfreunden. Was man über Gott und die Welt denkt, muss nicht gleich sein – die Auffassung von Freundschaft sehr wohl.

Freundschaften verlaufen sich. Das ist wohl ein Grund, warum Freundschaften sich auch immer wieder verlaufen. Eine Studie unter jungen Briten zeigt: Neue Freundschaften gehen zulasten bestehender Beziehungen. Vor wenigen Jahren untersuchten Forscher, wie sich das Netzwerk besonders enger Freunde im Lauf der Zeit entwickelt. Zu Beginn der Untersuchung besuchten die Teilnehmer noch die Schule – danach kamen Uni oder Arbeit. Es zeigte sich: Im Lauf von 18 Monate gab es große Verschiebungen in den Freundeskreisen. Wenn jemand Neuer hinzukam, wurde jemand anderer ersetzt. Wir können Freundeskreise nicht beliebig erweitern, sagt auch der Anthropologe Robin Dunbar. Demnach hat man im Schnitt fünf sehr enge und weitere zehn gute Freunde.

Insofern ist es wohl normal, dass der Spaß mit Maria irgendwann ein Ende hatte. Und man nun statt mit ihr mit der Studienkollegin Kaffee trinken geht, neben der man in der ersten Übung saß. Was sie wohl über sich erzählt? Hoffentlich etwas, mit dem man nicht gerechnet hat.