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Russische Bombardements extrem ungenau?

Bombeneinschlag, gefilmt durch die Zielkamera eines russischen Jagdbombers
Bombeneinschlag, gefilmt durch die Zielkamera eines russischen Jagdbombersimago/ITAR-TASS
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Bordvideos der Bomber sollen zeigen, dass Bomben ihre Ziele klar verfehlen, ein Mitgrund für zivile Verluste. Es gibt Indizien für den Einsatz von Streumunition. Und: Die russischen Jets fliegen ohne Hoheitsabzeichen.

In Syrien stationierte russische Kampfflugzeuge flogen im Laufe des Donnerstags erneut schwere Luftangriffe gegen Stellungen und Einrichtungen der Pro-Assad-Kräfte. Laut Angaben des russischen Verteidigungsministeriums wurden in der Nacht auf Donnerstag mindestens acht geflogen, vier davon sollen Stellungen der Terrormiliz "Islamischer Staat" gegolten haben. Weitere Einsätze folgten untertags.

Allerdings fand nach Angaben der syrischen Opposition und anderer Beobachter inklusive fremder Militärs keines der Bombardements in Gebieten statt, die wirklich in der Gewalt des "Kalifats" des IS sind. Im Gegenteil: Ethnische Turkmenen, die im Raum zwischen den Städten Homs und Hama in Nordsyrien leben, berichteten von russischen Angriffen, dabei sollen mehr als 40 Menschen, darunter viele Zivilisten, getötet worden sein. Die Turkmenen fechten im Verbund der vergleichsweise moderaten Rebellentruppe der Freien Syrischen Armee, und auch diese behauptete am Donnerstag, von russischen Jets beschossen worden zu sein. Die vom IS in Syrien beherrschten Gebiete liegen zur Zeit weiter im Osten, Nordosten und teils im Süden des Landes.

Libanesische Medien berichteten sogar von 30 Attacken, die unter anderem auch einer Rebellenallianz namens "Armee der Eroberung" gegolten hätten, zu der diverse islamistische Gruppierungen, etwa die ebenfalls radikal sunnitische Al-Nusra-Front, gehören.

"Alle Rebellen müssen zerstört werden"

Nun hat sich Russland ja tatsächlich nicht darauf festgelegt, ausschließlich gegen jihadische Gruppen wie den IS vorzugehen, so wie es der Westen und arabische Staaten der Koalition gegen den IS gern hätten. Ein Sprecher von Präsident Putin sagte am Donnerstag, man gehe gegen "alle Feinde" von Syriens Staatschef Bashar al-Assad vor; ein Berater des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Korotschenko, sagte, dass "alle Rebellen zerstört werden müssen".

Doch wenn es deswegen schon Zweifel an den Angaben des russischen Militärs gibt, wonach man auch bei der ersten Angriffswelle am Mittwoch nur die IS-Miliz bombardiert habe, so tauchten am Donnerstag weitere Zweifel am Vorgehen der russischen Luftwaffe auf, die aktuell von einer Basis südlich der Küstenstadt Latakia aus operiert: Dank eines vom russischen Verteidigungsministerium verbreiteten Videos von einem der Angriffe vom Mittwoch zwischen den Städten Homs und Hama wollen westliche Militäranalysten nämlich herausgefunden haben, dass die Bombardements massiv unpräzise sind - was auch die angeblich hohe Zahl ziviler Opfer (mindestens 33 am Mittwoch) erklären könnte.

Karte der ersten russischen Angriffe (Sternchen) und Gebietsverteilung im syrischen Bürgerkrieg
Karte der ersten russischen Angriffe (Sternchen) und Gebietsverteilung im syrischen BürgerkriegISW

Das Gros der Angriffe wurde von schweren Suchoi Su-24 "Fencer"-Jagdbombern vorgetragen, die grundsätzlich nicht mehr die Neuesten sind. Auch der Angriff, der in besagtem Video (siehe am Ende der Geschichte) durch das Flugzeug selbst oder eine Drohne dokumentiert ist, dürfte von einer Fencer geflogen worden sein.

Zweifel an Präzisionsmunition

Die Einschlagsmuster der Bomben nun legen den Analysten zufolge nahe, dass - falls lasergelenkte Munition benutzt wurde - der Zielbeleuchtungslaser nicht funktioniert oder ganz woanders hin geleuchtet haben dürfte - denn die gezeigten Einschläge liegen klar weit daneben.

Russische Fencers ohne Hoheitszeichen am Stützpunkt bei Latakia
Russische Fencers ohne Hoheitszeichen am Stützpunkt bei LatakiaISW/TF1

Möglicherweise wurden auch überhaupt keine Lenkbomben benützt, sondern klassische altmodische Freifallbomben, deren Präzision mäßig ist und die von westlichen Luftwaffen bei heiklen Szenarios (etwa Verflechtung ziviler und militärischer Ziele) nicht benutzt werden. Und noch etwas: Es gibt Hinweise darauf, dass völkerrechtlich geächtete Streumunition benutzt wurde.

So sieht man im ersten Teil des etwa 45 Sekunden langen Films, dass in weitem Umkreis um das Ziel, das offenkundig gut versteckt am Fuß eines Steilhangs bzw. einer Bergflanke und auf Höhe eines Weges liegt, weiße Explosionswölkchen entstehen. Das könnten zwar Einschläge im Gelände von Splittern einer großen Bombe sein - tatsächlich zeigt sich am unteren Rand des Videos nach einigen Sekunden eine wirklich große Explosionswolke. Nur: Erstens hat diese Bombe das Ziel deutlich - die Experten gehen von mehr als 100 Meter aus - verfehlt. Und zweitens könnten die Wölkchen, deren regelmäßiges Muster auffällig ist, genausogut, ja eher, von Streumunition stammen, meint nicht nur Georg Mader, Militärjournalist beim Fachmagazin IHS Jane's Defence.

Streumunition ist aufgrund eines völkerrechtlichen Abkommens in mehr als 100 Staaten verboten. In Russland hingegen beispielsweise nicht - aber, das sei schon erwähnt, etwa auch nicht in Staaten wie der Türkei, Ägypten, Saudiarabien, Indien, China, Polen, Brasilien oder den USA.

Das Video zeigt danach dasselbe Zielgebiet und erneut eine mächtige Explosionwolke, die wieder in deutlicher Distanz hochsteigt. Im dritten Teil ist eine andere Örtlichkeit mit einer kleinen Häuseransammlung zu sehen. Nun visiert das Fadenkeuz eines der Gebäude an, doch dann schlagen Bomben weitab davon in unbebautem Gebiet ein, wo nichts Besonderes zu erkennen ist, und lassen die Häusergruppe scheinbar ungeschoren.

Fotos von Freifallbomben

Tatsächlich gibt es Fotos, die russische Fencers in Syrien genau mit solch ungelenkten Freifallbomben bestückt zeigen, siehe hier:

Gewöhnliche Freifallbombe unter einer Su-24
Gewöhnliche Freifallbombe unter einer Su-24 "Fencer" in SyrienIHS/Russian TV

 

Gewöhnliche Freifallbombe an einer Su-24
Gewöhnliche Freifallbombe an einer Su-24 "Fencer" in Syrien - außerdem trägt der Jet keine HoheitszeichenIHS/Russian TV

 

Auf diesem Bild unten sieht man den Abwurf von gewöhnlichen, ungelenkten Freifallbomben quasi nach Art des Zweiten Weltkriegs, Koreas, Vietnams etc. genauer, es handelt sich allerdings um eine MiG-21 "Fishbed" der rumänischen Luftwaffe bei einer Übung, die Bomben der russischen FAB-Serie wirft.

Russische Freifallbomben (FAB 250) beim Abwurf von einer rumänischen MiG-21 während einer Übung
Russische Freifallbomben (FAB 250) beim Abwurf von einer rumänischen MiG-21 während einer ÜbungWikipedia/Mihai Zamfirescu

 

Georg Mader von IHS meint, dass die russische Luftwaffe eine grundsätzliche Schwäche bei präzisionsgelenkter Munition habe. Anders als bei den führenden westlichen Luftwaffen, wo laser-, funk- oder GPS-gelenkte Bomben seit rund 20 bis 30 Jahren üblicher Bestandteil des Arsenals sind, habe man dem in Russland in der schwierigen Zeit nach Ende der UdSSR und bis in die 2000er-Jahre hinein zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, vielleicht sogar absichtlich.

Nicht, dass solche Waffen den Russen unbekannt wären, man sehe sie alle Jahre wieder bei den großen Luftfahrtshows in Russland bei den Ständen der Hersteller. Allerdings seien sie bei den regulären Staffeln und Geschwadern kaum verbreitet und weder die Piloten noch die meisten Flugzeuge im Umgang damit gerüstet und erfahren. Auch gebe es gewisse Arten von präzisionsgelenkten taktischen Luft-Boden-Raketen und Marschflugkörpern im russischen Arsenal nur in kleiner Zahl oder gar nicht.

Russische Basis bereits unter Feuer

Die russische Luftwaffenbasis südlich von Latakia am dortigen Basil-al-Assad-Flughafen wurde übrigens laut Informationen der "Presse" schon mindestens einmal von Aufständischen mit Boden-Boden-Raketen beschossen - dabei liegt sie scheinbar sicher mitten in einem Gebiet, das von der Regierungsarmee kontrolliert wird.

Und noch etwas: Nach dem bisherigen Bildmaterial fliegen die russischen Jets (zuletzt insgesamt rund 30 Fencers, Su-25 "Frogfoot"-Schlachtflieger und Suchoi Su-30SM "Flanker-C"-Mehrzweckjets, es tauchten zudem schon Su-34 "Fullback"-Jagdbomber auf) ohne Markierungen - siehe oben die Fotos von den Fencers. Das ist völkerrechtlich fragwürdig: Schon laut Völkergewohnheitsrecht dürfen militärische Luftfahrzeuge nur eindeutig markiert an Feindseligkeiten teilnehmen. Zudem kann das im Ernstfall beim Aufeinandertreffen etwa mit französischen, saudischen oder US-Flugzeugen heikel werden.

>>> Zum Video des Luftangriffs hier.