20 Jahre Tian'anmen-Massaker: Schwarz sehen in Peking

(c) Reuters (David Gray)

Auch 20 Jahre nach dem Tian'anmen-Massaker lassen Chinas Führer keine offene Diskussion darüber zu. Denn dann käme ihre eigene unrühmliche Rolle zur Sprache.

Peking. Wer in China Zugang zu ausländischen Fernsehsendern wie BBC oder CNN hat, der starrt dieser Tagen immer wieder ins Leere. Plötzlich färbt sich der Monitor minutenlang schwarz. Das ist kein technisches Versagen, sondern ein Hinweis auf die schnellen Finger der Zensoren auf der „Aus-Taste“: Jeder Bericht zur Erinnerung an die blutigen Geschehnisse vom 4. Juni 1989 wird blockiert.

Niemand soll die Bilder jener Tage vor 20 Jahren sehen, als das Militär nach wochenlangen Demonstrationen hunderte Menschen auf den Straßen Pekings erschoss. Wie viele Menschen ums Leben kamen, bleibt bis heute Staatsgeheimnis. Das chinesische Rote Kreuz sprach damals von 2000 bis 3000 Toten.

Chinas Medien schweigen, der Jahrestag ist tabu. Im Internet sind die Kontrollen derzeit schärfer als sonst. Musikveranstaltungen und Seminare werden in Peking kurzfristig abgesagt, wohl um zu verhindern, dass jemand die Gelegenheit nutzt, vor Publikum spontan unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Damalige Aktivisten wie der Philosoph Liu Xiaobo sitzen in Haft, andere dürfen ihre Wohnungen nicht verlassen. Bei manchen Kritikern haben sich die Spitzel häuslich niedergelassen – eine beliebte Methode, ganze Familien zu schikanieren. An Pekings zentralen Punkten lauern Spitzel.

 

Große Angst vor Chaos

Warum reagieren die Behörden so panisch angesichts längst vergangener Ereignisse? Ist nicht China mittlerweile ein ganz anderes Land als vor zwanzig Jahren, viel wohlhabender, selbstsicherer und freizügiger? Die scharfen Vorkehrungen wirken umso merkwürdiger, als die Regierung allem Anschein nach sicher im Sattel sitzt: Selbst ihre schärfsten Kritiker glauben nicht, dass es in absehbarer Zeit zum Aufstand gegen die Partei kommt, zu groß ist die Angst vieler Chinesen vor Chaos.

Wovor sich die KP und ihr riesiger Sicherheitsapparat so gewaltig fürchten, ist nichts anderes als die Macht der Wahrheit. Zwanzig Jahre lang hat die Propaganda eine Nebelwand errichtet: Die Demonstrationen jener Zeit seien das Werk irregeleiteter Studenten und von „Agenten des Westens“ gewesen. Die Armee habe einschreiten müssen, um China vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Dabei seien die Militärs so zurückhaltend wie möglich vorgegangen.

Die Chinesen sollen vergessen, was wirklich geschehen ist: Die meisten der Demonstranten wollten nichts anderes als mehr soziale Gerechtigkeit und weniger Korruption. Sie forderten Zeitungen, die sie nicht mehr belogen. Sie träumten vom Recht, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Sie sangen die „Internationale“ und patriotische Lieder und sahen sich in der Tradition jener früheren Studentengenerationen, die China mithilfe von „Demokratie und Wissenschaft“ retten wollten – auch vor jenen Politikern, die damals den „Bürgerlichen Liberalismus“ bekämpften. Doch Erstaunliches geschieht in jenen Tagen in China. Viele, die sahen, wie die Panzer der KP die Hoffnung auf friedliche politische Reformen niederwalzten, haben lange geschwiegen.

 

Nur wenige Mutige

Jetzt aber, trotz des Risikos, festgenommen und bespitzelt zu werden, melden sich nach zwanzig Jahren plötzlich Zeitzeugen. Es sind nur wenige Mutige, die sich äußern. Wer weiter schweige, mache sich zum Komplizen der Täter, erklärte eine Pekinger Professorin auf einem Treffen Intellektueller und stellte ihren Beitrag ins Internet.

Fünf ehemalige Tian'anmen-Häftlinge beklagten in einem offenen Brief, noch immer wie Ausgestoßene behandelt zu werden. Ein ehemaliger Soldat beschrieb in seinem Blog reuevoll seinen Einsatz in Peking. Und ehemalige hohe Funktionäre berichteten stolz, wie sie halfen, die Memoiren des ehemaligen KP-Generalsekretärs Zhao Ziyang, der Sympathie für die Demonstranten gezeigt hatte, ins Ausland zu schmuggeln.

 

Kritik an Partei = Kritik an China

Doch in der Spitze der KP sitzen immer noch Leute, die damals für den Schießbefehl plädierten, die für die Verfolgung der „Rädelsführer und Konterrevolutionäre“ verantwortlich waren, die duldeten, dass ihre eigenen Genossen ins Gefängnis geworfen oder, wie Zhao Ziyang, über Jahre zu Hause festgehalten wurden. Bei einer offenen Diskussion müssten sie sich Fragen nach ihrer eigenen Verantwortung gefallen lassen. Premier Wen Jiabao ist so eine Figur, auch Präsident und Parteichef Hu Jintao.

Deswegen werden sie auch in Zukunft die Wahrheit über das Massaker unterdrücken. Deshalb behaupten sie, Kritik an der Partei sei Kritik an China – und deshalb unpatriotisch. Oder sie erklären, die Forderung nach Gedankenfreiheit sei eine westliche Erfindung, die nicht zur „chinesischen Kultur“ passe. 1989 wussten die Chinesen, dass dieses Argument nur Augenauswischerei ist. Viele wissen es auch heute noch – trotz aller patriotischer Fahnenschwenkerei. Gastkommentar Ian Buruma Seite 30

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