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Unteres Belvedere: Fisch, Fleisch? Frauenbild um 1900

Frauenpopo als Antwort an die Kritiker seiner Universitätsbilder, Klimts „Goldfische“, 1901-02.(C) Mus. Solothurn
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Eine seltsam unentschiedene Ausstellung mit tollen Leihgaben über das ambivalente Frauenbild von Klimt, Schiele und Kokoschka.

Da die Frau aus der Gesellschaft von heute nicht mehr wegzudenken ist (Loriot), war es nur eine Frage von ein, zwei oder eben 100 Jahren, bis das passiert: eine Ausstellung, die sich rein um die Frauenbilder der Wiener drei – Klimt, Schiele, Kokoschka – dreht. Man glaubt es kaum, „for the first time“, ist Jane Kallir ganz stolz bei der Pressekonferenz im Belvedere gestern, Mittwoch. Die New Yorker Galeristin und Schiele-Authorisierungs-Zentralorgan hat die Ausstellung mit Alfred Weidinger, Belvedere-Vize sowie Klimt-/Kokoschka-Monograf, kuratiert.

Während sich Kallir bei der Pressekonferenz mit dem aus den USA angereisten Hirnforscher und Wien-um-1900-Kapazunder Eric Kandel in ein charmantes Streitgespräch über den Künstler als Wissenschaftler, ja oder nein (eher jein), verstrickte, gab die Wiener Liga auf dem Podium eher verwirrende Superlative von sich, als hätte man die Ausstellung an sich neu erfunden. Vor zehn Jahren, so Weidinger, hätte man Derartiges so noch nicht sehen können, alles wäre brav formal, ohne Kontext abgehandelt worden (vor 30 Jahren vielleicht). Man hätte auch drei Künstler nicht in einem Raum gezeigt (ach ja?). Und überhaupt habe man im Vorfeld mit den Kunstvermittlern gesprochen und an die Besucher gedacht! Wir sind ergriffen!

 

Den Frauenbildern eine Stimme geben

Wir lernen erstens: Österreich vertut seit Jahrzehnten die Chance auf wissenschaftliche Hoheit in der Wien-um-1900-Forschung, was auf der Universität beginnt. Sowohl bei Klimt als auch bei Schiele sind es mittlerweile die Amerikaner, die uns ihre Kunst erklären. Auch wenn Einzelne, Weidinger oder Natter, fleißig Werkverzeichnisse schreiben.

Zweitens ist die Ausstellung dann doch eine ganz normale Ausstellung, trotz eingerichteter Direkt-Internetverbindung von der Ausstellung in Weidingers Büro (Frag den Kurator!). Genau diese Vermittlungsoffensive wird in ihrer Beliebigkeit aber zum Problem: Es ist zwar großartig, dass man viele der Frauenbilder mit eigener „Stimme“ ausgestattet hat – in den Begleittexten erzählen sie in Ichform selbst die Geschichte des Bildes. Warum aber sind die aus dem Lehmbruck-Museum extra ausgeborgten „Spielenden Kinder“ Kokoschkas so völlig stumm? (Haben sie doch konkreten Wien-Bezug, sie zeigen die Kinder von Richard Stein, Manz'scher Verlag). Oder warum bricht Hermine Gallia so plötzlich ab, erzählt nicht das ganze Schicksal ihres Klimt-Porträts von 1903/04? Etwa warum es heute das einzige Klimt-Bild in einem Londoner Museum ist? (Es konnte von der jüdischen Familie nach Australien gerettet werden, wurde später an die National Gallery verkauft.) So muss man der in Weiß gekleideten Hermine gleich im ersten Ausstellungsraum unwissend in die müden, das Gegenüber distanziert abschätzenden Augen schauen.

Dieser erste Raum, den Porträts gewidmet, ist der intensivste: Ein Blick nach dem anderen trifft einen, für jede(n) ist wohl einer dabei, der einen nicht kalt lässt. Vor allem Klimts Damenriege ist stark: Hermine Gallia (London), Fritza Riedler (Belvedere), Marie Hennenberg (Kunstmuseum Moritzburg Halle), Eugenia Primavesi (Toyota-Museum Japan) – die Geliebteste, Emilie Flöge, hat anscheinend keinen Ausgang bekommen aus dem Wien-Museum. Die Damen der Gesellschaft treffen hier Schieles weitaus erdigere Objekte der Begierde, seine kleine Schwester Gerti (1909 als unnahbare Dame gemalt, die sie nicht immer war für ihn, MoMA New York) und seine späte Frau Edith, die in naivster Einfalt, kindlich offen und mit hängenden Schultern vor uns steht, züchtig in ein gestreiftes Kleid gesteckt (Gemeentemuseum Den Haag).

Schieles jahrelange Geliebte Wally Neuzil begegnet uns erst weit später prominent, bei den „Paaren“ – in „Tod und Mädchen“ (Belvedere) sowie „Kardinal und Nonne“ (Leopold-Museum). Kein Wort der Erklärung hier, bei einem der radikalsten Gender-Spiele Schieles! Wessen Füße hat der Kardinal, welches Gesicht? (Schieles oder Wallys? Ist das schon Transgender oder Travestie?)

 

Keine Stimmen für die Künstler selbst

Zwar bekommen die Frauen in dieser Ausstellung Stimmen. Die Künstler aber bleiben seltsam stumm. Dabei sind die Frauen die wichtigsten Projektionsflächen für ihr Innenleben. Bei Schieles Frauen glaubt man sowieso, vor allem in der Zeichnung, immer ihm selbst in die Augen zu sehen. Kokoschkas Unsicherheit bis Frauenhass (er ist sozialisiert über Loos, Weininger) ist recht ablesbar. Klimts Faszination für Frauen als schwebende Amphibien im Wasser oder als Masturbierende im Raum schreit nach Analyse. Hier könnte man noch viel herauskitzeln.

Nicht einmal die konkreten Frauenbeziehungen der drei werden serviert: Klimt, der mit mehreren Modellen Kinder hatte, eine bürgerliche, vielleicht sogar lesbische Walkerin (Emilie Flöge) und bei Mama wohnte. Schiele, der inzestuös mit der Schwester begann und seine große Liebe wegen einer bürgerlichen Ehefrau verstieß. Und Kokoschka, der Spätzünder mit masochistischen Macho-Zügen, der eine Freundin „versklavte“ und von der anderen (Alma Mahler) versklavt wurde (er heiratete erst in seinen Fünfzigern eine Studentin).

Freud, Darwin und alle intellektuellen Einflüsse, von denen Eric Kandel so gern spricht – in der Ausstellung werden sie nicht greifbar. Die versprochenen „neuen Einblicke“ in die Geschlechterbeziehungen sind nicht absehbar, vielleicht ja im Katalog ablesbar. Alles ist ein wenig wirr, auch die Aufteilung in Kapitel wie Porträt, Mutter und Kind, Paare und Akt, die immer wieder gebrochen wird und dadurch verschwimmt.

Trotzdem. Großartige Leihgaben wurden errungen. Gerade in Wien spürt man deshalb umso mehr die Lücken. Die Goldene Adele (NY). Die (verlorenen) Universitätsbilder. Kokoschkas Windsbraut (Basel). Die Frauenbilder der großen drei weisen zwar auf die moderne, von manchen Zwängen befreite Frau der 20er-, 30er-Jahre hin. Aber sie sind auch Zeuginnen ihrer Vernichtung.

Klimt/Schiele/Kokoschka und die Frauen, bis 28. 2.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2015)