"Das Missverständnis" als absurder Thriller mit grausam kalten Puppen

Anna Badora hat eine ihrer besten Produktionen aus Graz für das Wiener Volkstheater übernommen. Nikolaus Habjan versteht es, das Drama von Albert Camus zu beleben.

Am Ende, nach eineinhalb Stunden faszinierenden Theaters, werden die Puppen auf der Bühne des Wiener Volkstheaters in einen Schrank gesperrt. Die Musik dazu: beklemmend, aber auch zynisch leicht. Ein Diener, blass und mit einer Maske wie aus einem Gruselfilm, packt die entseelten Hüllen von Mutter, Tochter und Sohn. Die Frauen haben den nach zwanzig Jahren heimkehrenden Jan (Florian Köhler) nicht erkannt, er hat sich, trotz der Warnungen seiner Frau Maria (Seyneb Saleh), aus nicht ganz durchsichtigen Gründen nicht zu erkennen gegeben, das Schicksal nimmt seinen irren Lauf. Die Mutter und ihre Tochter Martha sind Verbrecher. Sie bringen in ihrer kleinen Pension irgendwo in Böhmen Gäste um, die sie für reich halten – letztendlich auch den unerkannten Heimkehrer aus Übersee, der es dort zu einem Vermögen gebracht hat und seine Verwandten daran teilhaben lassen will. Er scheitert am „Missverständnis“, das dann auch die zwei Frauen in den Selbstmord treibt.

Dieses Drama in drei Akten, vom französischen Nobelpreisträger Albert Camus (1913–1960) in Paris unter deutscher Besatzung 1943 geschrieben und 1944 uraufgeführt, ist von elementarer Wucht, weniger von dramatischer Eleganz denn eine Illustration für seine Existenzphilosophie und vielleicht auch eine poetische Bewältigung der Unterdrückung in der Nazi-Zeit. Es wirkt etwas aus der Zeit, aber das spielt keine Rolle bei dieser fantastischen Inszenierung des Puppenspielers Nikolaus Habjan. Der Ko-Direktor des Schubert-Theaters hatte mit „Das Missverständnis“ in der vergangenen Saison bereits großen Erfolg im Schauspielhaus Graz, die Produktion ist für den Nestroy-Preis nominiert (Verleihung am 2. November 2015 im Ronacher), als beste Aufführung aus den Bundesländern. Anna Badora, die zu dieser Saison als Direktorin vom Grazer Schauspielhaus ins Volkstheater wechselte, nahm die Aufführung in ihr Repertoire in Wien auf – eine erstklassige Wahl, wie sich bei der Premiere am Freitag erwies.


Fast schon Zauberei. Mithilfe der Schauspieler, die nach Auftritten als Jan und Maria bald auch die Puppen bedienen, scheint Habjan zaubern zu können. Diesen dunkel gekleideten Figuren mit ihren verzerrten Masken, dem starren Blick und dürren Fingern wird Leben eingehaucht. Der Mund dieser Puppen klappt auf und zu, ihre Gesten sind sparsam, doch man bildet sich ein, ein komplexes Mienenspiel zu sehen. Auf die Bühne hat Jakob Brossmann eine verwunschene Welt gestellt. Eine steile Klippe ist diese von einem fahlen Tuch bedeckte Landschaft. Ganz oben, am Abgrund, steht das Haus der Mörderinnen, ihre verschwörerischen Stimmen hört man bereits aus dem Off. Die Pension erinnert an die Villa in Alfred Hitchcocks Kinothriller „Psycho“. Auch die Musik passt dazu. Eine Maske taucht auf, zieht das Tuch weg. Nun sieht man vorn die Stufen hin zur Pension hinten, eine Rezeption, dahinter ein vergittertes Fenster.

Schlag auf Schlag spielt sich die Tragödie ab. Jan erscheint mit dem Koffer, er hat einen Konflikt mit Maria, die ihn drängt, sich den Verwandten zu erkennen zu geben. Er hat das bei der ersten Begegnung verabsäumt. Nun wird er es auch beim Beziehen des Zimmers gegenüber der Schwester nicht tun, Martha wird seinen Pass achtlos beiseitelegen, ohne hineinzuschauen. Sie bleibt abweisend kalt. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Das einzige menschliche Zeichen Marthas besteht darin, dass sie dem unerkannten Bruder einen Tee aufs Zimmer bringt. Er enthält ein Schlafmittel. Der Weg zur Tat ist frei. Unten erwartet das Opfer nur noch der Fluss und in ihm der Tod.


Der Schrei. Wahrscheinlich ist dieser bedeutungsschwere frühe Text des Absurden (übersetzt ins Deutsche von Hinrich Schmidt-Henkel) heute nicht mehr leicht umzusetzen, doch durch die Puppen erreicht die Aufführung eine ungeheure Intensität. Die wenigen Unstimmigkeiten zeigen sich auch just, wenn die Schauspieler ohne Maskenspiel zu Gange sind. Übertrieben wirkt zum Beispiel der Schluss, wenn Maria, nun allein in diese fremde Welt geworfen, den Mund zu einem Schrei formt wie in einem Gemälde, die Hände in Verzweiflung hochreckt. Seltsamerweise wirken die kurzen Dialoge ohne die Puppen mit ihrer gestelzten Sprache viel weniger natürlich als mit ihnen. Das rastlose Arbeiten in den Köpfen dieser Figuren, ihre Kälte, ihr erbarmungsloser Bewusstseinsstrom spiegeln sich am besten in den bleichen Fratzen mit ihren fast schon toten Augen. Habjan wird zur mörderischen Martha, aber man sieht ihn dabei gar nicht mehr, so wie Saleh bald nur noch die eisige Mutter ist.

Für sein Puppenspiel „F. Zawrel“ hat Habjan bereits 2012 den Nestroy-Preis für die beste Off-Produktion verliehen bekommen – gut möglich, dass er auch 2015 für seine überzeugende Produktion von „Das Missverständnis“ ausgezeichnet wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2015)