Interview: "Wir haben eine institutionelle Krise"

(c) Stanislav Jenis

WU-Professor Werner Hoffmann spricht über die Krise der Institutionen, das Versagen des Staats und über die beängstigende Entwicklung einer »The winner takes it all«-Logik in der Wirtschaft.

Wie geht es dem Unternehmen Österreich?

Werner Hoffmann: Das Unternehmen Österreich hat 50 blühende Jahre hinter sich und einen bemerkenswerten Wohlstand erworben. Das Problem ist, dass wir seit Jahren an Wettbewerbsfähigkeit verlieren und dennoch nicht die Rahmenbedingungen verändern. Wir brauchen einen grundsätzlichen Strategiewechsel und eine Erneuerung des Unternehmens Österreich.

 

Das Sinnbild des österreichischen Wegs war die soziale Marktwirtschaft, waren die Sozialpartner. Wie kommt es, dass Erfolgsmodelle plötzlich nicht mehr funktionieren?

Wir haben eine institutionelle Krise. Den Institutionen ist jede Innovationskraft abhandengekommen. Da wird nur noch verzweifelt versucht, den Status quo für eine immer kleiner werdende Kerngruppe zu bewahren. Wir finanzieren uns heute einen Komfort, den wir uns nicht mehr leisten können, auf Kosten der Zukunft.

Sie kritisieren also die fehlende politische Nachhaltigkeit.

Was hier passiert, ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit. Ich glaube nicht, dass es unsere Hauptherausforderung ist, dass der CO2-Fußabdruck kleiner wird. Die größte Herausforderung in puncto Nachhaltigkeit ist, die Generationengerechtigkeit wiederherzustellen.

Sie sagen, wir leben auf Kosten unserer Kinder und Enkelkinder. Andere sagen: Schaut her, sie leben doch im Überfluss!

Natürlich geht es meinen Kindern materiell besser, als es mir als Kind gegangen ist. Die Frage muss heißen: Welche Lebenschancen haben unsere Kinder in Zukunft in Österreich? Werden sie sich selbst einen Wohlstand aufbauen können? Ich bin mir sicher, dass es unseren Kindern diesbezüglich schon heute schlechter geht als uns damals.

Wer hat versagt? Der Staat, der Markt?

Der Markt versagt nie, oder nur dort, wo es monopolartige Verwerfungen gibt. Denken Sie nur an die Griechenland-Krise. Am Anfang haben alle auf die Kapitalmärkte geschimpft, weil die Zinsen auf griechische Staatsanleihen so stark gestiegen sind. Recht hatten die Kapitalmärkte. Die Politik ist erst zwei Jahre später draufgekommen, dass Griechenland pleite ist. Das war kein Marktversagen. Das war ein Alarmsignal vor einem Politikversagen.

Zurück nach Österreich. Dass hier die Reallöhne seit Jahren nicht mehr steigen . . .

. . . ist sicher auch kein Marktversagen. Der Staat saugt immer mehr von der Bruttowertschöpfung ab. Das Geld kommt beim Bürger nicht mehr an. Es wird vorher vom Staat abgezweigt und leider nicht wachstumsfördernd verbraucht. Der Staat hemmt vielerorts mehr, als er fördert. Wir müssen die Staatsquote um zehn Prozent senken. Wir brauchen mehr Wettbewerb, das führt zu besseren Lösungen und zu Innovation.

Bessere Lösungen und Innovation: Sie meinen damit aber nicht den VW-Konzern?

Natürlich hat der Wettbewerb auch Schattenseiten. Das sehen wir am besten beim Sport. Dort lieben wir den Wettbewerb und vergöttern die Sieger. Würden wir die gleiche Leidenschaft für die Wirtschaft entwickeln, wäre schon viel gewonnen. Leider sind wir aus irgendeinem Grund auf unsere erfolgreichen Unternehmer nicht so stolz wie auf erfolgreiche Sportler.

Trotzdem, Doping gibt es nicht nur im Sport, sondern auch in der Wirtschaft.

Und in beiden Bereichen ist es schwer zu bekämpfen. Tatsächlich beobachten wir sowohl im Sport als auch in der Wirtschaft eine gefährliche Entwicklung. „The winner takes it all.“ Im Tennis verdient der Herr Djoković sehr viel Geld, aber der 17.-beste Tennisspieler der Welt verdient schon viel weniger, und wer nicht unter den Top 100 ist, hat Pech gehabt. Ähnliches passiert in der globalisierten Wirtschaft. Am Ende des Tages gibt es zwei oder drei weltweite Internethändler, die das Geschäft machen, sagenhaft reich werden, und alle anderen schauen durch die Finger.

Wird das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen außer Kraft gesetzt?

Ja, der Grenznutzen von Wachstum ist bekanntlich degressiv. Aber das gilt für Internetkonzerne nicht mehr. Da herrscht das Gesetz des zunehmenden Grenzertrags. Sollte das in allen Wirtschaftsbereichen um sich greifen, steuern wir auf ein Verteilungsproblem zu.

Einige wenige Superreiche müssen den Rest der Welt durchfüttern oder immer höhere Zäune bauen. Gibt es einen Ausweg?

Wir müssen die aktive Teilhabe am wirtschaftlichen Wohlstand sicherstellen. Es ist nicht befriedigend, wenn am Ende zehn Prozent die restlichen 90 Prozent erhalten. So kann eine Gesellschaft auf Dauer nicht funktionieren.

Muss der Staat doch Vermögen umverteilen?

Nicht umverteilen. Mir wäre lieber, man bekämpft das Problem durch – meinetwegen staatliche – Eingriffe schon bei der Entstehung von Vermögen. Nicht erst am Ende bei der Verteilung des Vermögens. Das würde zu einer Gesellschaft mit selbstbewussten Staatsbürgern führen und nicht zu einem Heer von unterprivilegierten, unterbeschäftigten Almosenempfängern.

Innovation

Werner Hoffmann ist Vorstand am Institut für strategisches Management an der WU-Wien.

Am 1. Juni 2016 findet das von Hoffmann initiierte Wiener Strategieforum auf dem Campus der Wirtschaftsuniversität statt. Thema ist unter anderem „Innovationsstrategie für Österreich und Europa“. „Die Presse“ ist Medienpartner des Strategieforums. Stanislav Jenis