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Warum Finnen raus aus dem Euro wollen

(c) EPA (SEPPO SIRKKA)
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Der Niedergang von Nokia hat Finnland in die Rezession getrieben. Nun überlegt der sitzen gebliebene Ex-Musterschüler sogar einen Euro-Austritt. Er hat aber auch bessere Ideen.

In Finnland macht der Sommer die Nacht zum Tag. Im Winter wird es nie richtig hell. Ähnlich extrem verläuft das Los der Wirtschaft. Zu Beginn der Neunzigerjahre platzte in Suomi, wie es auf finnisch heißt, eine Aktien- und Immobilienblase. Die Banken standen am Abgrund, die Zahl der Arbeitslosen schwoll an. Damals verhalf eine kräftige Abwertung der Finnmark und ein radikaler Strukturwandel zum Neustart. Es folgte ein goldener Sommer: Die Wirtschaft wuchs lange doppelt so stark wie im Schnitt der Eurozone. Doch seit der Finanzkrise 2008 ist ein neuer Winter angebrochen. Seit vier Jahren steckt Finnland in der Rezession. Das BIP liegt immer noch fast acht Prozent unter dem Vorkrisenniveau. Bei den Konjunktur im dritten Quartal war Finnland das Schlusslicht der Eurozone, noch hinter Griechenland und Österreich. Die Prognose bleibt verhalten. Nun treiben die Eisblumen der Krise seltsame politische Blüten: Nachdem über 50.000 Finnen ein Volksbegehren für einen Euro-Austritt unterschrieben haben, muss das Parlament darüber debattieren. An ein solches Szenario, erzwungen oder freiwillig, dachten bisher nur die Griechen, deren härteste Kritiker bekanntlich in Helsinki sitzen.

Wie konnte es dazu kommen? Gerne würden die Finnen das Wunder von 1992 wiederholen. Aber eine Zutat der damaligen Medizin fehlt: Eine Abwertung, die das Angebot der stark exportlastigen Industrie verbilligt, ist mit dem Euro nicht zu machen. Neidvoll schielen viele auf Schweden. Die Nachbarn haben sich mit ihrer Krone eine eigenständige Geldpolitik bewahrt – und sind im Wohlstand um 20 Prozent davongeprescht. Ein direkter Zusammenhang besteht nicht. Aber um ihn zu konstruieren, gibt es ja populistische Politik. Eine echte Chance hat der Vorstoß nicht: 64 Prozent der Bürger wollen weiter in der Eurozone bleiben. Aber er zeugt von Ratlosigkeit. Vordergründig haben drei Schicksalsschläge den Rückfall verursacht. Es geht um Nokia, Papier und Russland. Der einstige Weltmarktführer für Mobiltelefone sorgte zu seinen besten Zeiten für vier Prozent der Wirtschaftsleistung. Heute, nach dem verschlafenen Siegeszug der Smartphones, dem Verkauf der Handysparte an Microsoft und dem Wandel zum Netzwerkausrüster, steuert Nokia nur noch ein bescheidenes Prozent bei. Auch die Papierindustrie, bei der Finnland mit Stora Enso und UPM zwei weitere Schwerkaliber aufweisen kann, dürfte die digitale Revolution verfluchen: Weil die Nachfrage nach Gedrucktem sinkt, ist die Branche in der Krise. In einer solchen steckt auch Russland, der drittgrößte Handelspartner. Die Rezession brach dort schon vor dem Ukraine-Konflikt aus, die Sanktionen waren nur noch Zugabe.

Alles nicht zu ändern, gewiss. Aber für die tiefere Ursache der finnischen Krankheit gilt das nicht: Während die Produktivität in den letzten Jahren stagnierte, stiegen die Löhne im Hochlohnland weiter kräftig an. Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit liegt heute um 15 Prozent hinter Schweden oder Deutschland. Eine Abwertung, ist Finanzminister Alexander Stubb überzeugt, würde „nur kurzfristig etwas Schwung“ verleihen, aber auf Dauer schaden – „wie Doping im Sport“. Der sanfte Königsweg steht theoretisch fest: Finnische Produkte müssen so gut und innovativ sein, dass sie die hohen Preise rechtfertigen. Kaum ein anderer Staat hat den Samen für Innovation so dicht gesät: Das Bildungssystem gilt als vorbildhaft, die Forschungsquote ist extrem hoch. Und doch: Ein Teil der Anpassung muss aus einer „inneren Abwertung“ kommen. Und das heißt: den Gürtel enger schnallen.

Hart im Nehmen. Dabei aber zeigt die Regierung, bestehend aus Mitte-rechts und Rechtspopulisten und seit April im Amt, keine glückliche Hand. Premier Juha Sipilä, der eine illustre Karriere als Geschäftsmann hinter sich hat, will Staat und Land wie ein erworbenes Unternehmen umkrempeln. Erst hat er die Sozialpartner mit Lohnkürzungen beauftragt. Als diese zu keinem Konsens fanden, nahm die Regierung die Sache selbst in die Hand und entschied „über die Köpfe hinweg“, skizziert der österreichische Handelsdelegierte Herwig Palfinger. Längere Arbeitszeit, weniger Feiertage – also Maßnahmen, die ohne Lohnausgleich auf Kürzungen hinauslaufen. Nun aber haben die Gewerkschaften die Eingriffe durch Streikdrohungen gestoppt. Damit steht man wieder „bei Runde eins“ – mit ungewissem Ausgang.

Der Wandel in den Strukturen muss freilich ohnehin von der Wirtschaft selbst kommen. Die Stoßrichtung: weniger Abhängigkeit von einem Dutzend Großkonzernen, mehr kleine und mittlere Unternehmen. Die Szene für IT-Start-Ups ist lebendig. Aber auch in kapitalintensiven Sektoren wie Metall, Chemie und sauberen Technologien sieht Palfinger wegen der regen Forschungstätigkeit gute Chancen. „Die Finnen sind, anders als die Österreicher, sehr technikaffin geblieben“. Aber „sie sind keine guten Vermarkter“. Sie reden wenig. „Und mit ihrer Grundhaltung, dass sich ein gutes Produkt von allein verkauft, liegen sie falsch.“ Die Hoffnung ruht nun auf der jungen Generation, die schon im Ausland gearbeitet hat und internationaler orientiert ist.

Auf jeden Fall seien die Finnen „hart im Nehmen“ und bereit, die Flaute „zu durchtauchen“. Auf Hilfe der Politik hoffen sie nicht. So stark der Sozialstaat verankert ist, so wenig ist die Wirtschaft staatlich gesteuert: „Da denken sie angelsächsisch.“ Die Finnen packen es selbst an. Resignieren oder nach Sündenböcken suchen ist ihnen fremd. Womit sie mit den Griechen dann doch wenig mehr gemein haben als ein paar schlechte Zahlen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2015)