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Volkstheater: Bei Nestroy tobt in Wien der Klassenkampf

(c) APA/HERBERT NEUBAUER
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Susanne Lietzows Inszenierung von "Zu ebener Erde und erster Stock" ist schrill und schräg. In der bösen Tradition des Vorstadttheaters wird das Gemeine bloßgestellt, von echten Charakterköpfen und auch mit bissigen Couplets.

Darf man sich über Prachtexemplare des Prekariats amüsieren, die, endlich zu Geld gekommen, ins Wirtshaus rennen, um solche Mengen an Alkohol und Backhendln zu konsumieren, dass sie sich danach in ihrer Substandardwohnung kollektiv übergeben? Diesen Gag hat sich Susanne Lietzow bei ihrer Inszenierung von Johann Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“ geleistet. Bei der Premiere im Volkstheater wurde am Samstag sogar gelacht darüber, dass diese Karikaturen der Armut auch noch ausrutschen auf dem eigenen Erbrochenen. Danach legen sie sich erschöpft in eine Hängematte. Ein halbes Dutzend Menschen klettert in dieses grobe Netz, das nicht sozial aussieht, sondern nach Bedrängnis riecht. Ja, man darf, man soll diese „Lokalposse mit Gesang“ überzeichnet spielen, denn eigentlich ist das im Kern realistisch. Lietzow setzt den richtigen Akzent in einer mutigen, manchmal fahrigen Aufführung, die am Schluss im ausgiebigem Applaus mit einigen Buhrufen bedacht wurde.

 

Obszönitäten aus dem Kinderwagen

Das Stück ist grotesk, also haben die Darsteller groteske künstliche Nasen und Ohren, die Reichen zudem unförmige Bäuche, die aus Biedermeier-Anzügen hervorquellen (Kostüme: Marie-Luise Lichtenthal). Auch das Bühnenbild von Aurel Lenfert ist eine Karikatur: Oben, auf schiefer Ebene, Reichtum. Er besteht aus ein paar zierlichen Möbeln, die herrschaftlich anmuten sollen, aber vor allem ein Kontrast zum dicken Besitzer sind. Unten Armut mit Kübel, instabilem Wäschegestell und Kinderwagen, aus dem Sylvia Bra als Kleinkind Obszönitäten von sich gibt. Skurril wirkt auch Haymon Maria Buttinger als Achtjähriger – früh verwitterte Gesichter. Daneben spielt die Musik, (Leitung: Gilbert Handler), die das Geschehen schrill und subversiv kommentiert, laut Eigendefinition „Wiens emotionalste Garagenpunkband“.

Was für ein Geplärre! Doch all das Schräge passt irgendwie. Vorstadttheater war im Vormärz nicht zimperlich. Nestroy wandte sich 1835 mit diesem Stück vom Zauberspiel ab und schärfster Sozialkritik zu. Das Elend wurde damals in Wien heftig diskutiert. Mit der Idee, die Kluft zwischen Arm und Reich auf einer Simultanbühne darzustellen, landete der Dramatiker im Theater an der Wien einen Volltreffer: Oben im Aufriss eines Zinshauses residiert behäbig Herr von Goldfuchs (Stefan Suske) – Spekulant, Millionär. Unten haust die Patchworkfamilie des Tandlers Schlucker (Günter Franzmeier). Was verbindet diese Ungleichen, außer, dass beide Parteien dem Hausherren Zins (Lukas Holzhausen) Miete zahlen? Ach! Emilie (Nadine Quittner), die Tochter Herrn von Goldfuchs', ist in Adolf (Christoph Rothenbuchner) verliebt, den Ziehsohn der Schluckers, und er in sie. So verknallt sind die beiden, dass sie einander ihre hochromantischen Gefühle lang nicht eingestehen. Da bedarf es des kräftigen Anstoßes durch das Dienstmädchen Fanny (Katharina Klar), der Vertrauten Emilies, damit zumindest der Briefverkehr zwischen den Stockwerken samt der in Possen üblichen Verwechslungen in Gang kommt.

Alles scheint schiefzugehen: Von Goldfuchs will die Tochter mit dem Geschäftspartner Bonbon (Rainer Galke) verkuppeln, zudem macht sich Herr Zins Hoffnungen, und selbst im Parterre sind wirre Beziehungen zu klären. Da aber schlägt das Schicksal zu. Lietzow hat dafür einen zauberhaft-zynischen Einfall: Wie aus einem Märchenspiel, aber anders als bei Nestroy taucht öfters Fortuna (Kaspar Locher) auf, ein Goldjunge mit Zylinder, der in seliger Beschränkung oben nach unten kehrt und vice versa. Happy End für die Verliebten? Am Schluss weicht diese Inszenierung ebenfalls vom Original ab. Das Biedermeier war auch eine finstere Zeit, in der in Wien zuweilen die Cholera wütete. Also führt Fortuna hier einen Totentanz an.

 

Die Dachterrassen der armen Leute

Die Inszenierung mit ihren aktuellen Anspielungen auf Korruption und Dummheit (Emilie: „Die Armen in der Stadt könnten auf ihren Dachterrassen Gemüse anbauen“) ist gar nicht lieb, sie verbietet gallig das Süßliche, ist schwarz übermalt, ein Fest für Charakterköpfe wie Franzmeier und Suske, für Steffi Krautz als Frau Schlucker und Thomas Frank als ihr derber Bruder Damian, echte Volksschauspieler. Das Wienerische wird breit gefasst. Herr Zins hat einen ungarischen, Claudia Kottal als Damians großmütige Partnerin Salerl einen polnischen Akzent.

Bemerkenswert sind die Gesangseinlagen: Hat Wien jetzt einen neuen Johann Nestroy namens Hans Rauscher? Das zu behaupten wäre so schrill wie diese Inszenierung, aber ein Couplet, das dieser renommierte Journalist für den Diener Johann verfasst hat, ist wirklich treffend. Sebastian Pass, als Intrigant ein Kraftzentrum, lässt dabei die Sau raus. „Ja, ja, es wird Zeit“, raunzt Johann drohend, er träumt von anderen Herren, vom eigenen Erfolg und Statusgewinn: „Wir sind die Opfer“, meint er und „Ich bin das Volk“. Heiliger Nepomuk, Schutzpatron unserer Resig-Nation! Was dieser erst so Unterwürfige von sich gibt, sobald er glaubt, an die Macht zu kommen, fördert den Brechreiz. Blutig ist das falsche goldene Wienerherz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2015)