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Eine eiskalte Seelenlandschaft: „Totes Gebirge“

Zwischenspiel mit Masken (von links:) Susa Meyer, Ulrich Reinthaller, Stefan Gorski, Peter Scholz, Roman Schmelzer und Maria Köstlinger.
Zwischenspiel mit Masken (von links:) Susa Meyer, Ulrich Reinthaller, Stefan Gorski, Peter Scholz, Roman Schmelzer und Maria Köstlinger.(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

Stephanie Mohr inszeniert das geheimnisvolle neue Stück von Thomas Arzt im Theater in der Josefstadt mit hoher Energie und einem fein abgestimmten Ensemble, das vor allem eines vermittelt: Die Welt steht nimmer lang.

Was ist die Seele? Ein weites Land, heißt es im gleichnamigen Stück von Arthur Schnitzler. Was ist die Seele? Ein „Totes Gebirge“, wird im neuen Stück von Thomas Arzt insinuiert, das am Donnerstag im Theater in der Josefstadt uraufgeführt und nach zwei Stunden und 40 Minuten zu Recht mit starkem Schlussapplaus bedacht wurde. Der junge, preisgekrönte oberösterreichische Dramatiker, der bereits mit seinem Debüt, „Grillenparz“, 2011 im Wiener Schauspielhaus reüssieren konnte und seine Karriere konsequent fortsetzte, schuf in Wien mit kühnen Bildern eine weitere beeindruckende Seelenlandschaft.

Das konkrete Tote Gebirge, dieses karge Plateau der nördlichen Steiermark und des südlichen Oberösterreich, wird in konkreter Form bei der Inszenierung von Stephanie Mohr nur am Rande offenbar – als Landkarte und als Panorama, wenn sich die Vorhänge öffnen, für einen Blick in den Bühnenhintergrund. Zudem in den Personennamen (es sind die von Bergen) sowie als Erzählung darüber, dass vor vielen Jahren die Geschwister Raimund Woising (Ulrich Reinthaller) und Josefine Schönberg (Maria Köstlinger) eine Wanderung durch diesen Teil der Ostalpen gemacht haben, der beim Bruder offenbar eine starke Bewusstseinsänderung hervorgerufen hat. Allein irrte er durchs Gebirge.

 

Durch Drehtüren in die Gummizelle

Jetzt aber ist der suspendierte Lehrer Woising ausgerastet, er hat seine Biedermeier-Möbel zerschlagen und taucht mit einem Eispickel vor der Nervenheilanstalt auf. Sie hat sich in der Eingangsszene mit der Ärztin Theresa Mölbing (Susa Meyer) und dem Pfleger Anton Priel (Peter Scholz) als recht verwahrlost herausgestellt. Die Heizung funktioniert nicht, es schneit durchs Dach in diese laut Regieanweisung „psychiatrische Anstalt aus dem Fin de Siècle“, dem Zeitalter Schnitzlers also, herein. Das Stück spielt in der Gegenwart, den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr: „Hohe Räume, lange Gänge, große Fenster und ein Blick hinaus auf ein weitläufiges Parkareal.“

Beim Bühnenbild von Miriam Busch, einem drehbaren Kubus, dem außen auch seltsame Tableaus wie aus einem Altwarenhandel angefügt sind, fällt jedoch vorerst vor allem auf, dass der Raum schalldicht wie ein Tonstudio oder eine Gummizelle ausgestattet ist. Man betritt den Innenraum durch zwei Drehtüren, er ist Büro, Saal und Krankenzimmer in einem. Alle hier, auch das Personal und die Besucher scheinen wie die Patienten weggesperrt zu sein, lauter Einsame, die in einem besonders bedrängenden Moment archaisch anmutende Masken tragen.

Die Seele ist eine Gefangene, manchmal wird sie gar fest geschnallt und mit Medikamenten ruhiggestellt. Von Anfang an entsteht hier eine beklemmende Atmosphäre, die frösteln lässt. Hilflos, bereits vom Tod gezeichnet ist der drogenabhängige Nepomuk Elm (Stefan Gorski). Etwas besser scheint es um den alkoholkranken Emanuel Loser (Roman Schmelzer) zu stehen, der das Sanatorium an sich jederzeit verlassen könnte. Aber die Ärztin sagt ihm nüchtern, ja herzlos voraus, dass er doch immer wieder zurückkehren werde, so wie sie auch Elm längst aufgegeben hat. Hier leben Hoffnungslose, sie erwarten auch in Nestroy'scher Manier, dass bald ohnehin der Komet einschlagen wird, von dieser fixen Idee lässt sich Nepomuk kaum abbringen. Der Besuch von Frau Schönberg, einem Tatmenschen wie Frau Mölbing, wirkt sich eher verschärfend auf die Situation aus. Loser macht sich falsche Hoffnungen. Es rührt, wie er in Erwartung des Glücks den kahlen Raum mit Blumen drapiert. Und bei dem anfangs stummen Woising löst die Konfrontation mit der Schwester eine neue Krise aus. Sie fordert seine Entmündigung. Über den früheren Konflikt der beiden, dem die Ärztin nun auf die Spur kommen will, erfährt man nur Andeutungen.

Arzts lyrischer, vieldeutiger, melodischer Text gleitet nur selten ins Banale ab, er lässt viel Raum für Fantasie. Sparsam setzt er Anspielungen auf aktuelle soziale Missstände ein. Ausgerechnet diese Klagen werden von den Patienten vorgebracht. Dieses Tote Gebirge, diese karge Seelenlandschaft, dieses wüste Land ist eine einzige Depression. Die Szenen und Abschnitte mit bezeichnenden Namen wie Schnee, Regen, Sturm und Frost werden durch Gesangseinlagen segmentiert (Musik: Markus Kraler, Andreas Schett). Darin hält sich dieses sonst fein abgestimmte Ensemble, das von der Band Franui einfühlsam begleitet wird, recht tapfer. Die Inszenierung hat selbst in ruhigen Momenten hohe Energie – bis auf einige redundante, ja platte Passagen nach der Pause, die verzichtbar scheinen. Vielleicht aber hat man da einfach schon zu viel Leid gesehen.

Ein letztes Lied scheint anfangs noch Hoffnung zu geben. Das Sextett stimmt es in recht künstlich klingendem Alpenvorlanddialekt an: „Waundawaunsinnwiaraleachalschaß vafliagt.“ Ja dann? Dann endet das Lied mit einem überwältigenden, dunklen Naturbild: „Dahümmi feabalt si schwoaz.“

Termine: 26. Jan., 3., 6., 13./14., 16./17., 22., 27./28. Feb.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2016)