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Geschützte Tiere auf dem Bau

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Käfer, Kröte oder Ziesel: Fast jedes größere Bauprojekt in Wien ist mit geschützten Tierarten konfrontiert, die auf dem Baugrund leben. Bekannt sind nur einige prominente Fälle.

Zu Gesicht bekommt man ihn so gut wie nie. Wenn überhaupt, findet man nur seinen Kot und auch den nur, wenn man einen Spürhund dabei hat: Der Juchtenkäfer (oder Eremit genannt) ist eine so seltene wie unter Artenschutz (über die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU) stehende Käferart. Und gerade deswegen von großer Bedeutung: In Deutschland hat der Käfer dazu beigetragen, dass sich das Stuttgart-21-Projekt verzögert hat und die Baupläne adaptiert werden mussten. (Was den „Spiegel“ zu der Schlagzeile „Ein Käfer, sie zu knechten“ inspiriert hat.)

Und auch in Wien könnte diese bisher eher unbekannte Käferart bald eine nicht unwichtige Rolle spielen: Im Hörndlwald in Hietzing, wo Pro mente eine Klinik für Burn-out-Patienten errichten möchte, will die Bürgerinitiative (BI) Rettet den Hörndlwald den Käfer entdeckt haben. Genauer gesagt: dessen Kot. Kommende Woche wird die BI der Stadt ein Gutachten übergeben, in dem ein Experte das Vorkommen des Käfers auf dem geplanten Bauland nachweist. Das könnte, so hofft Merten Mauritz von der Bürgerinitiative, der Anfang vom Ende der Klinik sein. „Uns geht es darum, das Projekt möglichst lang hinauszuzögern, damit es für Pro mente uninteressant wird.“


Umsiedeln statt Projekte verwerfen. Dass bei geplanten Bauvorhaben auf dem Baugrund eine geschützte Tierart – davon gibt es in Wien immerhin 700 – nachgewiesen wird, ist an sich nichts Außergewöhnliches. Vielmehr ist davon „jedes größere Bauprojekt in der Stadt betroffen“, wie die Leiterin der MA22 (Umweltschutz), Karin Büchl-Krammerstätter, sagt. Sie stört, dass die Tierarten – wie zuletzt die ebenfalls geschützte Wanderkröte, die auf einem geplanten Bauland beim Nordbahnhof vorkommt – dabei als Verhinderer dargestellt werden. „Wien hat ein sehr strenges Naturschutzgesetz“, sagt sie. „Aber nur weil eine geschützte Tierart auf einem Baugrund vorkommt, heißt das nicht, dass sie das Projekt verhindert.“ Tatsächlich gibt es eine – auch dank sehr aktiver und lauter Bürgerinitiativen – kleine Zahl an prominenten Fällen, bei denen, je nach Sichtweise, geschützte Tierarten Bauprojekte verzögern oder große Bauprojekte Tiere bedrohen. Von einer Vielzahl der Fälle, in denen die MA 22 mit dem Projektwerber an Lösungen im Sinne des Naturschutzes findet, erfährt die Öffentlichkeit so gut wie nie. „Aus unserer Sicht läuft das in den meisten Fällen sehr gut“, sagt Büchl-Krammerstätter.

„Uns geht es darum, dass der Bestand der geschützten Arten nicht beeinträchtigt und ihnen Ersatzlebensraum geboten wird und den Individuen nichts passiert.“ Wie das gelingt? Bei Neubauten kann es etwa sein, dass der Bauträger für Gebäudebrüter wie Mauersegler Nischen zum Nisten errichten muss. Oder der Bauträger ein Ersatzgrundstück für die Tiere zur Verfügung stellen muss.

Bei Bauarbeiten beim Verteilerkreis Favoriten etwa wurden vor einigen Jahren Feldhamster gefunden – diese wurden damals mit Lebendfallen eingefangen und auf einem Grundstück in der Nähe ausgelassen. Von den Wechselkröten am Nordbahnhof (die vor Jahren schon den Bau der Park-&-Ride-Anlage in Erdberg verzögert haben) und dem Juchtenkäfer im Hörndlwald hat die MA 22 bisher nur aus den Medien erfahren, „das sind beides Projekte, die noch nicht einmal bei uns eingereicht wurden“. Dass dies passieren wird, ist aber wahrscheinlich: Denn neben einer Baubewilligung benötigen derartige Bauvorhaben eine naturschutzrechtliche Bewilligung, die nur ausgestellt wird, wenn sichergestellt wird, dass keine geschützten Tierarten gefährdet sind.

Ob es den Juchtenkäfer im Hörndlwald tatsächlich gibt – der Vorwurf, Umweltschützer könnten den Käfer dort absichtlich ausgesetzt haben, geisterte schon durch die Medien – oder nicht, sei gar nicht so wichtig: Da der Baugrund im Landschaftsschutzgebiet liegt, „wird es dort mehrere geschützte Tierarten geben“, sagt Büchl-Krammerstätter. Ein artenschutzrechtliches Verfahren dürfte es also sowieso geben.

Der Ziesel soll siedeln. Die wienweit bekannteste Tierart, die auf einem geplanten Bauland lebt, ist wohl der Ziesel in Stammersdorf: Hinter dem Heeresspital wollen die Bauträger Kabelwerk und Donaucity Wohnbau insgesamt 950 Wohnungen errichten. Allein: Weil dort eine Kolonie der streng geschützten Ziesel lebt, konnte mit dem Bau noch nicht begonnen werden.

„Wir haben dort drei Jahre verloren“, sagt Manfred Wasner, Geschäftsführer bei Kabelwerk. In Übereinstimmung mit der MA 22 wird versucht, die Nagetiere – mithilfe von Futteranreizen, Tunneln und Brücken – dazu zu bewegen, auf ein benachbartes Grundstück über den Marchfeldkanal zu übersiedeln. Sobald nachgewiesen werden kann, dass die Hälfte der rund 200 Ziesel das Ersatzgrundstück angenommen hat, kann – 50 Meter vom nächsten Zieselbau entfernt – mit den Bauarbeiten begonnen werden. Wasner hofft, dass die ersten 200 Wohnungen ab Herbst errichtet werden können. Ende 2019 soll die gesamte Siedlung fertig sein, „sofern die Ziesel es gestatten“. Derzeit freilich herrscht Stillstand: Die Tiere halten Winterschlaf.

Naturschutz

Die Stadt Wien hat ein strenges Naturschutzgesetz, in dem unter anderem geregelt ist, welche Tier- und Pflanzenarten geschützt sind. Neben 100 Pflanzenarten sind dies an die 700 Tierarten, darunter Ziesel, Fuchs, Dachs, Dutzende Vögel und Schmetterlinge und zahlreiche Heuschreckenarten. Ein Drittel des Stadtgebietes ist Landschafts- und Naturschutzgebiet. Infos: www.wien.gv.at/umweltschutz/naturschutz/

Projekte

Nordbahnhof. Auf dem Areal, auf dem 10.000 Wohnungen entstehen sollen, wurde die bedrohte Wechselkröte nachgewiesen.

Hörndlwald. Auf dem Areal, auf dem eine Burn-out-Klink geplant ist, soll der Juchtenkäfer vorkommen.

Stammersdorf. Seit Jahren verzögert eine Zieselkolonie den Bau von 950 Wohnungen hinter dem Heeresspital.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2016)