Österreichische Schrottautos für Afrika

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Jedes Jahr werden 180.000 gebrauchte Autos mehr oder weniger legal aus Österreich vor allem nach Afrika exportiert. Doch jetzt droht der Markt wegen der Verschrottungsprämie einzubrechen.

Die Anzeige liest sich vielversprechend für alle, die ein uraltes Auto loswerden wollen. „Wir kaufen alle“, steht da auf der Website flohmarkt.at. „Bastler! Gebrauchtwagen! Buse! zahlen fairen preis! bj – egal! ohne pickel – egal! ville km – egal! unfal, rost – egal! anzurufen 24h 0681-102xx xxx.“

Das etwas holprige Deutsch lässt schon ahnen, dass das nicht unbedingt ein inländischer Gebrauchtwagenhändler ist. Auch Schrotthändler drücken sich etwas besser aus. Ein kurzer Anruf bei dem Wertkartenhandy bestätigt: Der potenzielle Käufer ist aus Osteuropa. „Wir exportieren das Auto“, erklärt er. „In die Märkte, in denen es egal ist, ob es ein Pickerl hat oder nicht.“ Oder ville Kilometer.

Tatsächlich lässt sich mit dem, was in Österreich Schrott ist und möglicherweise sogar Kosten für die Entsorgung verursacht, woanders noch Geld verdienen. In – je nach Zustand des Autos – Serbien, Kroatien, der Ukraine, Bulgarien, Russland, Rumänien oder auch in Afrika. Und der Markt für Beinahe-Schrottautos ist kein kleiner: Von den ungefähr 260.000 Altautos, die jährlich in Österreich anfallen, werden 180.000 exportiert. Um eine Vorstellung von der Dimension zu bekommen, um die es hier geht: Im vergangenen Jahr wurden in Österreich 293.000 Neuwagen gekauft.

Der Export von Gebrauchtautos ist keine neue Idee: Legende sind die Geschichten von Studenten, die mit rostigen Pkw nach Syrien fuhren und sich mit dem Geld aus den Verkäufen ihr Studium finanzierten. Oder die mit einem Geländewagen Afrika durchquerten, um ihn am Ende gegen Flugtickets zurück nach Österreich einzutauschen.

Davon ist man mittlerweile weit entfernt. Die fast romantischen Studentenfahrten von einst haben sich zu einer florierenden Industrie entwickelt. Jedes Jahr werden aus Europa geschätzte sechs Millionen Gebrauchtautos in alle Welt verschifft. Einer der Hauptabnehmer ist Afrika, wo auch der klapprigste Altwagen Verwendung findet.


Wert von weniger als 2000 Euro. Die meisten Pkw haben einen Wert von „weit weniger“ als 2000 Euro, weiß man bei der Reederei Grimaldi in Hamburg. Sie ist einer der größten Autoverschiffer in Europa. Pro Jahr, erzählt Dirk Peters, bringe man 400.000 Fahrzeuge nach Afrika. Wöchentlich verlassen zwei Schiffe Hamburg und laufen fast jeden Staat an der Westküste des Kontinents an. Je nach Größe des Fahrzeugs und Bestimmungsort verlangt Grimaldi zwischen 300 und 500 Euro für den Transport. Das ist der „RoRo“-Preis: Roll-on, Roll-off. Die Pkw stehen in Zentimeterabstand auf der Fähre: Bei starkem Seegang kommen sie mit ein paar zusätzlichen Beulen an. Doch das stört bei diesen Autos niemanden.

Im Laufe der Jahre haben die verschiedenen afrikanischen Staaten ihre ganz eigenen Vorlieben für diverse Fahrzeuge entwickelt: Vom Senegal bis Ghana werden vor allem Pkw gekauft. In Benin und Nigeria bevorzugen sie Kleinbusse, in Kamerun und im Kongo Geländewagen.

Der größte Umschlagplatz in Afrika ist der Hafen Cotonou in Benin. Der Gebrauchtwagenimport macht in diesem Staat beachtliche 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Pro Fahrzeug werden je nach Zustand zwischen ein paar hundert und ein paar tausend Euro bezahlt. Selbst Pkw, die nicht mehr fahrbar sind, werden hier noch gehandelt.

„In Afrika haben sie für alles Verwendung. Die sind enorm einfallsreich, wenn es darum geht, ein Auto für irgendetwas zu adaptieren“, erklärt Jürgen Schlosser. Der Deutsche hat sich auf Lkw spezialisiert, die er in ganz Europa einkauft und dann nach Afrika verschifft. „Wenn gar nichts mehr geht, dann funktionieren sie einen alten Lkw-Motor eben zur Brunnenpumpe um oder zu einem Seilzug.“


Probleme mit neuen Motoren. 100 bis 150 Lkw verkauft das Ein-Mann-Unternehmen Schlosser jährlich an westafrikanische Staaten. Zwischen 5000 und 10.000 Euro kassiert er pro Lkw. Wobei er darauf achtet, dass kein Lastwagen neuer ist als Baujahr 1995: In dem Jahr fingen nämlich die technischen Raffinessen an, und damit kommt man in Afrika nicht zurecht. „Die elektronischen Einspritzungen haben Probleme mit dem gepanschten Benzin. Die alten Motoren schaffen das noch. Die sind spitze.“

Einer, der sich darüber weniger freuen kann, ist Walter Kletzmayr. Er ist Sprecher der österreichischen Schredderbetriebe und klagt über die „fast mafiosen Organisationen“, die die Autos nach Afrika schaffen. Denn jedes Fahrzeug, das Österreich verlässt, ist eines weniger für die Schredder. Außerdem gingen wertvolle Rohstoffe verloren: „Jedes Jahr verlassen 15 Millionen Tonnen Stahlschrott in Form von Autos Europa. Dazu 500.000 Tonnen Aluminium, Kupfer und Blei. 60 Tonnen Edelmetalle, wie etwa Platin (das in Katalysatoren verwendet wird, Anm.). Das muss man dann wieder teuer zurückkaufen.“

Dass das ein Problem ist, hat die EU schon vor Jahren erkannt. Deshalb hat sie eine „Altfahrzeugverordnung“ erlassen, die festschreibt, dass Autos als Abfall einem anerkannten Betrieb überlassen werden müssen und nicht exportiert werden dürfen. Doch diese Verordnung wird umgangen, wo es nur geht. Etliche Exporte seien illegal, weil die Autos eigentlich Schrott seien, erklärt man im Umweltministerium.

Mittlerweile regelt sich der Markt selbst – freilich erst nach einem Eingriff des Staates: Wegen der Verschrottungsprämie gibt es weniger alte Autos für den Export. „Wir bekommen kaum noch einen verwendbaren Gebrauchtwagen für weniger als 2500 Euro“, erzählt ein deutscher Exporteur, der nicht genannt werden will. 2500 Euro ist die Summe, die man beim deutschen Nachbarn beim Neuwagenkauf für sein altes Auto bekommt. „Früher haben wir zehn, 15 Fahrzeuge pro Monat exportiert. Jetzt geht es gegen null.“


Kontrollen in Österreich. In Österreich sind die 30.000 Pkw, für die der Staat 1500 Euro Ökoprämie ausgezahlt hat, auch nicht mehr verfügbar. Sie müssen nachweislich bei einem offiziellen Verschrottungsbetrieb landen. Im Umweltressort bereitet man gerade entsprechende Kontrollen vor.

Die Auswirkungen spürt auch die Reederei Grimaldi. Die Exporte von Gebrauchtautos nach Afrika seien seit Jahresbeginn um 20 bis 30 Prozent zurückgegangen, bestätigt Peters. „Der Markt bricht ein.“ Und selbst Schlosser klagt. Weniger wegen der Verschrottungsprämie, die trifft sein Lkw-Geschäft nicht wirklich, sondern wegen der anhaltenden Wirtschaftskrise. Die führe nämlich dazu, dass Firmen ihre Lkw länger fahren und Neukäufe aufschieben. „Manche Unternehmen sind beim Reparieren ihrer alten Lkw schon fast ähnlich einfallsreich wie die Afrikaner.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2009)