Volksoper: Wiener Gemütlichkeit statt Politik

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Aus dem Tonfilm "Der Kongress tanzt" wurde eine freche Operette, die das österreichische Lebensgefühl samt Spritzwein, Liebeleien und Grantigkeit feiert.

Kriege, Zerstörung und Armut – nach der Französischen Revolution war Europa aus dem Gleichgewicht geraten. Der Wiener Kongress sollte in den Jahren 1814 bis 1815 eine Neuordnung des Kontinents beschließen. Glaubt man der Handlung des Tonfilms „Der Kongress tanzt“ von Eric Charell, so dürften nicht nur heikle politische Debatten der Grund für die lange Dauer der Verhandlungen gewesen sein. Vielmehr bewirkt im Film die unlautere Dreifaltigkeit von Wein, Weib und Gesang, der die gekrönten Häupter Europas in Wien frönen, eine Verzögerung der zu treffenden Entscheidungen.

Die Musik zum Film, der im Jahr 1931 erschien, stammt von Werner Richard Heymann. Bis er im Jahr 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung ins Exil ging, lieferte er der Tonfilmindustrie zahlreiche bekannte Melodien, man denke etwa an „Ein Freund, ein guter Freund“ aus dem Wilhelm-Thiele-Klassiker „Die Drei von der Tankstelle“.

 

Zwischen Walzer und Intrigen

Aus der Vielfalt an schlagerhaft eingängigen Liedern Heymanns arrangierte Dirigent Christian Kolonovits nun eine bunte, freche Operette nach der Handlung des Films: Während die Crème de la Crème der internationalen Politik sich in Wien berät, verliebt sich Zar Alexander von Russland in die Handschuhmacherin Christel. Fürst Metternich (Robert Meyer) kommt das gerade recht. Sein Plan ist es ohnehin, durch ein möglichst breites Angebot an Vergnügungen die führenden Herren Europas von der Politik abzuhalten. Doch auch Metternichs Geheimsekretär Peppi ist unsterblich in die hübsche Christel verliebt.

Es ist zwar anzuzweifeln, dass die Operette viel mit historischen Tatsachen zu tun hat. Doch die Vermittlung des österreichischen Lebensgefühls funktioniert auf erstaunliche Weise: Während der Finanzminister die hohen Ausgaben für Wein und Feste beklagt, wird beim Heurigen geflirtet und in der Hofburg mehr getanzt als Politik gemacht. In die Dialoge hat Volksopern-Patron und Regisseur Robert Meyer zahlreiche launige, tagespolitische Seitenhiebe eingebaut.

Er selbst übernimmt die Rolle des schrullig intriganten Fürsten Metternich. Mit Sopranistin Anita Götz ist eine Idealbesetzung für die Rolle der Christel gefunden. Fast kindlich naiv gibt sie das verliebte Wiener Mädel, ist später wunderbar beleidigt, als ihr der Zar die kalte Schulter zeigt und reüssiert schließlich einsichtsvoll und gesanglich solid „Das gibts nur einmal, das kommt nicht wieder. Das ist zu schön, um wahr zu sein!“

 

Der Kongress tanzt . . . zu wenig

Auch die Männer an ihrer Seite lassen sich gleichermaßen sehen wie hören. Für die gesanglich einwandfreien Herren hat man tief in den Kostümfundus gegriffen und die Regenten der einzelnen Länder standesgemäß ausgestattet, vor allem „behütet“. Leider gibt die Kleidung mehr Aufschluss über ihre jeweilige Herkunft als der Versuch, mit englischem, französischem oder schweizerischem Akzent zu sprechen. Davon abgesehen gibt es einen weiteren kleinen Haken an der sonst so schillernden, amüsanten Produktion: Eine Operette lebt nicht nur von Schauspiel und Gesang allein. Zu ambitionierten tänzerischen Einlagen kommt es aber erst nach der Pause, wenn das Publikum eine Textzeile längst überprüft hat: „Das muss ein Stück vom Himmel sein: Wien und der Wein.“