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Kampf der Wegwerfgesellschaft

(c) BilderBox
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475 Kilogramm Müll wirft jeder EU-Bürger jährlich weg, darunter 123 Kilogramm Essen. Berlin will die Mindesthaltbarkeit hinterfragen und eine Farbskala in Verpackungen vorsehen.

Brüssel/Wien. Die gute Nachricht zuerst: Seit einigen Jahren sinkt das jährliche Müllaufkommen in der EU. Statt 527 Kilogramm pro Person im Jahr 2002 waren es 2014 nur noch 475 Kilogramm. Das ergab eine aktuelle Auswertung des Statistischen Amts der EU, Eurostat. Die schlechte Nachricht lautet: Der Anteil an wiederverwertbarem Material und an Lebensmitteln, die in den Müll wandern, ist kaum gesunken.

123 Kilogramm Essen landen laut der EU-Studie pro Einwohner jährlich im Müll. Viele Produkte werden schon vor Ablauf der Mindesthaltbarkeit weggeworfen, weil der Kühlschrank geleert oder ein Urlaub angetreten wird. Doch auch nach Ablauf dieser Frist sind viele Lebensmittel noch genießbar. Das Europaparlament fordert seit Monaten, dass im Rahmen der Ziele für die Erreichung einer Kreislaufwirtschaft auch über Maßnahmen zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen diskutiert werden müsse.

Deutschlands Bundesernährungsminister, Christian Schmidt (CSU), hat nun die Initiative ergriffen. Er fordert, wie der Internet-Nachrichtendienst Euractiv berichtet, die Einführung von elektronischen Chips in Lebensmittelverpackungen, die über eine Farbskala anzeigen, ob der Inhalt noch genießbar ist oder nicht. Auch andere technische Hilfsmittel wären seiner Ansicht nach möglich. Sein Ministerium hat bereits zehn Millionen Euro in ein Forschungsprojekt investiert, um Vorschläge für eine Verlängerung der Nutzbarkeit von Lebensmitteln zu erarbeiten.

Das grundsätzliche Problem liegt darin, dass ein Mindesthaltbarkeitsdatum, wie es auf den meisten Verpackungen aufgedruckt ist, keinen Hinweis auf das wahre Verfallsdatum liefert. Einige Lebensmittelunternehmen setzen die Mindesthaltbarkeit sehr eng an, obwohl die Waren noch Wochen oder gar Monate genießbar wären. Das deutsche Bundesernährungsministerium will deshalb die Mindesthaltbarkeit als Hinweis für Konsumenten so rasch wie möglich ersetzen. Bis 2030 soll durch alternative Informationen zur wahren Haltbarkeit von Produkten die Lebensmittelverschwendung halbiert werden. Peter Buchmüller, Obmann der Sparte Handel in der Wirtschaftskammer, hat sich, wie „Die Presse“ berichtet hat, bereits gegen eine solche Änderung ausgesprochen.

Österreichs Umweltministerium setzt vorerst auf eine Bewusstseinsänderung bei Konsumenten. Über die Initiative „Lebensmittel sind kostbar“ wird für eine Weitergabe von Lebensmitteln an soziale Einrichtungen geworben oder für die Verwendung einer Tafel-Box. Mithilfe dieses Frischhaltebehälters können auch zubereitete Speisen weitergegeben werden, die etwa bei Buffets von Catering-Unternehmen übrig geblieben sind.

 

Recycling verstärken

Im Kampf gegen die Wegwerfgesellschaft will die EU-Kommission auch zahlreiche andere Stoffe effizienter nutzen. Dabei geht es vor allem um Metalle und Kunststoffe. Derzeit werden nur 28 Prozent aller Abfälle in der EU wiederverwertet. Der Rest wird kompostiert, verbrannt oder auf Mülldeponien gelagert (siehe Grafik). Anfang März wurde im Kreis der EU-Umweltminister über das Recycling von Kunststoffen diskutiert. Dabei wurde das Ziel ins Auge gefasst, bis 2030 den Anteil von wiederverwertetem Kunststoff auf 55 Prozent zu erhöhen.

Zuletzt hat allerdings der niedrige Ölpreis solchen Vorhaben einen Strich durch die Rechnung gemacht. Durch das günstige Öl sind die Kosten für die Kunststofferzeugung gesunken. Dies führte dazu, dass derzeit eine Neuproduktion billiger ist als die Wiederaufbereitung von bereits genutztem Kunststoff.

Bis 12. April werden von der niederländischen Ratspräsidentschaft Vorschläge zur Erreichung einer Kreislaufwirtschaft geprüft und danach erneut im Kreis der 28 Umweltminister diskutiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2016)