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„Die Geliebte des Teufels“: Sex mit Goebbels zu Wagner-Musik

Die Geliebte des Teufels
(c) Thimfilm
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„Die Geliebte des Teufels“ ist ein kitschiges Melodram. Karl Markovics spielt den Propagandaminister wie einen verliebten Schüler, nicht wie den „Bock von Babelsberg“.

Eine alte Frau spricht im Interview von einer Beziehung, die sie vor mehr als 60 Jahren geprägt hat: „Ich habe einen Verbrecher geliebt.“ Sie blickt direkt in die Kamera: „Ein Verbrechen ist das nicht.“ Diese dokumentarisch anmutende Szene ist der Vorspann zu einem aufwendigen Spielfilm des tschechischen Regisseurs Filip Renč, der rasch ins Melodramatische abgleitet. Nach diesem Liebesbekenntnis erscheint in roter Schrift der Titel: „Die Geliebte des Teufels“.

Der Verbrecher, auf den die alte Frau verweist, war Joseph Goebbels, Propagandaminister des NS-Regimes, der sich 1945 mit seiner Frau Magda samt Kindern im Bunker umbrachte. Der Film aber handelt nur am Rande von dieser Vorzeigefamilie der Nazis. Im Mittelpunkt steht eine der vielen Sexpartner des für das Filmgeschäft zuständigen Ministers – die tschechoslowakische Schauspielerin Lída Baarová, die in den Dreißigerjahren nach Berlin gegangen ist und für einige Jahre ein exotischer Star der UFA war. Anfangs sieht man sie als junge Berühmtheit in Prag in einer Jazzbar. Die junge Frau (Tatiana Pauhofová) will ganz nach oben, ihr Ehrgeiz wird nur durch den ihrer Mutter (Simona Stasová) überboten. Schon fahren sie durch Berlin, in historische Aufnahmen eingeblendet: Vorsprechen für „Barcarole“, den ersten Erfolg der Baarová in Deutschland 1935. Ihr Partner ist Gustav Fröhlich (Gedeon Burkhard), der bald auch ihr Geliebter wird.

Sie verkehrt nun in höchsten politischen Kreisen. Tee bei Hitler (Pavel Kríz) in der Reichskanzlei, der ihr zu Wagner-Musik verklemmte Avancen macht. Schließlich aber landet der neue Star nach einiger Hinhaltetaktik doch bei Goebbels (Karl Markovics). Noch mehr Wagner-Musik, bei Tannhäuser oder Walküre steigt die Erregung. In einer lächerlichen Verführungsszene knistert und flammt es aus dem Kamin, als ob die Götterdämmerung bereits im Gange sei. Markovics hat die undankbare Aufgabe, den zynischen „Bock von Babelsberg“ wie einen verliebten Schüler zu spielen, der vor seiner Reifeprüfung steht. Die Affäre endet, als Frau Goebbels, die zuerst ein Dreiecksverhältnis akzeptiert, bei Hitler interveniert. Dieser reagiert rasch. Die Baarová wird fallen gelassen.

 

„Immer wird etwas dazuerfunden“

Das Politische wird hier überklebt mit Kitsch, statt Furcht und Elend des Dritten Reichs dominieren schöne Bilder, als ob sie von der UFA stammten. Sogar ein Pogrom ist verstörend ästhetisiert. Etwas realistischer sind die Szenen gegen Ende, als der einstige Star in der Nachkriegszeit in der Tschechoslowakei inhaftiert wird. Nur knapp entkommt sie dem Galgen, ihre Mutter stirbt beim Verhör, der Vater verliert ein Bein. Pathos pur, mit aufdringlichen Geräuschen als Markierung von Szenen, einfühlsamer Musik und ein paar interessanten Einsprengseln.

Intensiv sind vor allem die Zwischenschnitte mit der von Zdenka Procházková gespielten greisen Baarová, die kurz vor ihrem Tod in Salzburg im Jahr 2000 von ihrer großen Liebe berichtet. Rauchend, Rotwein trinkend, erzählt sie einer jungen Journalistin, der Enkelin ermordeter Juden, wie es früher einmal war. Man ahnt, dass diese Schauspielerin mehrere Versionen ihrer Geschichte parat hat: „Immer wird etwas dazuerfunden.“ In einem aber dürfte sie recht behalten haben. Nachdem sie von ihrer Freilassung aus dem Gefängnis berichtet hat, sagt die einstige angebliche große Liebe von Goebbels: „Was dann kam, ist nicht mehr der Rede wert.“ Die Greisin träumt weiter vom Lover mit den zarten Händen, der einen Ring mit Totenkopf trägt. Man kann das unbewältigte Vergangene auch richtig platt abschließen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2016)