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William Shakespeare: War es der Suff, und nicht die Syphilis?

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(c) APA/AFP/JACK TAYLOR
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Vor 400 Jahren starb Englands größter Dichter. Seither ist er mit seinen Dramen ein „Global Player“ geworden. Sein Ende aber bleibt so umstritten, wie die Frage, wer dieser Mann aus Stratford-upon-Avon wirklich war.

Als William Shakespeare im Alter von gerade 52 Jahren starb, wahrscheinlich am 23. 4. 1616, in seiner Geburtsstadt Stratford-upon-Avon, löste sein Tod anschließend keine überlieferte Reaktion in London aus. Das jedenfalls stellte Mark Twain 1909 in seinem kleinen Buch „Is Shakespeare Dead?“ fest: „Er sorgte nicht für Betroffenheit, er erregte keine Aufmerksamkeit.

Offenkundig begriffen seine angesehenen literarischen Zeitgenossen nicht, dass ein bedeutender Dichter aus ihrer Mitte gerissen worden war. Vielleicht wussten sie, dass ein unbedeutender Theaterschauspieler verschwunden war, doch erkannten sie ihn nicht als den Verfasser seiner Werke.“ Nicht einmal in Stratford hätte Shakespeares Tod Aufsehen erregt, mutmaßte Twain.
Dahinter steckte böse Absicht, denn der bissige US-Autor gehört zu jenen, die bestreiten, dass der Bürger aus Stratford drei Dutzend Dramen, Romanzen und 154 Sonette verfasst hat, die seither zum Größten in der Literatur der Neuzeit gehören. (Twains kurzweiligen Angriff kann man nun in einer deutschen Übersetzung von Nikolaus Hansen lesen: „Ist Shakespeare tot?“, Piper, 2016).

„Hamlet“ ist ein Film mit Mel Gibson

Auch Stephen Greenblatt, Professor für Geisteswissenschaften in Harvard, ein eminenter Theoretiker des „New Historicism“ und Star-Exeget Shakespeares, betonte eben in einem Essay für „The New York Review of Books“, dass der Tod des Dichters damals fast nicht zur Kenntnis genommen worden sei. Als drei Jahre später hingegen der große Schauspieler Richard Burbage starb, der als Hamlet, Lear und Othello legendäre Auftritte hatte, war das Aufsehen groß. William Herbert, Earl of Pembroke, dem Shakespeare vielleicht sogar seine Gedichte widmete, war so niedergeschlagen wegen des Verlusts von Burbage, dass er monatelang nicht ins Theater ging. Zu Shakespeares Tod aber – kein Wort vom Grafen. Das findet Greenblatt gar nicht sonderbar. Die Stücke lebten vom Gesprochenen, vom Spiel. Der Dichter im Hintergrund spielte eine geringere Rolle. Wir könnten es mit Hollywood vergleichen. „Hamlet“, das ist doch der Film, in dem Mel Gibson über die Leinwand tobte. Wer hat Regie geführt? Und wer schrieb das Drehbuch?

Es schien dem Zufall überlassen, welche Texte von damals erhalten blieben. Sie waren für den Gebrauch im Theater bestimmt, nicht für die Nachwelt. Dass so viele Stücke Shakespeares erhalten sind, ist ein Glücksfall. 1623 kompilierten zwei seiner Theaterkollegen, John Heminges und Henry Condell (die er im Testament bedacht hatte), 14 Komödien, zehn Historien und zwölf Tragödien in einen Prachtband, sieben Jahre nach seinem Tod. Ohne die erste Folio-Ausgabe wäre die Hälfte der Dramen verloren gegangen. Ben Johnson schrieb ein hymnisches Vorwort: „He was not of an age but for all time.“

Als Shakespeare im April 1616 starb, hatte er sich schon mehrere Jahre von Londons Bühnen zurückgezogen, wo er zwanzig Jahre lang höchst erfolgreich war. Doch das verblasst im Vergleich zu seiner Wirkung auf die Nachwelt. Inzwischen sind seine Stücke die meist gedruckten (Milliarden!) und gespielten der Welt. Shakespeare ist eine Industrie, die von London und Stratford aus global wirkt. Für den Dichter hingegen bedeutete es nur einträgliches Handwerk. Er reüssierte auch als Teilhaber am Globe Theatre, wo er zudem auf der Bühne stand. Sie machte ihn wohlhabend. Er investierte das Geld offenbar klug, kaufte Häuser in seiner Heimatstadt.

Von seiner spätesten Phase gibt es einige Dokumente. Wir erfahren also, dass er seiner Gattin Anne das „zweitbeste Bett“ vermachte, dass er in der Holy Trinity Church beigesetzt wurde. Geburt, Hochzeit und Tod mussten notiert werden. Die Monarchie war bürokratisch. Über die Schaffenszeit ab 1590 ist ebenfalls einiges bekannt. Die Theater und das Amt zu ihrer Überwachung mussten Buch führen. Dunkel sind die Jahre zuvor, Anlass für Legenden: S. musste aus Stratford flüchten. S. stand vor Gericht. S. war versiert in der Juristerei. S. war ein Söldner. S. reiste mit einem Adeligen durch Europa. S. war gar nicht Shakespeare. Über die Zeit, ehe der junge Mann nach London kam, zum Schauspieler gar und zum Dichter wurde, dessen Stücke bis heute nicht erschöpft sind, kann man viel behaupten.

Ein legendäres Gelage alter Dichter

Auch die Dramen bleiben vieldeutig. Sie entstanden in einer rastlosen Zeit der Entdeckungen, als Menschen aus Shakespeares Milieu Chancen auf Bildung erhielten, das Theater, in dem alle Schichten zusammenkamen, ungeheuren Aufschwung nahm, zum Topmedium wurde, besonders in der großen Stadt. Alle wollten hier unterhalten werden. Shakespeare gab der einsetzenden Moderne in vielschichtiger, unübertrefflicher Weise Ausdruck. Er schuf Hunderte individuelle Charaktere, Figuren voller Geheimnisse. Das macht ihn zu „unserem Zeitgenossen“.

Und wie ist er gestorben? Legenden. Die Syphilis hat S. hinweggerafft. S. starb nach einem Gelage mit alten Dichterfreunden, behauptete ein Pfarrer von Stratford – vier Jahrzehnte später. Der Gram über einen gemeinen Schwiegersohn hat S. fertiggemacht. Die Papisten haben S. umgebracht. Oder die Puritaner. Bollocks! Benvolio war dabei. Hören wir ihm doch einfach zu: „That gallant spirit hath aspired the clouds,/Which too untimely here did scorn the earth.“

Nachdichtungen von Dramen

Das Hogarth-Shakespeare-Projekt hat zum 400. Todestag des Dichters Autoren dazu ermuntert, je eines seiner Werke neu zu erzählen. Auf Deutsch sind bereits zwei Bände erschienen (Knaus-Verlag, je 20,60 Euro): Jeanette Wintersons „Der weite Raum der Zeit“ hat „Das Wintermärchen“ zum Thema, aus „Der Kaufmann von Venedig“ machte Howard Jacobson den Roman „Shylock“. Es folgen noch Anne Tyler („Der Widerspenstigen Zähmung“), Margaret Atwood („Der Sturm“), Jo Nesbø („Macbeth“), Tracy Chevalier („Othello“), Edward St. Aubyn „König Lear“) und Gillian Flynn („Hamlet“).