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Thomas Oberender: Regisseur, Gott im Taschenformat

(c) APA (Hans Klaus Techt)
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Der Theaterchef der Salzburger Festspiele, Thomas Oberender, enthüllt in einem Buch das „Leben auf Probe“, die Tricks eines Metiers.

Was ist die zentrale Aufgabe eines Schauspieldirektors? Er beobachtet das Theater. Das hat jedenfalls Thomas Oberender von den Salzburger Festspielen gemacht und ein schlankes Buch über sein Biotop geschrieben: „Leben auf Probe“ ist eine Liebeserklärung an die Schauspieler und eine Verteidigung der Regie, wobei sich der Mann in der Einleitung als Außenseiter eröffnet, der dem Theater sehr nahe steht. Über dessen „Gewalt, die nicht tötet“, schreibt er: „Diesem Wunder der Inkarnation kann sich ein Nichtschauspieler wie ich jedoch nur mit einem zarten Fremdeln nähern, das letztlich Ausdruck einer Liaison dangereuse bleibt.“

Solch ein Zugang weckt Empathie beim Kritiker, zugleich aber sollte man differenzieren: Vielleicht hat Oberender den Theaterdirektor nur gespielt, um als Schriftsteller die Welt der Bühne sozusagen inkognito enthüllen zu können. Das ist ihm gelungen. Denn diese fünf Essays, die um Literatur, Proben, Regisseure, das Stadttheater, vor allem aber um die Schauspieler kreisen, lassen tief blicken. Es ist ein kluges Buch mit erlesener Sprache, die in ihrer Eigenheit an Peter Handke oder Botho Strauß geschult zu sein scheint. Allerdings wird der Ton gelegentlich so hoch, dass man in Oberenders Minnelied einen unverbesserlichen Romantiker zu erkennen glaubt.

 

Oberenders Dissertation zu Botho Strauß

Dem Schriftsteller Daniel Kehlmann, der am Samstag seine Eröffnungsrede in Salzburg dazu nutzte, in kalter Abrechnung mit dem „Regietheater“ die Verwundungen einer zarten Seele preiszugeben, wäre dieses Handbuch des Praktikers zu empfehlen. Es geht Oberender nicht um den künstlichen Konflikt zwischen werktreuem und egomanischem Theater, sondern um die Differenzierung zwischen gutem und schlechtem Theater. Dafür hat der 1966 in Jena geborene Ostdeutsche breites Wissen gesammelt. Geschult an Bert Brecht, Heiner Müller und deren Epigonen, schrieb er seine Dissertation über Strauß. Auch arbeitete er als Dramaturg in Bochum und Zürich, ehe er 2007 von Intendant Jürgen Flimm nach Salzburg geholt wurde – eine Zeit voller Dramatik.

Oberenders Buch ist jedoch keine Abrechnung mit dem System geworden, für das er noch die Saisonen 2010 und 2011 gestalten wird, sondern ein Suchspiel für die vielen Menschen, denen er in seinem Beruf begegnet ist. Er enthüllt den Alltag. Wer kennt ihn nicht, den alternden Schauspieler, den das Gedächtnis verlässt? Verzweifelt ruft er der Souffleuse zu: „Sprichst du mal den ganzen Satz? Ich muss doch wissen, wie es weitergeht, nicht immer diese Häppchen, bitte!“

Solche Indiskretion ist für die Betroffenen leicht zu entschlüsseln, selbst wenn sich Oberender mit Namen zurückhält. Wahrscheinlich aber werden sich bei vielen Stellen mehrere Menschen gemeint fühlen, denn zumeist schlüpft der Autor in die Rolle des Bewunderers.

 

„Kunst kann niemals Täter werden“

Er verehrt die kalten Virtuosen, die mit dem Publikum spielen, aber auch die Gemütsschauspieler, für die die Bühne zum Leben wird. Er achtet die Bühnenbildner („Hier ist keine Nebensache nebensächlich, nichts Weggeworfenes zufällig an seinem Platz, alles erzählt...“) und begibt sich immer wieder in philosophische Diskurse, die nur etwas abgegriffen sind, wenn sie sich politisch färben: „Kunst kann engagiert sein, aber niemals Täter werden, niemals Macht.“ Tatsächlich? Das klingt wie eine zynische Anspielung auf das Motto der heurigen Festspiele: „Das Spiel der Mächtigen“.

Kompetent ist Oberenders zeitgemäße Analyse der Regiearbeit, die heute ungleich aufwendiger sei als in den Zeiten der Wanderbühnen. Einen Schöpfungsakt vollziehe der Regisseur, der „alles zum Material erklärt, das erst durch ihn Gestalt erhält“. Er sei ein „Gott im Taschenformat, der Demiurg, der Allbestimmer und Nutznießer vielfältigster Zuarbeiten“, durch den Weltanschauung sichtbar werde. Warum gibt es diese gesteigerte Bedeutung des Regisseurs? Für Oberender ist es nicht mehr möglich, ein reines Drama zu schreiben: „Wir leben im Zeitalter der Stücke, Projekte, Revuen, Performances und szenischen Installationen.“ Nach dieser Logik könnte man „Leben auf Probe“ glatt auch als eine Serie von Mikrodramen aufführen. Stoff genug gäbe das Buch her.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2009)