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Bildungsverweigerung können wir uns einfach nicht mehr leisten

Die Weiterbildung Geringqualifizierter ist nur ein kleiner Teil der Lösung. Wichtig ist vor allem, dass Kinder gar nicht mehr zu Hilfsarbeitern werden.

Es birgt eine Gefahr für die gesamte Volkswirtschaft. Das ergab eine OECD-Studie zum Thema Bildung und Einkommen. Problematisch sei es, wenn die unteren 40 Prozent gegenüber dem Durchschnitt den Anschluss verlieren. Dann würden die Kinder dieser Familien zu früh das Bildungssystem verlassen und würde die Volkswirtschaft an Schwung verlieren – weil Potenziale nicht mehr genutzt werden.

Bildung ist in einer Welt, in der Maschinen einfache körperliche Tätigkeiten längst übernommen haben und Computer drauf und dran sind, das auch mit geistigen zu machen, der Schlüssel für Konkurrenzfähigkeit. Das gilt für das Individuum, aber auch für den Staat. Es war daher richtig, mit Bildungskarenz und -teilzeit Möglichkeiten für die Weiterbildung parallel zur Arbeit zu schaffen. Das Angebot wurde auch ordentlich genutzt. Das erklärte Ziel, vor allem schwach Qualifizierte anzusprechen, wurde jedoch klar verfehlt.

Obwohl fast jeder fünfte Österreicher im Erwerbsalter bloß über einen Pflichtschulabschluss verfügt, stammt nur jeder achte, der die Karenz in Anspruch genommen hat, aus dieser Gruppe. Überproportional vertreten waren indes jene, die bereits Matura oder Uni-Abschluss in der Tasche hatten. Sie machen fast die Hälfte aller Karenzierten aus, obwohl sie in der Bevölkerung weniger als ein Drittel stellen.

Natürlich bringt auch bei höher Gebildeten jede weitere Ausbildung einen Nutzen. Und natürlich gab es auch andere positive Effekte, die in der Statistik nicht ersichtlich sind. So federte die Bildungskarenz während der Krise vielfach Kündigungswellen ab, was auch der Grund für das Verstummen der Kritik aus der Wirtschaft an dem System sein dürfte. In anderen Fällen mutierte die Karenz auch zu einer Art Burn-out-Prävention. Nebenaspekte, für die es durchaus legitim ist, wenn Steuergeld verwendet wird (Arbeitslose und Arbeitsunfähige kosten ja ebenso). Allerdings erfolgte das mit Bildungskarenz eben unter dem falschen Stichwort.

Warum konnte aber das eigentliche Ziel nicht erreicht werden? Zum Teil mag das am Finanziellen gelegen sein. So muss man sich den Einkommensausfall durch die Arbeitszeitreduktion leisten können. Und wer mit seinem Vollzeitjob gerade so über die Runden kommt, wird sich das zweimal überlegen. Hinzu kommt, dass es oft auch an der Kooperation der Arbeitgeber mangeln dürfte. Diese brauchen ja (noch) billige Hilfsarbeiter. Und sie können auf Tausende andere zurückgreifen, die beim AMS gemeldet sind.

Der zweite Grund sei jedoch die „generell schlechtere Bildungsneigung der Geringqualifizierten“, so AMS-Chef Johannes Kopf. Eine Analyse, die bei einem heiklen Thema ins Schwarze trifft. Denn eines wird bei der Diskussion um die Vererbbarkeit von Bildung gern vergessen: Sie ist nicht nur eine Bringschuld des Staates, sondern auch eine Holschuld der Bürger. Und in gewissen soziokulturellen Umfeldern herrscht nicht nur Bildungsferne, sondern richtiggehende Bildungsfeindlichkeit.

Hier beim 25-jährigen Pflichtschulabsolventen anzusetzen ist schon viel zu spät. Die Weichen für die Bildungskarriere werden nämlich viel früher – im Kindergartenalter – gelegt. Mangelnde Förderung durch die Eltern wird der Staat dabei nie ausgleichen können. Er kann aber versuchen, zumindest ein Mindestlevel sicherzustellen. Etwa über ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr, mehr Angebote für Ganztagsschulen oder eine Bildungspflicht, wie sie im Konzept der Industriellenvereinigung enthalten ist. Die Pflichtschule wäre dann nicht mehr nach neun Jahren, sondern erst nach Erreichen eines gewissen Bildungsniveaus abgeschlossen.

Klar ist, dass die Bildung der Bevölkerung über den Erfolg einer Volkswirtschaft im 21. Jahrhundert entscheiden wird. Eine Herausforderung, die sich durch die Zuwanderung von bildungsfernen Schichten weiter erschwert. Gerade hier hat Österreich besonders große Probleme – gehört es doch zu den wenigen Industrieländern, in denen die zweite Generation der Zuwanderer nicht besser als ihre Eltern gebildet ist. Ein Zustand, der geändert gehört. Denn mangelnde Bildung können wir uns künftig schlicht nicht mehr leisten.

E-Mails an: jakob.zirm@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2016)

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