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Weltbank: Schwache Regionen aussterben lassen

Favela Morumbi
(c) AP (ALEXANDRE MENEGHINI)
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Eine Studie der Weltbank warnt: Wer Geld in strukturschwache Gebiete schaufelt, bremst in Summe die Wohlstandsentwicklung. Nur hohe Mobilität und offene Märkte können Unterschiede ausgleichen, fordern die Forscher.

WIEN.Ein Sonntag in einer Grenzgemeinde, in einem entlegenen Bergtal oder in einem einst stolzen Industrieort mit wenig Zukunft. Wenn dort ein Lokalpolitiker seine Rede schwingt, dann klingt das mit ziemlicher Sicherheit in etwa so: „Ich werde Firmen in den Ort holen, mit Förderungen und Steueranreizen. Ich werde dafür sorgen, dass die Autobahn bis zu uns gebaut wird. Ich werde mit allen Mitteln verhindern, dass unsere Jugend ihre Heimat verlassen muss, weil sie nur in der großen Stadt ihr Glück findet.“

So funktioniert, schon seit Jahrzehnten, die Förderpolitik für strukturschwache Regionen, in der Ersten wie in der Dritten Welt. Sie läuft, erklärt die Weltbank nun provokant, seit Jahrzehnten in eine völlig falsche Richtung: „Die Märkte ziehen bestimmte Orte anderen vor. Die Konzentration zu bekämpfen bedeutet, den Wohlstand zu bekämpfen.“

 

Konzentration macht reich

Dieses Fazit des Weltentwicklungsreports 2009 fasst das aktuelle Paradigma zum Thema zusammen. Das theoretische Rüstzeug dafür nennt sich „Neue Ökonomische Geografie“. Erfunden hat sie der Ökonom Paul Krugman, er erhielt dafür den Nobelpreis. Mit ihm rückten Faktoren wie Mobilität und Transportkosten in den Mittelpunkt der Diskussion. Wohl zu Recht, denn kaum etwas ist für das materielle Wohlergehen eines Menschen wichtiger als der Ort, an dem er lebt. Und doch gibt es nichts, erklären die Autoren in Washington, was die Wirtschaftspolitik auf Dauer weniger beeinflussen kann als die Wettbewerbsfähigkeit dieses Ortes.

Der Wohlstand eines Staates lasse sich nicht gleichmäßig auf seine Fläche verteilen. Er ballt sich in den Großstädten, an den Küsten und entlang den Verkehrsströmen. Und das sei auch gut so: Nur wo Industrien und Ideen einander nahe sind, können sie sich auch gegenseitig befruchten und so für Wachstum sorgen. Weltweit seien alle Versuche gescheitert, den Armen in zurückgebliebenen Landesteilen dadurch zu helfen, dass man die Konzentration einbremst.

Als abschreckendes Beispiel nennen die Forscher die Sowjetunion. Dort zwang die kommunistische Führung ganze Sektoren, ihre Produktion in den Ural zu verlegen. Das trug zum wirtschaftlichen Kollaps bei. Die Industrieruinen vom Reißbrett läuteten schließlich das Ende des Systems ein.

 

Europas Erfolgsgeheimnis

Die Weltbank will freilich nicht die halbe Welt entvölkern. Auch ohne Eingriffe bleiben in „sterbenden Regionen“ Menschen zurück. Gerade so wenige, dass sie gut von dem leben können, was sich ihnen bietet: Landwirtschaft, Tourismus, Handwerk. Das ist in Europa längst passiert, seit der Industriellen Revolution, als Bauern in die Stadt zogen, weil sie vom Fabrikslohn etwas besser leben konnten als von der kargen Ernte ihrer Felder. „Warum sollten wir den Schwellenländern von heute das Erfolgsrezept vorenthalten, mit dem Europa reich wurde?“, ereifert sich Indermit Gill, Projektleiter des Entwicklungsreports, im Gespräch mit der „Presse“.

Dem Staat verbleibt eine wesentliche Aufgabe: Er muss überall Basisbedürfnisse erfüllen, durch Schulen, Energie und Krankenhäuser. „In vielen Gegenden, die nur mehr schwach besiedelt sind, genügt das“, erklärt Gill. Als Beispiel nennt er Zentralchina, von wo aus 150 Millionen Wanderarbeiter an die Küsten gezogen sind.

Anders sieht es in armen, aber stark besiedelten Gebieten aus. In Brasilien etwa konzentriert sich mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung im äußersten Süden. Aber auch im armen Norden ist die Bevölkerungsdichte hoch. Gill: „Hier muss man die Mobilität erhöhen, durch Straßen, Schienen und Flugverbindungen – selbst wenn das nur bedeutet, dass die Menschen schneller wandern.“

Für allzu viele aber scheint sich die Hoffnung auf ein besseres Leben in der Stadt nicht zu erfüllen. Schon heute lebt eine Milliarde Menschen in Slums an den Rändern der Metropolen. Auch die Weltbank erkennt darin die hartnäckige Schattenseite der Urbanisierung. Aber sie geht davon aus, dass die Menschen nicht grundlos fortziehen – sie leben in Slums immer noch besser als auf dem Land.

Und auf Dauer löse sich das Problem von selbst: Wo Menschen zu eng nebeneinander leben, weichen sie auf angrenzende Gebiete aus. Der Wohlstand ist ansteckend, er schwappt auf das Umland über. Das gilt auch zwischen Staaten: Das Wirtschaftswunder Japans hat den gesamten Fernen Osten mit höherem Lebensstandard „infiziert“. Voraussetzung dafür sind freie Märkte.

So plausibel das für viele klingen mag: Der österreichische Lokalpolitiker hat mit der Weltbank wenig am Hut – dort hat nur der Gamsbart Platz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2009)