Schnellauswahl

Schulrankings spalten die Bildungsforschung

Gute Schulen, schlechte Schulen: Über die Veröffentlichung von Maturaergebnissen herrscht Uneinigkeit.
Gute Schulen, schlechte Schulen: Über die Veröffentlichung von Maturaergebnissen herrscht Uneinigkeit.Die Presse/Clemens Fabry
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Seit es standardisierte Tests wie die Zentralmatura gibt, stellen viele die Frage: Warum werden Resultate der Schulen nicht veröffentlicht? Was dafür und was dagegen spricht.

Wien. Die Junos nehmen das Heft selbst in die Hand – oder besser gesagt: Sie holen es sich aus der der Maturanten. Unter dem Schlagwort #MaturaLeaks rufen sie die Schüler dazu auf, die Maturaergebnisse ihrer Schulen weiterzugeben. Denn Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) will nicht sagen, wie die einzelnen Schulen abgeschnitten haben. Nicht nur bei den jungen Neos stößt das auf Unverständnis. Seit es in Österreich standardisierte Tests gibt – neben der Zentralmatura auch die Bildungsstandards bei den Zehn- und 14-Jährigen –, stellen viele die Frage: Warum erfährt die Öffentlichkeit nichts über die Leistungen der einzelnen Schulen? Vor allem: Warum werden jenen, die die Schulwahlentscheidung treffen – den Schülern und Eltern – diese Daten vorenthalten?

Großbritannien ist für viele das Vorbild in puncto Transparenz. Seit Jahren werden dort solche Schulrankings veröffentlicht. Anhand der sogenannten „performance league tables“ kann jeder in der Zeitung nachlesen, wie die einzelnen Schulen bei standardisierten Tests abschneiden. Für Eltern vor allem in größeren Städten ein wichtiger Indikator bei der Schulwahl. Ganz unumstritten ist das trotzdem nicht. „Jedes Jahr werden dieselben Argumente aufgegriffen“, schreibt der konservative „Telegraph“ in seiner Einleitung zum jüngsten Ranking. „Geben die Resultate ein korrektes und faires Bild dessen wieder, wie erfolgreich eine Schule dabei ist, die Kinder auszubilden? Führen sie dazu, dass Schüler nur noch auf diese Tests getrimmt werden – damit die Schule ja gut abschneidet?“

 

Schulen stehen am Pranger

So sehr geht man im heimischen Bildungsministerium gar nicht ins Detail, um zu argumentieren, dass die Schulresultate unter Verschluss bleiben: Man wisse anhand dieser Daten, welche Schulen schlecht seien – und arbeite gemeinsam mit der Schulaufsicht daran, sie zu verbessern. Dafür müssten diese aber nicht veröffentlicht werden. Mehr noch, sie sollen es nicht, vor allem aus einem Grund: „Wir wollen keine Schulen schlechtmachen.“ Frei übersetzt: Wenn man in Österreich eine solche Liste veröffentliche, beginne das Bashing einzelner Standorte. Jene Schulen, die es ohnehin schon schwieriger hätten, würden auch noch an den Pranger gestellt.

Das ist ein Argument, das sogar Eltern teilen, die – Stichwort Schulwahl – von Ranglisten besonders profitieren würden. „Ich bin immer für mehr Transparenz, aber es ist zu befürchten, dass eine Veröffentlichung der Schulergebnisse massive negative Konsequenzen hätte“, sagt der oberste Elternvertreter, Gernot Schreyer, der sich wünscht, dass sie im Schulgemeinschaftsausschuss diskutiert werden. Auch Anne Mautner-Markhof, die die Eltern an den katholischen Privatschulen vertritt, drängt nicht auf eine Rangliste. „Wir haben sicher nichts dagegen, dass die Resultate veröffentlicht werden. Aber wenn, dann erst in einigen Jahren. Das System muss sich erst etablieren.“

 

In zwei Jahren veröffentlichen

Die frühere AHS-Direktorin Christa Koenne ist offensiver: „Der Geldgeber – das ist in diesem Fall der Bürger – hat ein Recht zu erfahren, wie der Output aussieht.“ Die Konsumenten, also die Eltern bzw. die Schüler, wüssten, worauf sie sich einlassen. Und: Es wäre auch ein Anstoß für Entwicklungen an den Schulen. Koenne würde den Schulstandorten noch zwei Jahre Zeit geben – und mit dieser Vorwarnung die Maturaergebnisse veröffentlichen. „Das ist eine harte Intervention, die viel bringen kann.“ Die Konkurrenz zwischen Schulen werde so verstärkt. Das habe natürlich auch Nachteile. „Aber in der Oberstufe nehme ich das in Kauf.“ So argumentieren auch viele andere: In Kombination mit mehr Autonomie sei eine Veröffentlichung der Ergebnisse bei Leistungstests ein Mittel, um die Qualität zu steigern.

Bildungsforscher Stefan Hopmann sieht das anders. Er bezweifelt zunächst einmal die Aussagekraft: Die Zentralmatura gebe kein repräsentatives Bild darüber ab, wie gut eine Schule tatsächlich sei. Sondern nur, wie gut diese eine Prüfung bewältigt wurde. Vor allem im Mittelfeld führe das von einem Jahr zum nächsten zu Schwankungen.

Und während die Spitzenschulen meistens an der Spitze und die schlechten meist im Keller bleiben würden, würden Rankings bei jenen, die wider Erwarten Erfolg oder Misserfolg haben, zu Unruhe führen. Eltern würden Druck machen, alle Energien würden in den nächsten Leistungstest gesteckt. „Und es kommt zu Wanderungsbewegungen und damit zu verstärkter sozialer Selektion.“ Wer kann, schickt sein Kind an eine Schule, die in der Rangliste gut abschneidet. „Die armen Kinder bekommen schlechte Schulen mit schlechten Lehrern.“

Früher oder später würden die Daten aber wohl trotz allem veröffentlicht. Die Öffentlichkeit wolle diese Informationen. „Und irgendwann gibt der Staat dann auf.“

AUF EINEN BLICK

Die Zentralmatura hat laut Bildungsministerium große Unterschiede zwischen einzelnen Schulstandorten und auch zwischen einzelnen Klassen aufgezeigt. Gegen eine Veröffentlichung der Schulergebnisse sperrt sich das Ministerium aber bis dato. Man wolle Schulen nicht schlechtreden, sondern ohne Veröffentlichung daran arbeiten, dass sie besser werden. Experten sind uneins, was eine Veröffentlichung bringt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2016)