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Nissan e-NV200: Ein Fremdwort namens Reichweitenangst

Niedliches Reifenformat, Antrieb, Vorderachse und die breitere Sour vom Leaf: Nissan e-NV200.
Niedliches Reifenformat, Antrieb, Vorderachse und die breitere Sour vom Leaf: Nissan e-NV200.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Der Nissan e-NV200 ist für das städtische Verkehrstreiben überragend geeignet. Anders als seine Artgenossen ist er auch für Transporte und Bike-Ausflüge zu Diensten. Am beeindruckendsten aber: Wie viel Spaß das Fahren macht.

Die erste Generation der neuzeitlichen Elektroautos amüsierte uns, wenn wir nicht gerade im Zustand der Reichweitenpanik fieberten. Es waren Vehikelchen wie der finnische Think! und der Mitsubishi i-MiEV samt seiner Derivate von Citroën und Peugeot.

Irgendwo musste ja mit dem neuerlichen Anlauf des E-Autos begonnen werden, das fast so alt ist wie das Auto selbst.

Es verdichten sich die Indizien, dass es diesmal bei uns bleiben und den Fuhrpark auf unseren Straßen nachhaltig durchmischen wird. Da gibt es weltweit emissionsgesetzliche Vorgaben, die den Herstellern gar keine Wahl lassen, und viele der bedeutenden, die längste Zeit widerständigen Player haben das E-Auto tatsächlich von der Sonntagsrede in die Entwicklungszentren transferiert. Die elektrischen Autoneuheiten werden die spektakulärsten der nächsten Jahre sein. Schon 2017 geht es los.

Am sichersten macht uns aber die Kürze der Zeitspanne, die zwischen dem unsäglichen Think! von 2010 und beispielsweise dem formidablen Nissan e-NV200 von heute liegt. Bei etwa gleichem Preisniveau hat sich die Reichweite mehr als verdoppelt, die Motorleistung deutlich erhöht und der Nutzwert ungefähr verfünffacht. Dass Elektroautofahren Spaß macht, sollte jeder schon als Kind im Prater beim Autodrom gelernt haben.

 

Hereinspaziert: Für hinten hat der e-NV200 zwei Schiebetüren und eine Klappe.
Hereinspaziert: Für hinten hat der e-NV200 zwei Schiebetüren und eine Klappe.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Preisfrage noch knifflig

Die Preisfrage bleibt jedoch knifflig, und auch wenn der Nissan weit mehr als bloß zumutbar ist, so kostet er doch 20 bis 25 Prozent mehr, als er kosten sollte.

Das gilt für praktisch alle E-Autos auf dem Markt und liegt an ihrer geringen Verbreitung, die den Herstellern wiederum keine Skaleneffekte ermöglicht. Um über diesen Berg zu kommen, braucht es staatlichen Anschub, und diesen gibt es auch vielfach, seit Kurzem in Deutschland (5000 Euro Kaufprämie) und schon bald wohl auch in Österreich. Wen das empört, der möge bitte die steuerliche Bevorzugung von Dieselkraftstoff argumentieren.

Nun aber schnell ans Steuer des dezent surrenden Nissans, den wir nach Ablauf der Testdauer und knapp 600 Kilometern nur sehr unwillig retournierten. Das Auto ist für das städtische Verkehrstreiben so überragend geeignet, dass daraus ein Suchtfaktor entsteht.

Das liegt an der enormen Spritzigkeit, die dem E-Antrieb grundsätzlich innewohnt, an der lässigen Bedienung mit nur einem Pedal, weil man damit neben dem Beschleunigen die allermeiste Zeit über auch rekuperierend das Bremsen übernimmt, und dem Fahrzeugformat, das einen hoch sitzen und große Mengen an Mensch und Material verstauen lässt – entweder bis zu sieben Personen mit etwas Gepäck oder Bike-Ausflüge/Umzüge als Zweisitzer mit transportergroßem Laderaum. Die hinteren Schiebetüren sind immer ein Gewinn, weil sie den Zugang maximal freigeben.

 

Versatiler Crossover

Das unterscheidet den e-NV200 markant vom Leaf, der die komplette Antriebstechnik spendet. Der Leaf hat seine Meriten, aber auch den Makel, einer nicht mehr allzu attraktiven Fahrzeugklasse anzugehören. Diese kommt auch so bald nicht wieder in Mode. Dahingegen blüht das elektrische Antriebskonzept in Form des versatilen Crossover förmlich auf.

Auch mit dem als Pkw oder Lieferwagen erhältlichen NV200 als Benziner oder Diesel hat der elektrisch nur in Vollausstattung ausgelieferte Evalia beschränkte Gemeinsamkeiten. Nicht nur der Antriebsstrang, auch die Vorderachse ist dem Leaf entnommen, wodurch der e-NV eine größere Spurweite hat (vorn plus 40 mm, hinten plus 20 mm) – das lässt ihn samt verbreiterter Kotflügel nicht nur etwas gefälliger dastehen, das fühlt sich auch in Kurven profunder an.

Die Lithium-Ionen-Batterie mit 24 kWh Kapazität ist mittig in der Bodengruppe untergebracht, das Mehrgewicht von je nach Ausstattung mindestens 100 kg ist durch das Mehr an Power leicht kompensiert. Bei gleicher Leistung hat der e-NV200 deutlich mehr Drehmoment als der Diesel – wie man das von E-Motoren weiß, ist es praktisch augenblicklich voll verfügbar.

Das macht einen zu den schnellsten Ampelstartern, wenn man es darauf anlegt. Auch Zwischenspurts fallen eindrucksvoll aus – ihrer ansatzlosen Vehemenz, aber auch eleganten Lautlosigkeit wegen. Bis das Ortsgebiet zur Neige geht. Ist man in der Peripherie noch hervorragend unterwegs, zählen Autobahnen zu den weniger vergnüglichen Abschnitten.

Doch längeres Überland ist keine Unmöglichkeit. Smatrics hat ein brauchbares Netz an den maßgeblichen Achsen durch das Land aufgezogen, und per Chademo-Stecker rauschen 50 kW durch die Leitung. Somit hält einen ein durchschnittlicher Raststättenaufenthalt für die nächste Etappe im Sattel.

In der Stadt kamen wir als klassische Laternenparker stressfrei über die Runden – nur die Supermarkt-Präferenz hat sich verschoben, was an der Ausstattung mit Ladesäulen liegt. Teil des Nissan-Smatrics-Deals: Das Laden ist ein Jahr lang gratis. Auch ein Wort.

NISSAN E-NV200 TEKNA

Maße: L/B/H 4560/1755/1850 mm. Radstand 2725 mm. Leergewicht ab 1614 kg (fahrbereit, inkl. 75-kg-Fahrer).

Ladevolumen max. 2,9 qm.

Antrieb: Elektromotor, max. Leistung 80 kW (109 PS), max. Drehmoment 254 Nm. Batteriekapazität 24 kWh.

Vmax 123 km/h.

Stromverbrauch 16,5 kWh/100 km (lt. NEFZ). Reichweite 170 km (lt. NEFZ). Reichweite im Test 130–160 km.

Frontantrieb. Automatikgetriebe, stufenlos. Nutzlast 481–606 kg.

Max. sieben Sitzplätze.

Preis: 32.140 Euro (bei Batteriemiete), 38.044 Euro (bei Batteriekauf), 5-Sitzer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2016)