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Die unbemerkten Millionen Gastarbeiter

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Ein usbekischer Gastarbeiter entfernt Schmutz von seinen Füßen. Der Mann verdingt sich an einer Baustelle.Dmitrij Leltschuk/laif/picturedesk.com
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Während Westeuropa unter dem Flüchtlingszustrom stöhnt, findet auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ein wahrer Strom von Arbeitsmigranten statt. Seit Jahren ziehen Millionen auf Jobsuche nach Russland.

Wenn das Weltgeschehen einen toten Winkel hat, dann liegt er auf halbem Weg von Moskau nach China. Hier, wo derzeit die saftigen Früchte des Südens in voller Farbenpracht erstrahlen, täuscht der Begriff Zentralasien darüber hinweg, dass man eigentlich in der Peripherie der Wahrnehmung lebt. Und hier, wo das Tianshan-Gebirge mit seinen mächtigen Siebentausendern die Silhouette prägt, verleitet die Natur leicht zur Annahme, dass Ruhe und Frieden in den sogenannten Stan-Staaten waltet.

Dabei sind diese Ex-Sowjetrepubliken von Ruhe weit entfernt. Schon allein die Nachbarschaft zu Afghanistan hat diese seit jeher verhindert. Dazu die internen ethnischen Spannungen, die wiederholt zu Zusammenstößen ausarteten. Und nun seit dem Vorjahr auch noch die soziale Bombe kombiniert mit der steigenden Gefahr der islamistischen Radikalisierung. Neulich hat sie sich in Kasachstan entladen, und nach dem verheerenden Terroranschlag auf dem Flughafen in Istanbul am 28. Juni wurden zum ersten Mal auch Zentralasiaten als Drahtzieher festgenommen.

Die Sache ist so dramatisch, wie sie klingt. Und auch wenn der große Bruder Russland nicht schuld an dieser neuen Gefahr ist, so nimmt die jüngste Zuspitzung des Problems doch dort ihren Ausgang. Seit Russland von einer tiefen Wirtschaftskrise erfasst ist, strahlt das auch auf die Nachbarstaaten aus. Nicht nur der Handel ging zurück. Schlimmer ist, dass Russland seine Migrationspolitik änderte und massenweise Gastarbeiter in ihre Herkunftsländer zurückschickte.

An die zwei Millionen usbekischer Arbeitsmigranten seien in den vergangenen eineinhalb Jahren aus Russland zurückgekommen, sagen Offizielle in Usbekistan. Von einigen Hunderttausend spricht man im Armenhaus Tadschikistan. Und obwohl die Zahlen wohl zu hoch gegriffen sind, weil laut offizieller russischer Statistik „nur“ etwa eine Million Gastarbeiter das Land verlassen hat: Ein Teil von ihnen gilt aufgrund der fehlenden Arbeit und der mangelnden Verwurzelung zu Hause als anfällig für islamistische Rattenfänger, die sich in Zentralasien seit Langem herumtreiben. „Unsere wirtschaftlichen Bedingungen bergen das Risiko, dass sich ein Teil dieser Menschen extremistischen Gruppierungen anschließt“, meinte Gusel Maitdinowa, Leiterin des Zentrums für geopolitische Studien in Duschanbe, schon im vergangenen Jahr.

Lang hatten Gastarbeiter die Möglichkeit zu einem guten Verdienst in Russland gefunden. Gerade Usbeken und Tadschiken, aber auch Kirgisen stellten aus Mangel an Perspektiven im eigenen Land neben den Ukrainern und Moldawiern den Großteil der dortigen Fremdarbeiter. Vor allem, als beim großen Bruder die Rohstoffhausse der Nullerjahre zu jährlichen Wirtschaftswachstumsraten von sieben Prozent führte, zog es Menschen massenweise ins größte Land der Welt.

Ob Bauarbeiter, Straßenfeger oder Kindermädchen – Migranten aus diesen Staaten waren gefragt, weil sie erstens Russisch sprachen und zweitens billig waren. Wer nicht mit Familie umsiedelte, ernährte diese von Russland aus. Für die ärmsten Staaten wie Moldawien oder Kirgisistan war dies schon bald einer der wichtigsten Wirtschaftstreiber: In Tadschikistan machten Überweisungen aus Russland etwa die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts aus, in Kirgisistan ein Drittel, in Usbekistan immerhin noch ein Zehntel.


Härtere Gangart. Die Migrantenströme waren kein Randphänomen. Die Anzahl der migrierenden Personen bewegte sich im zweistelligen Millionenbereich. An die elf Millionen Ausländer im Land zählte die russische Migrationsbehörde Ende 2014 (Beginn der Wirtschaftskrise) – der Großteil von ihnen ohne Daueraufenthaltsgenehmigung und ohne langfristige Arbeitsverträge. Wie viele Personen illegal im Land waren und sind, weist die Statistik nicht aus. Vjatscheslav Postavnin, Vorsitzender der Stiftung Migration im 21. Jahrhundert schätzt, dass sich allein in und um die Metropole Moskau, Russlands größtem Wirtschaftsraum, an die 1,5 Millionen illegaler Migranten aufhalten. Ein Mitgrund für die hohe Ausländerfeindlichkeit, auf der Alexej Navalny spielte und damit als einziger Oppositioneller dem Kreml gefährlich wurde, indem er bei den Bürgermeisterwahlen 2013 in Moskau auf Anhieb 27 Prozent erreichte.

Dass sich die Migrationsrichtung nun im Vorjahr geändert hat und Ende 2015 offiziell eine Million weniger Gastarbeiter in Russland lebte, ist zumindest eine Zäsur. Erklärt wird sie unterschiedlich: Da ist zum einen der radikale Wertverlust des russischen Rubels, der den für die Überweisung nach Hause weggelegten monatlichen Lohnanteil der Gastarbeiter stark reduzierte.Zum anderen hat Russland generell eine härtere Gangart gegenüber Arbeitsmigranten eingeschlagen. Das begann schon 2012, als Kreml-Chef Wladimir Putin unter dem Eindruck der Massendemonstrationen überall die Daumenschrauben anzog. Schon bald hat sich auch die Zahl der Abschiebungen jener Gastarbeiter, die Rechtsverletzungen begangen haben, vervielfacht. Innerhalb von vier Jahren erhielten 1,6 Millionen Menschen aus GUS-Staaten ein Einreiseverbot, rechnete kürzlich die Zeitung „Wedomosti“ vor: der Großteil von ihnen seit Beginn der Rezession. Die Abschiebungen sind das eine. Die Neuregelung des Zugangs zum Arbeitsmarkt das andere. Was in manchen Punkten eigentlich wie eine Vereinfachung klingt, ist gleichzeitig mit extrem hohen Abgaben (in Moskau an die 800 Euro pro Jahr) belegt. Das neue System habe die Kosten für einen Ausländer derart getrieben, dass es für einen russischen Arbeitgeber schon billiger sei, einen Russen einzustellen, erklärt Konstantin Romodanovskij, Chef des Migrationsamts.


Rückkehr. Administrative Hürden hin oder her. Zieht die Wirtschaft in Russland wieder an, was wohl ab 2017 der Fall sein dürfte, werde die Arbeitsmigration auch aus Zentralasien wieder zunehmen, heißt es in einer Studie der Eurasischen Entwicklungsbank und des UNO-Entwicklungsprogramms: Zumindest in den kommenden 15 Jahren bleibe Russland der attraktivste Arbeitsmarkt für Migranten aus Zentralasien. Dass nämlich die Russen selbst auf Dauer die Arbeiten der Migranten übernehmen, gilt als wenig wahrscheinlich.

Schon jetzt würden Migranten allmählich wieder zurückkommen, erklärt Vadim Bezverbnyj, Experte für soziale Demografie an der Russischen Akademie der Wissenschaften, im Gespräch mit der „Presse“. Das habe unter anderem mit dem russischen Importembargo für westliche Agrarprodukte zu tun, das zu neuen, schlecht bezahlten Arbeitsplätzen in der wachsenden Landwirtschaft geführt habe. Und es habe damit zu tun, dass „die wirtschaftliche Situation in den GUS-Staaten noch trauriger als in Russland ist“.

Russland

Der Rohstoffboom der Nullerjahre lockte viele Zentralasiaten nach Russland. Als günstige Arbeitskräfte waren sie willkommen, auch, weil es keine sprachliche Barriere gab. Doch seit Russlands Wirtschaft kriselt, hat der Staat seine Gangart gegenüber Arbeitsmigranten verschärft. Millionen kehrten oft unfreiwillig in ihre Heimatländer zurück.

In Zahlen

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Millionen Ausländer zählte die russische Migrationsbehörde Ende 2014. Der Großteil von ihnen verfügt über keine Daueraufenthaltsgenehmigung.

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Million Gastarbeiter weniger zählte Russland Ende 2015.

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Jahre lang wird Russland weiterhin der attraktivste Arbeitsmarkt für Migranten aus Zentralasien bleiben, wie aus einer Studie der Eurasischen Entwicklungsbank und des UNO-Entwicklungsprogramms hervorgeht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2016)