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Alltag im Ausnahmezustand: Was Europa von Israel lernen kann

Ein Soldat betet an der Klagemauer in Jerusalem. Die Omnipräsenz von Waffen und Militär stärkt das Sicherheitsgefühl
Ein Soldat betet an der Klagemauer in Jerusalem. Die Omnipräsenz von Waffen und Militär stärkt das Sicherheitsgefühl(c) APA/AFP/MENAHEM KAHANA
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Terrorbedrohung ist in Israel zur Routine geworden. Militär und Polizei sind omnipräsent, die Sicherheitsmaßnahmen und Überwachungsmethoden ausgeklügelt.

Salopp baumeln die Sturmgewehre von den Schultern des knappen Dutzend Spät-Teens und Twens am Rande der Jerusalemer Altstadt, nahe des Jaffa-Tors und des Damaskus-Tors. In kleinen Gruppen stehen sie beieinander und starren auf ihre Handys. Sie tragen T-Shirts, Sandalen, Jeans oder Bermudas und schlendern durch die Mamilla Road, die glitzernde Einkaufspassage samt Mode- und Sportboutiquen.

Die Israelis stören sich nicht im Geringsten am Anblick der jungen Rekruten, die auch während ihres Urlaubs ihre Waffen offen tragen. Im Gegenteil: Die Omnipräsenz von Waffen, Polizei und Militärs – meist in Uniform, zuweilen in Zivil, und jederzeit zum Eingreifen bereit – verstärkt nur das subjektive Sicherheitsgefühl an neuralgischen Punkten, an Busbahnhöfen, Straßenbahnhaltestellen, vor Supermärkten, Schulen, Kindergärten oder Synagogen. Bei Bustouren und auf El-Al-Flügen ist stets bewaffnetes Personal mit an Bord. Der Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv gilt mit seinen ausgeklügelten Kontrollschleusen überhaupt als der am besten gesicherte der Welt.

 

Humor, Trotz und Gleichmut

Am Herzlberg in Jerusalem, gewidmet dem Gründer des Zionismus, sind auf einer schwarzen Platte die Namen aller israelischen Terroropfer seit 1948 eingraviert. Seit der Gründung des Staats vor 68 Jahren und auch schon davor lebt Israel mit der Bedrohung und dem Terror, mit Kriegen, Bomben und Anschlägen, und im Laufe der Zeit haben die Bürger eine große Routine darin entwickelt, mit der Gefahr umzugehen – ganz im Gegensatz zu Westeuropäern. Sie reagieren darauf mit schwarzem Humor, mit Trotz oder Gleichmut, stets im Bewusstsein des Terrorrisikos und mit wachem Blick. Dass die Hotspots – Jerusalem, die Grenzregionen am Golan, zum Libanon oder am Gazastreifen – besonders geschützt sind, ist ohnedies eine Selbstverständlichkeit für die wehrhafte Demokratie inmitten des Minenfelds in Nahost.

Vor der Klagemauer, an den Eingängen zum Tempelberg und im arabischen Teil der Altstadt Jerusalems gehören Militärstreifen, Überwachungskameras und Metalldetektoren längst zum Alltag, und sie kontrastieren scharf mit den Pilgerscharen in der Via Dolorosa und der Grabeskirche. Über der Stadt schwebt ein weißer Ballon, der nur der Überwachung dient. Schwester Bernadette, die leutselige oberösterreichische Vizerektorin des österreichischen Hospizes, quittiert dies alles mit einem Achselzucken – so wie viele Israelis.

Die Schüler, Lehrer und Bewohner in Sderot, nahe dem Grenzwall zu Gaza, oder die Farmer im unweit gelegenen Dorf Netiv Hasaara haben den schrillen Alarm im Ohr, die Warnung vor den pfeifenden, zischenden Katjuscha- und den Kassam-Raketen der Hamas und des Islamischen Jihad jenseits der Mauer, die oft in Gärten und auf Feldern einschlagen und die sie regelmäßig in die Bunker treibt. Bei vielen hat dies schwere Traumata hinterlassen – eine Folge des permanenten Ausnahmezustands. Therapeuten konstatieren in Israel eine Häufung von Depressionen und Angststörungen. Roz, der Tomatenfarmer, schläft ständig mit der Pistole unter dem Kopfpolster. „Frieden wird es erst geben, wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben als sie uns hassen“, zitiert er ein geflügeltes Wort von Golda Meir, der legendären Premierministerin.

 

Sonderfall Westjordanland

Das Westjordanland ist indes ein Sonderfall, hier ist das Militärrecht in Kraft und der bis zu acht Meter hohe, ebenso umstrittene wie effiziente Betonwall durchschneidet die Grenze zu Israel. Unbestritten ist, dass er die Zahl der palästinensischen Selbstmordattentate in Israel substanziell verringert hat.

Nach einer Serie von Selbstmordanschlägen auf Busse, Cafés und Discos Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre in Tel Aviv hatte sich die Situation in der Wirtschafts- und Vergnügungskapitale des Landes entspannt. Erst ein Schussattentat zweier Palästinenser vor zwei Monaten in einem Restaurant in der Sarona-Shopping-Mall, bei dem vier Israelis ums Leben kamen, hat wieder die Erinnerung an den Terror geweckt. Fast jeder Israeli weiß die Geschichte eines Bekannten, Freundes oder Verwandten zu erzählen, der bei einem Terrorangriff sein Leben gelassen hat.

 

Die Facebook-Intifada

Viele haben sich eine eigene Strategie zurechtgelegt, um das Risiko so gut wie möglich zu bannen: Sie nehmen im hinteren Bereich des Lokals Platz, mit dem Gesicht zum Eingang, um sich im Extremfall schnell ducken oder in Sicherheit bringen zu können. Die Selbstverteidigungskurse in Tel Aviv und Jerusalem sind meist ausgebucht. Während des Raketenbeschusses im Gazakrieg vor zwei Jahren reagierten die meisten kühl und abgeklärt – im Vertrauen auf den Iron Dome, das Raketenabwehrsystem aus den USA, das nahezu alle Raketen abfängt, eine 100-prozentige Sicherheit indes nicht garantiert.

Im Herbst 2014 setzte daraufhin eine Welle von Gewalttaten ein, als zumeist junge Palästinenser – sogenannte einsame Wölfe – begannen, mit dem Auto israelische Passanten zu rammen oder sie mit Messern zu attackieren: der Auftakt zu einem Aufstand, der das Etikett „Facebook-Intifada“ erhielt. Mittlerweile kommt Shin Bet, der Inlandsgeheimdienst, durch Abhörmethoden und systematische Überwachung der sozialen Netzwerke potenziellen Attentätern auf die Spur, die glauben, nichts mehr zu verlieren zu haben. In direkten Gesprächen oder durch Kontaktpersonen lässt er sie wissen, dass sie unter Beobachtung stehen, was zumeist abschreckende Wirkung hat. Drakonische Strafmaßnahmen tun ein Übriges: Gewohnheitsmäßig reißt Israel Häuser von Attentätern ein, was indes Nachahmungstaten nicht verhindert hat.

An martialischer Rhetorik seitens der Regierung Benjamin Netanjahus im In- und Ausland mangelt es nicht. Wie jüngst beim islamistischen Attentat in Nizza empfiehlt der Premier das israelische Modell, eine Militarisierung der Gesellschaft – bisher mit wenig Erfolg. Geheimdienstminister Israel Katz stichelte denn auch schon vor Monaten süffisant, Belgien könne den Kampf gegen den islamistischen Terror nicht aufnehmen, „wenn die Belgier weiterhin Schokolade essen, das Leben genießen und sich als große Demokraten und Liberale aufführen“.

AUF EINEN BLICK

Seit Oktober wurden in Israel und den Palästinensergebieten mehr als 300 Anschläge verübt, meist von „einsamen Wölfen“. Mehr als 200 Palästinenser wurden getötet, auch mindestens 33 Israelis und vier Ausländer starben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2016)