Wolfgang Hermann: „Herr Faustini hat mich gerettet“

Wolfgang Hermann: „Faustini ist sehr höflich, auch wenn das aus der Mode geraten ist.“
Wolfgang Hermann: „Faustini ist sehr höflich, auch wenn das aus der Mode geraten ist.“(c) Wolfgang Hermann

Nach dem Tod seines Sohnes hat Wolfgang Hermann seinen Schreibstil radikal geändert: Das Ergebnis sind Romane über den versponnenen Herrn Faustini. Der „Presse“ erzählte er, warum der vierte Band nicht der letzte sein wird.

Eigentlich kannte man den Vorarlberger Schriftsteller Wolfgang Hermann ganz anders: Als Verfasser dichter, oft auch beklemmender Literatur wie im 1997 bei Suhrkamp erschienenen Erzählungs-Band „In kalten Zimmern“. Als scharfen Beobachter, der die Welt erkundete und fast lyrisch anmutende Reportagen schrieb. Doch 2006 kam der Roman „Faustini verreist“ in die Buchhandlungen – ein Riesenerfolg und trotzdem für manchen Literaturfreund irritierend. Denn Wolfgang Hermann hatte seinen Stil vollkommen geändert: Sehr leichtfüßig, fast märchenhaft erschien diese Geschichte rund um einen seltsamen Kauz, der irgendwie aus der Zeit gefallen schien. Dieser Herr Faustini ist ein altersloser Eigenbrötler, von dem man nicht so recht weiß, womit er eigentlich sein Geld verdient, der lange Spaziergänge macht, immer Angst hat, er könnte jemanden vor den Kopf stoßen, und der durch formvollendete Umgangsformen besticht.

 

Geschichten über komische Käuze

„Herr Faustini ist sehr höflich, sehr vorsichtig, auch wenn das aus der Mode geraten ist“, sagt Wolfgang Hermann. „Und er hat diesen naiven Blick auf die Welt.“ Einen sehr liebevollen, dabei schelmischen Blick: In „Herr Faustini bleibt zu Hause“, seinem jüngsten Roman, macht er sich etwa lange Gedanken über eine Frau Hämmerle von der Abonnementabteilung der Lokalzeitung. Sie hat ihn angerufen, um ihm ein „verlockendes Angebot“ zu machen – die Zeitung plus eine verbilligte Autobahnvignette. Das stürzt Faustini in Gewissensnöte. Er würde ihr ja so gern entgegenkommen. Aber er will die Zeitung nicht! Und für die Vignette hat er auch keine Verwendung. Wie soll er nur ablehnen? „Er lebt sehr zurückgezogen, hat aber doch Sehnsucht nach den anderen Menschen, nach einem anderen Leben. Ganz in der Stille hält er es ja auch nicht aus!“

Doch zumindest in „Herr Faustini bleibt zu Hause“ muss er diese Stille zum Teil ertragen: „Er erlebt einen extremen Winter, was für ihn, der so in sich eingesponnen ist, einen doppelten Rückzug bedeutet: Er kann seine Streifzüge und Spaziergänge nicht mehr aufnehmen, weil er fast einfriert dabei.“

Ein bisschen nostalgisch, vorwiegend heiter, so ist der Ton dieser Romane – und doch sind sie aus der größten Not heraus entstanden. „Nach dem Tod meines Sohnes war ich wie gelähmt, es ging mir auch körperlich sehr schlecht. Wenn ein Kind stirbt, ist das wie eine eigene Welt, die man betritt und die nur kennt, wer Ähnliches erlebt hat. Ich habe lang gebraucht, bis ich aus dieser Welt wieder hinaustreten konnte, und Faustini war mein Türöffner.“

Über Jahre hat Wolfgang Hermann kaum eine Zeile zu Papier gebracht. Er veröffentlichte „Fliehende Landschaft“, Gedichtbände, das alles lag noch in der Schublade. „Aber was sollte ich schreiben? Da habe ich mich aufs Komische gestürzt. Ich habe angefangen, Geschichten über komische Käuze zu erfinden. So kam ich auf einen Herrn Faustini. Er ist plötzlich da gewesen, er hatte seinen eigenen Kopf, seine eigene Art. Er hat mich gerettet.“

Mit einem einzigen Roman über den Antihelden war es freilich nicht getan, es folgten „Herr Faustini und der Mann im Hund“ und „Die Augenblicke des Herrn Faustini“, irgendwann konnte Wolfgang Hermann schreiberisch wieder an alte Werke anknüpfen und letztlich auch den Tod des Sohnes direkt literarisch zu verarbeiten: 2012 erschien „Abschied ohne Ende“: Das Buch hebt damit an, dass der Ich-Erzähler seinen 17-jährigen Sohn, der doch nur an einer Grippe litt, der doch schon wieder auf dem Weg der Besserung schein, tot im Bett findet: „Der Schrei, der ich war, war zu schwach, um zu bestehen, er erlosch, meine brennende Kehle hatte nicht die Kraft weiterzuschreien, nicht die Kraft, meinen Sohn zu mir zurückzuschreien.“

 

Schreiben aus „Anhänglichkeit“

Wolfgang Hermann hat diesen Roman wenige Monate nach dem Tod seines Sohnes begonnen. „Aber ich habe schon nach wenigen Seiten gemerkt, dass ich ihn nicht schreiben kann. Die Arbeit daran habe ich erst zehn Jahre später wieder aufgenommen. Ich war so glücklich, als ich fertig war! Der Roman ist mir so am Herzen gelegen!“

Heute schreibt Wolfgang Hermann wieder an den für ihn so charakteristischen verdichteten Erzählungen – und arbeitet gleichzeitig am fünften Faustini-Band, der „übermütiger“ werden soll. Ursprünglich, erzählt Wolfgang Hermann, habe er ja gedacht, er habe mit Faustini endgültig abgeschlossen. „Aber irgendwie konnte ich doch noch nicht von ihm lassen. Nur jetzt schreibe ich nicht mehr aus Not heraus, sondern aus Dankbarkeit, aus Anhänglichkeit.“

ZUR PERSON

Wolfgang Hermann, 1961 in Bregenz geboren, studierte Philosophie und Germanistik in Wien. Er lebte in Berlin, Paris und Tokio, derzeit pendelt er zwischen Vorarlberg und Wien. Bekannt wurde er durch dichte, düstere Prosaarbeiten wie „In kalten Zimmern“ oder detailreichen Reiseberichten. 2006 veröffentlichte Wolfgang Hermann den ersten Faustini-Roman: „Faustini verreist“. In „Abschied ohne Ende“, 2012, verarbeitete er den plötzlichen Tod seines Sohnes. Zuletzt kam diesen Sommer „Faustini bleibt zu Hause“ in die Buchhandlungen (Langen Müller, 142 Seiten).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2016)