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Viggo Mortensen: "Mythologie hat mich geprägt"

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Er habe versucht, seinen Sohn möglichst im Einklang mit der Natur großzuziehen, erzählt der amerikanisch-dänische Schauspieler Viggo Mortensen.APA/AFP/DANIEL LEAL-OLIVAS

Im Aussteigerdrama "Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück" spielt Viggo Mortensen einen alleinerziehenden Vater von gleich sechs Kindern – mit äußerst unkonventionellen Erziehungsmethoden.

Er ist nicht besonders groß, hat ein zerknautschtes Gesicht, etwas wirres Haar und spricht mit leiser Stimme in langen, zerfahrenen Sätzen. Wenn man Viggo Mortensen zufällig im Kaffeehaus sitzen sähe, würde man ihn auf den ersten Blick wohl gar nicht bemerken, ihn wohl kaum für einen international erfolgreichen Star halten.

Der echte Viggo – US-Amerikaner mit dänischen Wurzeln – ist so ganz anders als die Charismabombe, die er auf der Leinwand verkörpert. Übertriebene Selbstdarstellung scheint privat so gar nicht seine Sache zu sein. Doch wenn man ihm zuhört, erkennt man bald seine Intelligenz und versteht, warum er nach seinem internationalen Megaerfolg mit der „Herr der Ringe“-Trilogie sein künstlerisches Wirken vor allem auf das Independent-Kino verlegt hat.

In dem neuen Film „Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“ des jungen US-amerikanischen Schauspielers und Regisseurs Matt Ross spielt Mortensen einen Vater, der, frustriert von der Zivilisation und der allgemeinen Verdummung, seine sechs Kinder in einer selbst gebauten Behausung im Wald großzieht – und ihnen dort eine umfassende Bildung zukommen lässt. Beginnend von der Jagd auf Kleinwild bis hin zu russischer Literatur. Als jedoch die – psychisch labile – Mutter der Kinder stirbt, pilgert die Familie im schrottreifen Kleinbus in Richtung „normale“ Welt. Kleine und große Kulturschocks inklusive.

„Die Presse am Sonntag“ sprach mit dem Schauspieler unter anderem über Rollenwahl und Kinder am Set.

 

Sie sind selbst Vater. Beeinflusst das Ihre Wahl von Rollen wie dieser?

Viggo Mortensen: Ich weiß nicht, ob es direkt einen Einfluss darauf hat, aber es erleichtert es sicher für mich, in Vaterrollen hineinzufinden. Generell versuche ich doch immer, Projekte zu finden, die ich in der Form noch nie gemacht habe. Da muss ein Drehbuch vorhanden sein, das potenziell ein Film werden kann, den ich selbst gern sehen würde. Ich versuche, mir da auch selbst Freude damit zu machen. Und ich will mich nicht dafür genieren, mitgemacht zu haben, weder jetzt noch in zwanzig Jahren. Das Leben ist kurz und geht immer noch schneller vorbei, wenn man älter wird, und da will man doch zumindest gute Geschichten erzählen.

Sie haben einmal gesagt, Sie wollen bei jedem Projekt etwas Neues lernen. Hier haben Sie sicher Neues gelernt, Sie haben ja vor dem Dreh sogar am Set gewohnt, um sich an das Leben im Wald zu gewöhnen.

Ja, in einem Tipi, und ich habe auch den kleinen Gemüsegarten angelegt, den man im Film sieht. Das war eine sehr entspannende Art der Vorbereitung auf einen Film. Wirklich aufregend war es aber vor allem für die Kinder: Sie haben ein echtes Survivaltraining absolviert, klettern, Hütten bauen, Feuer machen, sogar, wie man ein Schaf fachgerecht erlegt und schlachtet.

Dürfen Kinderschauspieler so etwas überhaupt machen?

Na ja, lernen dürfen sie alles (lacht). Im Film gibt es ja eine Szene, in der ein Reh erlegt wird, sie wurde aber aus vielen verschiedenen Shots zusammengesetzt, wir hatten ein zahmes Reh namens Leeland am Set. Das kam aber nicht zu Schaden, das tote Tier im Film war ein ausgestopftes, und der Rest sind Special Effects.

Der Vater, den Sie in diesem Film spielen, arbeitet mit sehr ungewöhnlichen Erziehungsmethoden. Wie viel davon können Sie aus Ihrer Sicht nachvollziehen?

Natürlich bin ich nie so weit gegangen, jahrelang mit meinem Sohn im Wald zu leben, aber ich habe schon auch versucht, ihn möglichst im Einklang mit der Natur zu erziehen. Wir waren immer viel draußen. Ich wollte ihm möglichst viel von der Welt zeigen. Wir sind viel gereist, und er war ein sehr interessiertes Kind, das viel gelesen hat. Ich finde ja, dass man als Vater oder Mutter einen Menschen nicht formen kann, sondern nur begleiten. Er ist ein ganz eigener Charakter, den kann und will ich nicht ändern. Daher habe ich auch immer versucht, ihn anzuleiten, für sich selbst zu denken. Als er mit so sechs, sieben Jahren angefangen hat, mir die wirklich komplizierten Fragen zu stellen, habe ich so gut wie möglich probiert, ehrlich zu antworten. Aber ich habe es eher altersgerecht angelegt, ich war nicht ganz so direkt und offen wie meine Figur Ben im Film.

Dieser Ben ist ein Vater, der seine Kinder wirklich als eigenständige Personen wahr- und ernst nimmt.

Ja, das stimmt, und das halte ich auch für einen extrem guten Zugang. Er spricht nicht von oben herab mit ihnen, sondern zeigt Respekt. Kindererziehung ist ja auch immer ein Geben und Nehmen. Es ist ein großer Unterschied, ob ich sage: „Nein, du darfst das nicht, weil ich es sage!“ oder: „Nein, du darfst das nicht, weil . . .“ und mir dann die Mühe mache, die tatsächlichen Gründe zu erklären. Das ist zwar viel zeitraubender und anstrengender, aber es lehrt die Kinder nicht nur echten Respekt vor den Entscheidungen ihrer Erziehungsberechtigten, sondern hilft ihnen auch zu lernen, wie man einen Standpunkt formuliert.

Ben ist auch bereit, diesen Standpunkt zu ändern, wenn die richtigen Argumente fallen.

Genau! Er ist immer offen für die Inputs seiner Kinder, und wenn er etwas überzeugend findet, dann ist er bereit, seine Ansicht zu ändern. Diese Flexibilität ist ja die Eigenschaft wirklich kluger Menschen, die immer wissen, dass sie nicht alles wissen können, und dazulernen wollen.

Das Problem ist nur: Wenn Kinder selbst denken lernen, dann tun sie das irgendwann auch?

Stimmt (lacht). Man muss in Kauf nehmen, dass der Junior irgendwann einmal sagt: „Du hast gesagt, ich soll mir eine eigene Meinung bilden – und das habe ich gemacht. Meine Meinung: ,Du bist ein Idiot!‘“ Das ist halt das Risiko an der Sache. Aber auch wenn man konträre Standpunkte hat, muss man trotzdem versuchen, weiter zu kommunizieren – auch das ist eine wichtige Lektion, die wir unseren Kindern beibringen sollten. Eine Balance zu finden, mit der alle leben können – ob in der Familie, in der Schulklasse, im Büro. Eine Gemeinschaft, die funktioniert, ist nie statisch. Das stimmt auch im großen Maßstab: Eine echte Demokratie ist immer in Bewegung, sonst geht sie zugrunde.

Was hat Sie eigentlich als Kind inspiriert?

Ich bin schon als Kind sehr oft umgezogen und war daher schon ziemlich früh vielen verschiedenen Sichtweisen auf die Welt ausgesetzt. Dieses Leben hat mich sicher sehr geformt, auch als Schauspieler. Eine meiner Lehrerinnen hat mich, als ich sechs oder sieben Jahre alt war, mit Mythologie bekannt gemacht, das hat mich auch sehr geprägt.

Steckbrief

Viggo Mortensen
ist ein dänisch-amerikanischer Schauspieler. Weltbekannt wurde er in der Rolle des Aragorn in der Trilogie „Der Herr der Ringe“ (2001 bis 2003). Man kennt den 58-jährigen Mimen aber auch aus Streifen wie „Hidalgo – 3000 Meilen zum Ruhm“ (2004), „Tödliche Versprechen – Eastern Promises“ (2007) oder etwa „Eine dunkle Begierde – A dangerous Method“ (2011).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2016)