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Ein Glas voll Mist ist genug

Reuters
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Seit 2015 gibt es in Österreich das Netzwerk Zero Waste - getragen wird es vorwiegend von Frauen. Bea Johnson, die Bloggerin und eines der Vorbilder aus den USA, war nun in Wien zu Gast.

Kaufen, kaufen, kaufen. Es war vor mittlerweile zehn Jahren, als Bea Johnson mit einem Mal genug vom fetten Leben im Speckgürtel San Franciscos hatte. Die beiden vollen Kühlschränke, die Plastiksäcke ihrer Shoppingausflüge, der SUV vor der Einfahrt, Botox unter der Haut. Das Leben war zu einer festen Form erstarrt, beschreibt die Frankoamerikanerin ihre Erkenntnis vor der Lebenskrise in dem Buch „Glücklich leben ohne Müll“. Was von den Tagen in Pleasant Hill übrig blieb, war viel Abfall, 12.480 Liter produzierte sie damals zusammen mit ihrer Familie im Jahresschnitt. Zu viel Besitz, zu viel Mist. Das hat sie radikal geändert.

Bea Johnson erzählt in diesem Buch, wie sie ihr Leben vereinfachte, indem sie ihren Müll zu Hause auf ein Glas pro Jahr reduzierte. VÖ: Oktober 2016Ludwig Verlag

Seit 2008 leben die Johnsons müllfrei. Ihr Eigentum hat die Familie auf das Minimalste reduziert. Jetzt geht es um Einfachheit, nicht um den amerikanischen Traum von „haben wollen/kaufen/in der Garage einlagern“. Und damit wurde Bea Johnson berühmt, zuerst als Bloggerin in Amerika, mittlerweile arbeitet sie international erfolgreich als Rednerin (mit charmant französischem Akzent) und als Autorin. Alles dreht sich um ihre fünf R: Refuse (ablehnen), Reduce (reduzieren), Reuse (wiederverwenden), Recycle (zur Wertstoffsammlung geben) und Rot (kompostieren). Wer in dieser Reihenfolge konsumiert, unterstützt den vor Überproduktion und Abfall schnaufenden Planeten und kommt am Ende vielleicht wie sie mit einem Einmachglas voll Müll pro Jahr aus. In Wien war Bea Johnson vergangene Woche im Gartenbaukino zu Gast, um den Zero-Waste-Austria-Sommer ins Finale zu schicken.

Die Anhänger

Seit Mitte Juni stand die Wiener Ankerbrotfabrik – dank einer Raumspende der Caritas – dem Netzwerk Zero Waste Austria zur Verfügung. Über 500 Besucher, etwa die Hälfte der binnen des ersten Jahres gewachsenen Zero Waste Crowd, nahmen an den verschiedenen Workshops teil. Kleidung wurde getauscht, allerlei upgecycelt. Der Termin zu wiederverwendbarer Monatshygiene kam aber besonders gut an, resümiert Helene Pattermann, die Gründerin von Zero Waste Austria, die seit 2015 Treffen und Kommunikation ordnet und als Kooperationspartner bei Forschungsprojekten mitmacht. Der Mooncup, ein abwaschbarer glockenförmiger Becher aus weichem Silikon, der während der Menstruation statt Binde oder Tampon verwendet wird, funktioniert aber nicht bei jeder Frau gleich gut. Sie selbst hatte anfangs auch Probleme. Als Müllvermeiderin könnte man aber zum Beispiel auch ganz ohne Hilfsmittel und mit sehr viel Körpergefühl frei menstruieren, eine Idee, die zurzeit in vielen Blogs diskutiert wird und die thematische Weite von Zero Waste ganz gut darstellt.

Das Hygienethema war auch deshalb so interessant, weil es vorwiegend Frauen sind, die sich in dieser umweltbewussten Crowd als Nutzer, Freiwillige und Unternehmer für ein nachhaltiges Leben engagieren. Die meisten sind um die 30 und leben auch sonst gesundheitsbewusst, weiß Pattermann, die im selben Alter ist. „Bei vielen ist die verpackungslose Lebensweise ein Ernährungsthema. Wer müllfrei bleiben will, muss die Rohstoffe einkaufen, selbst kochen und vor allem mehr Zeit dem Einkauf widmen. Bea Johnson sagt, wenn man erst einmal ein System hat, ist es nicht mehr so schwer.“ Die österreichische Upcycling-Designerin und Innovationsmanagerin Cloed Baumgartner zieht seit 1998 mit ihrem Label Milch Frauen alte Herrenanzüge an und beschäftigt sich unter der Voraussetzung von Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung mit vielen anderen Projekten (Modepalast, Top Swap, Lieblingsbrand). Sie fasst die Zero-Waste-Zielgruppe ganz pragmatisch zusammen: „Frauen denken einfach weiter, so viel ist sicher.“ Was der Szene ihrer Meinung nach fehle sind weniger Akteure als vielmehr Platz. „Räume sind kostbar“, betont Baumgartner, „sie sind die Basis, sich zu entwickeln und auszutauschen, dann kann Neues entstehen. Konsumfreie Räume, die niederschwellig zur Verfügung stehen, fehlen aber weitgehend in Wien.“ Zero Waste Austria stellt den Akteuren daher auch digitalen Raum zur Verfügung.

In Plastik eingeschweißte Bio-Gurke, ein Mysterium unserer Zeit.
In Plastik eingeschweißte Bio-Gurke, ein Mysterium unserer Zeit.Imago

30-Sekunden-Obstsackerl

Was darüber hinaus fehlt, ist eine politische Energiewende. Andere Länder reiten voraus. Und dabei muss man nicht einmal nach Kalifornien stieren. Frankreich will ab 2020 den Verkauf von Einweg-Plastik-Utensilien wie Besteck, Geschirr und Becher verbieten, Plastiksackerl wurden bereits verbannt. Darauf stellt man sich in Österreich auch langsam um. Eine EU-Richtlinie, die den Verbrauch von Plastiktaschen mindern und damit den Lebensraum der Meere schützen will, ist 2015 vom Europaparlament angenommen worden. Für EU-Länder bedeutet das eine verpflichtende Reduktion der Sackerln bis Ende 2019 sowie das Ende der kostenlosen Abgabe bis Ende 2018. Verschwinden muss dann auch das 30-Sekunden-Gebrauchs-Obstsackerl für die Bioäpfel. An dieser Stelle kann man vielleicht an die alt-akute Leier erinnern, dass ein Gros der eingesetzten PET-Kunststoffe in etwa 450 Jahre benötigen, bis sie in kleinste Partikel zerrieben sind, die dann teilweise über Fische und andere Tiere in unsere Nahrungskette zurückkehren – nur eben nicht als Verpackung.

Ja, der Supermarkt ist ein wesentliches Thema der Zero-Waste-Bewegung. Und zumindest der Städter muss hier kreativ werden. Wenn man nicht wie Pattermann einen gut sortierten Greißler ums Eck hat, wird man sich meistens im klassischen Lebensmitteleinzelhandel ums Eck versorgen. Und dort „greifen wir immer leichter zu den Zitronen im Netz, als zu den einzelnen“. Neben der Faulheit sei etwas anderes ausschlaggebend. „Wir wurden von der Gesellschaft so erzogen, besser mehr zu nehmen als zu wenig.“

Die Meeresschutzorganisation Oceana nimmt an, dass weltweit stündlich 675 Tonnen Müll direkt ins Meer geworfen werden.
Die Meeresschutzorganisation Oceana nimmt an, dass weltweit stündlich 675 Tonnen Müll direkt ins Meer geworfen werden.Reuters

Alles oder nichts

Den Anspruch auf ein absolutes Zero-Waste-Leben, wie es Bea Johnson führt, hat Pattermann trotzdem nicht. „Das Alles-oder-nichts-Prinzip liegt mir nicht. Ich setze langsam und nachhaltig in meinem Leben Zero Waste um.“ Die Bewegung ist für sie die Fortsetzung der 1980er-Bio-Laden-Schlapfen-Revolution. „Zero Waste passt zu unserer Zeit: Man hat einen Lifestyle und muss nicht auf viel verzichten. Du kannst trotzdem einen Coffee to go trinken, nimmst aber deinen eigenen wiederbefüllbaren Becher mit. Du kannst nettes Gewand tragen, schaust aber, ob du es Second Hand bekommst. Man muss sich auch nicht jeden Wunsch sofort erfüllen.“ Dabei zeigt sie auf ihre Ledertasche, die habe sie sich sehr, sehr lang gewünscht, bevor das passende Großevent kam.

Bei der Ernährung hat Helene Pattermann schon alle Lücken gestopft. „Dank meiner zwei Hühner im Garten kann ich behaupten, dass ich zu Hause gar keine Lebensmittel verschwende. Alles, was wirklich nicht mehr gegessen wird, bekommen die Tiere.“ Für sich und ihre beiden Töchter kaufe sie seit vielen Jahren auch keine neue Mode, sondern ausschließlich Second Hand. Zwei Wochen zog sie Zero Waste auch schon ohne Ausnahmen als Experiment durch. „Es hat die entsprechenden Vorteile gebracht, also dass man sich zum Beispiel die Zeit nimmt und einen Ausflug in ein Geschäft macht, gleich einen Spaziergang anhängt. Aber ich finde es trotzdem im Alltag nicht immer einfach.“

Unverpackte Lebensmittel
Unverpackte LebensmittelReuters

Wenn man viel arbeitet und Familie hat, wird es kompliziert. Innerhalb der Familie gibt es verschiedene Ansprüche. „Die Kinder reagieren auf lose Schokopops manchmal mit der Frage, wann sie denn wieder etwas Richtiges zum Naschen bekommen.“ Die Zwickmühle des Hedonisten. Bea Johnson schreibt, dass es eine Weile dauert, bis man „die Balance zwischen echten Bedürfnissen und wirtschaftlichem Auskommen findet“. Sie meint auch, dass eine entschleunigte Mutter anders auf ihre Kinder eingehen könne, mehr Zeit hat, ihnen ein Bewusstsein für die Gesundheit des Planeten zu vermitteln. Johnsens Buben sind auch mit Trockenobst und Müsliriegel glücklich geworden. Das Thema Einkaufen und Nascherei dürfte in den USA aber auch aufgrund der Bulk-, der Massengut-Tradition, also der Großbehälter in Märkten, aus denen man seine mitgebrachten Stofftaschen und Einmachgläser mit Mehl oder Gummibären selbst füllen kann, einen Startvorteil haben. Die österreichischen Möglichkeiten sind hier ein bisschen beschränkt. Die meisten Bauernmärkte verkaufen nicht wochentags, und verpackungsfreie Geschäfte lassen sich noch an einer Hand abzählen. In Wien gibt es zwei, Lunzers beim Praterstern und Der Greißler in der Josefstadt. In Graz bekommt man Unverpacktes im Gramm, in Innsbruck in der Markthalle bei Liebe&Lose. Wirklich dicht ist das Feld noch nicht (siehe rechts). Pattermann wünscht sich mehr davon. „Wenn man eine Stunde zur Maß-Greißlerei fährt, ist das auch nicht sehr nachhaltig.“

Zero Waste im Alltag

Nachlesen. Am 15. 10. kommt ein Standardwerk müllfreier Lebenskultur in seiner deutschen Fassung heraus. In „Glücklich leben ohne Müll!“ gibt die Autorin Bea Johnson ihre Erfahrungen aus zehn „sauberen“ Jahren weiter und beschreibt, wie erfüllt ein einfaches Leben sein kann. Zusammen mit ihrem Mann und ihren Söhnen soll Johnson nur noch ein Glas Abfall im Jahr produzieren. Ein ähnliches Ziel hat auch die Wiener Bloggerin Annemarie. Sie will heuer nicht mehr als ein Einmachglas voll Plastikmüll hinterlassen: einjahrimglas.blogspot.co.at

Einkaufen. Es gibt schon einige Projekte, die sich um die Reste der Lebensmittelindustrie kümmern. Solche, die sonst entlang der Wertschöpfungskette aufgrund von Überschüssen und Schönheitsstandards verloren gehen. Die Köchin Cornelia Diesenreiter sammelt diese Überbleibsel zum Beispiel für Unverschwendet mit Freiwilligen von 30 Fruchtspendern und kocht sie ein. Nach einem ähnlichen Prinzip arbeiten auch der Lieferdienst Iss mich und Evelina Lundqvists Pionierarbeit Zero Waste Jam.

Alles unter: www.zerowasteaustria.at

Restln

Abfall. Rund 760.000 Tonnen Lebensmittel werden laut WWF in Österreich entlang der Wertschöpfungskette jährlich weggeworfen. Die Hälfte davon wäre potenziell vermeidbar.

Essbar. Davon finden sich allein im Mist heimischer Haushalte 157.000 Tonnen Lebensmittelreste – ein großer Teil ist noch originalverpackt oder nur teilweise verbraucht.

Ressource. Nicht jedes verschwendete Stück belastet die Umwelt gleich stark. In einem Kilo Rindfleisch stecken zum Beispiel auch zwischen sechs und 16 Kilo Futtermittel und damit laut der amerikanischen Organisation Water Foodprint Network bis zu 15.000 Liter Wasser.

Kunststoff. 163.501 Tonnen an Leichtverpackungen hat das ARA-System (Altstoff Recycling Austria) 2015 im Müll der Österreicher erfasst. Das entspricht einem Schnitt von 17,2 Kilogramm pro Kopf.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2016)