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Hotel des Jahres: Von Bob Dylan und dem Seehof

Der Seehof Goldegg � klare Linien und hochwertiges Design f�r Susi und Sepp Schellhorn
Der Seehof Goldegg(c) Der Seehof Goldegg (Ingo Pertramer)
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Der „Gault&Millau“-Titel für das Jahr 2017 geht an das Haus von Susi und Sepp Schellhorn.

Liebe Susi, lieber Sepp, es gibt für Anlässe wie diesen zwei Möglichkeiten: entweder in die abstrakten Gefilde von Geschichte und Philosophie abzuschweifen oder den Kriterienkatalog für die Auszeichnung als Hotel des Jahres abzuarbeiten. Ich habe Martina und Kari Hohenlohe gefragt. Aber es gibt keine Kriterien, diese Auszeichnung wird auf Empfehlung anonymer Tester frei vergeben, eigentlich intransparent und willkürlich.

Also habe ich beschlossen darüber zu sprechen, was die Tatsache, dass innerhalb weniger Tage Bob Dylan den Nobelpreis für Literatur 2016 bekommt und der Seehof als Hotel des Jahres 2017 ausgezeichnet wird, zu bedeuten hat. Gibt es da einen Zusammenhang?

Ja, gibt es. Erstens wird der Literaturnobelpreis auch intransparent vergeben. Zweitens könnte man die Wahl Bob Dylans und für die Wahl des Seehofs identisch argumentieren, nämlich historisch. Lyrik, wie Dylan sie schreibt, unmittelbar für die Aufführung auf der Bühne produziert, war mit Ausnahme der 500 Jahre dauernden Gutenberg-Ära nicht nur fixer Bestandteil, sondern Kern des literarischen Weltgeschehens. Von Homer bis Shakespeare war das so, und heute sehen wir, dass es wieder so wird.

Rückkehr zu den Wurzeln

Ähnliches gilt für die historische Situation der Hotellerie: So wie wir heute vom Hotel reden, nämlich als touristisches Dienstleistungsgeschehen, das die Beherbergung von weitgehend anonymen Reisenden zum Inhalt hat, reden wir erst seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Davor hatte die Aufnahme von Nichtfamilienmitgliedern mit Freundschaft oder mit Religion zu tun, von Platos Gastmahl bis zu den Pilgerherbergen. In beiden Hinsichten signalisiert der Seehof eine Rückkehr zu den historischen Wurzeln: als Haus, in dem Freunde über die Bedingungen und Grenzen des guten Lebens reden, und als Haus, dem man durchaus sektoiden Charakter attestieren kann. Der Anspruch, den Susi und Sepp Schellhorn an sich selbst und an ihr Publikum stellen, ein „Haus der Freunde“ zu gestalten, ist aber mit Risken verbunden.

Erstens bedeutet die Tatsache, dass alle Gäste Freunde der Gastgeber sind, noch nicht, dass die Gäste auch untereinander Freunde sind, es kann also in einer solchen verdichteten Atmosphäre durchaus zu Spannungen kommen. Zweitens entsteht eine Spannung zwischen der Nähe, die Freundschaft bedeutet, und der Distanz, die der bezahlten Dienstleistung, die ein Hotel wie der Seehof immer auch ist. Ein Aufenthalt im Seehof wird schnell zur Familienfeier: Es ist entweder großartig, oder es geht einem wahnsinnig auf die Nerven.

Ich denke, ihr bekommt die Auszeichnung dafür: dass ihr diese Risken jeden Tag aufs Neue eingeht. Und das ist, denke ich, der Grund dafür, dass euer Haus viele Künstler anzieht. Künstler leben in der gleichen Spannung: Sie investieren viel Persönliches in ihre Arbeit, öffnen sich bis an die Grenzen des Erträglichen und müssen es dennoch schaffen, Distanz zu halten, um nicht zu verbrennen.
Das wichtigste Mittel zur Herstellung dieser lebenswichtigen Distanz ist handwerkliche Qualität. Kunst, die der Emotion und dem Selbstausdruck des Künstlers keine handwerkliche Dimension hinzufügen kann, wird genauso wenig bestehen wie ein Hotel, dessen Besitzer jeden Gast zum Freund haben wollen, aber nicht dazu in der Lage sind, die Qualität der Dienstleistung zu halten. Es ist diese Spannung, die die Kunst, das Leben und euer Hotel so interessant macht. Dafür, dass ihr schon so lang bereit seid, sie auszuhalten, sind wir, eure Gäste, euch dankbar. Und dafür wurdet ihr, glaube ich, auch ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2016)