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Romeo und Julia, nur kurz in der Badewanne

(c) Grazer Schauspielhaus / Lupi Spuma
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Shakespeares "Romeo und Julia" in der Regie der jungen Britin Lily Sykes überzeugte nur bedingt. Es fehlt an Hitze, Romantik und Poesie. Julia Gräfner ist zu weit weg von einer Julia. Raphael Muff als Romeo deklamiert.

Eine junge Frau spricht den Prolog an der Rampe. Er ist teilweise unverständlich. „Fresse“, schreit Mercutio. Er ist eine Frau. „Vollpfosten“, ruft Freund Benvolio, der später Romeo einen „König im Verpissen“ nennt. Die Shakespeare-Übersetzung des 73-jährigen Frank-Patrick Steckel riecht nach 1980er-Jahren, damals funktionierte das Bürgerschrecken noch.

Die Alt-68er halten, hoch betagt, teilweise noch immer die Bühnenkunst fest im Griff. Selbst die Nobelpreisjury hat inzwischen erkannt, dass Pop-Lyrics Lyrik, Literatur sind. Die Jugend sagte längt adieu zur „Keine Gefühle“-Doktrin, die eine Reaktion auf die Nazi-Zeit war, in der Pathos und Sentiment missbraucht wurden. Aber die jungen Leute kommen schwer auf gegen ihre Lehrer, die predigen: „Romantik ist Kitsch!“

 

Backfisch und Narziss

Die junge Britin Lily Sykes hat in Oxford studiert. In angelsächsischen Ländern kennt man die Anti-Emotion-Strategie nicht, Theater, Film leben von Gefühlen – und Shakespeare ist der Meister, der die Hitze rein aus dem Wort erschafft. Dieses wird in Britannien sorgfältig einstudiert und ganz gern frontal vorgetragen. Muss nicht sein, wirkt aber.

Sykes freute sich offenbar, dass sie am Grazer Schauspielhaus bei „Romeo und Julia“ gewisse handwerkliche Gesetze einfach wegwischen durfte. Julias Tiraden klingen blässlich vom hintersten Ende der Bühne, Romeo deklamiert vorn, das ist erstens unfair und zweitens falsch. Bis diese beiden zusammenkommen, hat der Zuschauer beinahe das Interesse an der Sache verloren. Wie in England wird hier der ganze Text in fast drei Stunden zelebriert. Dafür ist die Aufführung nicht packend genug. Julia Gräfner ist eine begabte Schauspielerin, doch von der Rolle der Julia ist sie nicht nur typusmäßig zu weit entfernt. Gräfner hat zwar einen schönen, satten, melodischen Ton und einige köstliche Momente als mürrisch-aufmüpfige Pubertierende, die nur darauf wartet, dass ihr jemand die Jungfernschaft raubt, aber es fehlt ihr Schmelz, Zartheit und Süße.

Die blumigen Metaphern, in denen Romeo von ihr spricht, wirken fremd. Ein anderes Stück bitte! Raphael Muff trägt als Romeo weiß gefärbte Haare und erinnert an Wiki-Leaker Julian Assange. Muff beherrscht die Sprache, auch die Rolle, doch auf eine technische Art, es fehlt an Intensität, Wärme. Vielleicht ist dieser Romeo ein Narziss. Immerhin: Im zweiten Teil spielt sich mehr ab zwischen Romeo und Julia als im ersten.

Liebende turteln seit jeher lustvoll in Badewannen, diese zwei ziehen sich rasch wieder an. Sie scheinen mehr mit der Gefahr beschäftigt, in der sie schweben, als mit ihrer ersten Liebesnacht. Der tragische Schluss ist wie oft bei „Romeo und Julia“ auch hier das Beste, aber es wird geschossen statt gefochten. Denn – Zuschauer, merkt auf! – hier geht's modern zu. Das bedeutet auch: Jedes Töpfchen hat sein Deckelchen, aber es ist noch nicht sicher, welches Töpfchen welches Deckelchen bekommt. Julia rauft mit ihrem Vetter Tybalt (Clemens Maria Riegler bezaubert mit wahrhaftiger Verzweiflung über den Verlust Julias, seiner Gespielin aus Kindertagen). Henriette Blumenau balgt als Mercutio, eine Fusion aus Domina, Punk und Gang-Lady, mit Benvolio (Nico Link), tatsächlich will Madame Mercutio Romeo. Pater Lorenz hat eine Lorenzina, sie ist Messdienerin . . .

Die Regisseurin wollte unbedingt originell sein. Einige Einfälle sind stimmig, etwa die Unsicherheit, selbst in der größten Leidenschaft: Hat man den Richtigen gewählt? Und der Neid, den die Clique entwickelt, wenn zwei ihre wahre Liebe finden, verunsichert oft neue Paare. Auch der Ammen-Chor gefällt, Julia wird ständig beaufsichtigt.

 

Franz Solar als brutaler Clanchef

Franz Solar überzeugt als kantig-weiser Pfarrer, der in Teufels Küche gerät, weil er das Liebespaar traut – und anschließend alles reparieren will, vergebens. Noch toller ist Solar als alter Capulet: Seine Julia flötet er mit Babystimme an; seine Ehefrau (stetig über ihre Knechtschaft hinweg lächelnd: Babett Arens) hat er komplett an seine Seite dressiert; sie weiß wohl, warum sie so pariert. Wie Göttervater Zeus fährt dieser Clanchef mit Blitz und Donner auf seine Tochter, sein einziges Kind, herab, als diese den ihr verordneten Ehemann nicht annehmen will. Allerdings wäre Graf Paris (Oliver Chomik) wohl ein leichter lenkbarer Schwiegersohn als Romeo.

Jelena Nagorni baute in die Bühne ein schwarzes, leuchtendes Gestell, auf dem eifrig herumgeklettert wird. Das Jenseits ist eine blendende Scheinwerferwand. Alles in allem: eine ambitionierte, perfekt einstudierte, aber eher verunglückte Aufführung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2016)