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Die Trolle vom Balkan

(c) APA/AFP/PAUL J. RICHARDS
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Die mächtige Internetlügenmaschine im US-Wahlkampf entstand in einer mazedonischen Kleinstadt. Zu Besuch in Veles, wo der Name Donald Trump die Kassen klingeln ließ.

Neben dem Bolzplatz steht ein Pferd, jemand hat es mit einem Strick festgeknotet. Die Zügel baumeln herab, während es an einem kahlen Busch schnuppert. Drumherum jagen die Kinder von Veles einen Ball. Er ist eher oval als rund, die Netze um den Platz sind völlig zerzaust. Aus den Fabrikschornsteinen dampft es nicht mehr, seit die Industrie mit dem Staat Jugoslawien untergegangen ist. „Schau dich hier mal um. Was hat dieser Ort mit dem Wahlkampf in Amerika zu tun?“, sagt Zoran, 34, und lacht. Er kennt die Antwort. Das Weiße Haus liegt ziemlich genau 7890 Kilometer von diesem Bolzplatz entfernt, aber dass dort demnächst Donald Trump einzieht, liegt auch an Veles. An den zahllosen Falschmeldungen, die die Bewohner im Internet verbreitet haben. „Sie haben den Amerikanern nur geliefert, was sie haben wollten“, sagt Zoran.

In der 40.000-Einwohner-Stadt sind mindestens 140 Websites registriert, die Namen wie donaldtrumpnews.com, usconservativetoday.com oder worldpoliticus.com tragen. Sie sind die Abspielfläche für haarsträubende Meldungen, die die Betreiber auf Facebook, Twitter und anderen Netzwerken verknüpfen. Schon die Überschriften treiben bei radikalen Trump-Anhängern den Puls in die Höhe: „Hillary Clinton betet Satan an und ist die Chefin eines Kindersexrings.“ „Diese Dokumente aus dem Jahr 1995 beweisen, wer Obama wirklich ist.“ „Wie die Regierung versucht, Julian Assange zu töten.“ Millionenfach werden solche Nachrichten in den Netzen weiter verbreitet. Diese Lawine treibt Trump die Wähler in die Arme – und spült zugleich Geld nach Veles.

Für jeden Klick auf eine der Lügenseiten bekommen die Betreiber eine Gutschrift bei der Internetsuchmaschine Google. Deren Anzeigenableger GoogleAds schaltet Werbung auf den Seiten, und je mehr sie aufgerufen werden, desto mehr zahlt Google. Der Inhalt der Seite ist dabei egal, es zählt nur die Menge der Klicks. Oder geht es doch um mehr?

„Den Jugendlichen, die das gemacht haben, ist Donald Trump scheißegal, sie wollen nur Geld verdienen“, sagt Zoran und nippt an seinem heißen Mokka. Die Burschen kennt er gut, denn er hat für viele von ihnen die Internetseiten erstellt, auf denen sie die aggressiven Pro-Trump-Inhalte veröffentlicht haben. Plötzlich ist die ganze Welt hinter den Leuten her, die Amerikas Wahl gekippt haben.

Knapp hundert Euro koste jede Seite, die er baut, sagt Zoran, der seinen richtigen Namen nicht nennt. Auf die Idee, mit GoogleAds Geld zu verdienen, seien sie hier schon lang vor dem US-Wahlkampf gekommen. Die ersten Lockseiten aus Veles hatten gesunde Ernährung zum Thema. Sie kletterten ziemlich hoch in den Ergebnislisten, wenn jemand bei Google nach entsprechenden Stichworten suchte. Später kamen Autos, Motorräder und Sport hinzu. Es sei reiner Zufall, dass ausgerechnet Veles zu Donald Trumps vielleicht wichtigster Wahlkampfmaschine wurde, sagt Zoran. Am Anfang wurden noch Inhalte zu Hillary Clintons innerparteilichen Gegenkandidaten online gestellt. „Die Ersten hier versuchten es mit Pro-Sanders-Content, aber das brachte keine Klicks“, erzählt er. „Als sie dann anfingen, Wahlwerbung für Trump zu machen, gingen die Klickzahlen durch die Decke.“

Ein einzelner Klick bringt bei GoogleAds nur den Bruchteil eines Cents. Doch wenn Millionen Seitenaufrufe zusammenkommen, wird daraus ein Geschäft. Zoran schätzt, dass allein mit der Trump-Kampagne eine halbe Million Euro pro Monat in Veles umgesetzt wurde. Nachprüfen lässt sich das nicht. Das liegt auch daran, dass sich nun die Betreiber der Seiten nahezu panisch vor jedem verstecken, der Fragen stellt.

Im Wohnzimmer. In den gewundenen Gassen von Veles trifft man immer wieder auf jemanden, der angeblich jemanden kennt. Dann werden Treffen vereinbart, die in letzter Minute wieder abgesagt werden. Die mazedonische Journalistin Jasmin Mironski kontaktierte zwei der Betreiber telefonisch. Als sie ein zweites Mal anrief, ging einer nicht mehr ans Telefon, der zweite bettelte sie an, nicht mehr bei ihm anzurufen. „Er hat Panik bekommen. Seit das amerikanische Nachrichtenportal Buzzfeed eine große Geschichte über die Trump-Seiten aus Veles gebracht hat, will keiner mehr reden.“ Wovor die Betreiber Angst haben, ist Mironski nicht klar, aber sie hat eine Vermutung: „An sich sind die Seiten legal. Aber wer weiß, auf welchen Konten das Geld ankommt und ob es versteuert wird.“

Es gibt keine IT-Industrie in Veles, der Internetempfang ist meist schlecht, Strom kommt über ein marodes Kabelgewirr in die renovierungsbedürftigen Häuser. Die gefälschten Nachrichten seien in Wohn- und Jugendzimmern produziert worden, sagt Zoran. Besondere Kenntnisse oder spezielle Ausrüstung braucht es dazu nicht. Viele der Betreiber seien selbst gar nicht in der Lage, eine Website zu erstellen. Darum kämen sie zu ihm, zu Zoran.

Wenn die Homepage steht, wird eine passende Facebook-Seite erstellt und in die Sichtbarkeit investiert. Freunde werden gekauft, und Werbung wird geschaltet. „Es ist unfassbar simpel. Manche 16-Jährigen, die kein richtiges Englisch sprechen, verdienen damit ihr Geld. Alles Copy and paste“, sagt Zoran. Die Nachrichten, die sie verbreiten, hätten sich die Betreiber nicht selbst ausgedacht. Sie kopierten sie von rechtspopulistischen und rechtsextremen Seiten. Eine davon ist breitbart.com, sie wurde bis August dieses Jahres von Stephen Bannon geleitet, dem Chefberater der Trump-Kampagne, der jetzt zum offiziellen Berater des neuen Präsidenten ernannt wurde.

„Es machen ein paar Teenager mit, aber die verdienen meist nur wenige Hundert Euro. Diejenigen, die das große Geld machen, sind schon Mitte, Ende 20“, sagt Zoran. Aber auch sie sind meistens keine Informatiker, sondern Zahntechniker oder Englischlehrer. Die meisten hätten zwischen 3000 und 5000 Euro mit den Seiten verdient, einige wenige bis zu 30.000 Euro. In einem Land, in dem das Durchschnittsgehalt bei rund 350 Euro liegt, ist das eine Menge Geld.

Schnelles Geld, schnelle Probleme. Im Café Escape sitzt der 28-jährige Bojan und schaut sich auf seinem Bildschirm eine Falschnachricht an, in der behauptet wird, der US-Grenzschutz wolle Barack Obama abschieben, weil er ein illegaler Einwanderer sei. Mit einem Lächeln sagt Bojan: „Die haben Donald Trump verdient, wenn sie so einen Unsinn glauben.“ Ja, auch er kenne einige der Betreiber. „Die Menschen hier müssen halt sehen, wo sie bleiben. Warum sollten sie diese Seiten nicht betreiben?“ Warum seine Freunde sich verstecken und nicht an die Öffentlichkeit gehen? „Hier kennt jeder jeden. Wer hier schnell an Geld kommt, kriegt auch schnell Probleme.“

Der Umsatz von Facebook liegt höher als das gesamte Bruttoinlandsprodukt Mazedoniens. Und doch waren es auch die Falschnachrichten aus Veles, die Facebook-Chef Mark Zuckerberg zu einem Statement zwangen. Zunächst sagte der Konzernchef noch: „Es ist verrückte zu glauben, dass die Fake-News auf Facebook die US-Wahlen beeinflusst haben. 99 Prozent des Inhalts sind akkurat.“ Eine Analyse von vox.com widerlegt diese Aussage.

Demnach seien die 20 meist geklickten Falschnachrichten zum Ende des Wahlkampfs zu 20 Prozent mehr geklickt worden als die erfolgreichsten seriösen Meldungen. 44 Prozent der US-Amerikaner bekommen ihre Nachrichten über Facebook. Vor zwei Wochen gab Facebook dem Druck der Öffentlichkeit dann doch nach und änderte seine Geschäftsbedingungen. Mitglieder dürfen demnach keine Inhalte mehr bewerben, die „irreführend oder illegal“ sind. Auch Google geht jetzt gegen die Falschnachrichten vor. Damit ist das Geschäft mit Donald Trump für die Betreiber in Veles vorerst vorbei. Einige der Seiten werden nicht mehr verlinkt und sind bereits aus dem Netz verschwunden. Das Geschäft mit GoogleAds geht aber weiter, sagt Zoran. „Sie beschäftigen sich jetzt wieder mit den Sportseiten. Was sollen sie hier auch sonst machen.“ ?

Wahlkampf aus Veles

Veles liegt am Fluss Vardar im Landesinneren von Mazedonien. Die Kleinstadt hat rund 44.000 Einwohner.

In die Schlagzeilen kam Veles, weil Internettrolle von hier aus Falschmeldungen verbreiteten, die im US-Wahlkampf publikumswirksam zitiert wurden. Vor allem Donald Trump kamen die Meldungen zugute. Die hauptsächlich jungen Burschen verdienen Geld mit der Verbreitung der Nachrichten, da mit den Klickzahlen die Werbeeinnahmen steigen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2016)