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Georges Prêtre, der charmante „Maestro con brio“

Zweimal auch Neujahrskonzert-Dirigent im Wiener Musikverein: Georges Prêtre (1924-2017)
Zweimal auch Neujahrskonzert-Dirigent im Wiener Musikverein: Georges Prêtre (1924-2017)APA (GEORG HOCHMUTH)
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Er sei kein Dirigent, er sei „Interpret“, betonte Georges Prêtre gern. Lange Jahre hat er auch das Wiener Musikleben entscheiden mitbestimmt. Er starb 92-jährig in Paris.

Er war der Monsieur 100.000 Volt der klassischen Musik. Wer wissen wollte, was die Vortagsbezeichnung „con brio“ bedeutet, musste nur hören, wie die berühmten ersten Takte der Fünften Beethoven unter seiner Leitung klangen. Musik als Notwendigkeit, unausweichlich, das war Georges Prêtres Maxime. Kompromisse ist er nie eingegangen. Wenn er am Pult stand, hatte alles ohne Widerrede nach seiner Pfeife zu tanzen.

Mit Georges Prêtre zu verhandeln war denn auch nicht einfach. Er hat mit seiner Unnachgiebigkeit Intendanten zur Weißglut getrieben, aber auch Primadonnen gezähmt. Die Primadonna assoluta vor allem: Maria Callas kürte ihn zu ihrem „Chef préféré“. Und die Welt staunte: Die Egomanin und der Egomane? Das sollte gut gehen? Das ging gut, denn beider notorische Starrköpfigkeit sollte immer nur zu einem einzigen Ziel führen: den Willen des Komponisten so exakt wie möglich umzusetzen. Da trafen sie sich; und zwar ohne viel miteinander kommunizieren zu müssen. Und da hoben die Starrköpfigkeiten einander auf.
So einfach war das.

Auf der Ebene der gemeinsamen Liebe zur und des gemeinsamen Dienstes an der musikalischen Sache angelangt, war der Heißsporn der charmanteste Mann der Welt. Unvergessen für den Probenkiebitz der Moment, in dem er, die Wiener Symphoniker anspornend, im Auftakt zum lyrischen Seitenthema im ersten Satz von Bruckners Neunter Symphonie ausrief: „glücklisch“ – so weich und warm hat diese Musik nie wieder geklungen . . .

Musik als aufregendes Abenteuer

Beethoven, Bruckner? Die Musikwelt hat den Interpreten aufs französische Repertoire zu reduzieren versucht, weil er im Aufnahmestudio vorrangig Musik seiner Heimat realisiert hat. Großteils Wiedergaben, die als maßstabsetzend gelten – nicht zuletzt, weil Komponisten von den Ergebnissen fasziniert und höchst befriedigt waren: „Bénit soit le jour qui a vu naître Georges Prêtre“ (gesegnet der Tag, an dem Georges Prêtre geboren wurde) notierte Francis Poulenc nach der Uraufführung seiner „Voix humaine“.

Doch nutzte der Dirigent seine fanatische Ausdruckskunst ebenso im italienischen oder deutschen Repertoire. Einen aufwühlenderen Trauermarsch aus der „Götterdämmerung“ wird man schwerlich finden. Und kaum eine „Eroica“ tönt so kämpferisch, so martialisch, dann wieder so empfindsam und – im Finale – so bacchantisch. Es steht zu vermuten, dass Connaisseurs mangels Studioaufnahmen mit der Jagd nach Livemitschnitten schon begonnen haben. Die werden den Nachruhm Prêtres auf lange Zeit hoch halten; wie die Live-Erlebnisse Hellhörigen stets bewiesen haben, dass es ein aufregendes Leben neben dem Allerwelts-Klassik-Mainstrem gibt.

Das Leben schreibt ja selbst die kuriosesten Geschichten: Georges Prêtre, von zwei abenteuerlustigen Teenagern buchstäblich auf einem „mechanischen Klavier mit Münzeinwurf“ gezeugt, hat sich gegen alle Widrigkeiten der ärmlichsten nordfranzösischen Verhältnissen über das Pariser Conservatoire und die Pariser Jazz-Szene zum buntesten Vogel des internationalen Klassik-Business emporgearbeitet. Er war es, der die Abschiedsvorstellung der alten New Yorker Met dirigiert hat und die Eröffnung der neuen, der den ersten Aufakt in der Opéra Bastille in Paris gab und zweimal das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker mit einem ganz speziellen Esprit zu erfüllen wusste.

Georges Prêtre gelang – apropos Wien – auch das Kunststück, als einer der ganz wenigen Dirigenten von Philharmonikern und Symphonikern gleichzeitig akzeptiert zu werden und beide zu Höchstleistungen zu animieren. Chef wollte er nie irgendwo werden, denn er war es überall, wo er am Pult erschien. Automatisch, kraft seines unwiderstehlichen Charismas. Im Oktober war der Künstler noch einmal im Wiener Musikverein zu erleben. Erst ganz zuletzt vertraute der stets so energetische Mann seinen Freunden an, doch ein wenig müde zu sein. Am Mittwoch ist Georges Prêtre 92-jährig gestorben.

(APA)