Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Pjotr Pawlenski: Schnitte in das Fleisch der Macht

Aktion „Abtrennung“ 2014: Pawlenski schnitt sich auf dem Dach einer Psychiatrie ein Ohrläppchen ab.
Aktion „Abtrennung“ 2014: Pawlenski schnitt sich auf dem Dach einer Psychiatrie ein Ohrläppchen ab.(c) Ciconia
  • Drucken

Er hat eine russische Geheimdiensttür angezündet, auf dem Roten Platz seinen Hodensack festgenagelt und sich öffentlich ein Ohrläppchen abgeschnitten – wie denkt dieser Mann eigentlich? Ein Gespräch mit dem Künstler Pjotr Pawlenski.

Tief liegende, todernste Augen, unwahrscheinlich hohle Wangen – wie er einem klein und schmächtig im Lokal gegenübersitzt, sieht Pjotr Pawlenski tatsächlich so aus wie auf den Fotos, die von seinen Aktionen kursieren. Ein erstaunliches Gesicht, für das es in einer wohlgenährten Realität wenig Vergleichbares gibt. Es kann an alte Filmaufnahmen von ausgehungerten Kriegsgefangenen erinnern, oder an leidende Helden aus einem Dostojewski-Roman.

Ein Eindruck, der zu den buchstäblich schmerzhaften Aktionen des heute 32-jährigen Russen passt. Seit rund fünf Jahren inszeniert er in immer neuen, stets schockierenden Variationen, die Namen wie „Naht“, „Kadaver“ oder „Fixierung“ tragen, körperliche Selbstbeschädigung als politische Kunst.

Er nähte sich den Mund zu, als Mitglieder der russischen Band Pussy Riot inhaftiert wurden, und legte sich bald darauf in Stacheldraht gewickelt vor ein Regierungsgebäude in seiner Heimatstadt St. Petersburg. Im Jahr darauf nagelte er seinen Hodensack auf dem Roten Platz in Moskau fest, als Zeichen gegen polizeiliche Korruption und gesellschaftliche Apathie. 2014 schnitt er sich, nackt sitzend auf dem Dach einer psychiatrischen Anstalt in Moskau, ein Ohrläppchen ab – als Zeichen für die von der „gesunden“ Gesellschaft abgeschnittenen „Kranken“. Das war ein Protest gegen die Psychiatrie, die der Politik helfe, ihre Kritiker auszuschalten; auch ihn selbst hatten die Behörden davor immer wieder zu psychiatrischen Untersuchungen zwingen wollen. In einer Novembernacht 2015 schließlich goss er Benzin über eine Holztür der russischen Geheimdienstzentrale Ljubanka und ließ sie in Flammen aufgehen. Nach einem halben Jahr in Untersuchungshaft entließ man ihn mit einer Geldstrafe – die er sich bis heute zu zahlen weigert, aus Prinzip.

 

Märtyrer? Auf keinen Fall!

Was will dieser Mann, der sich Gewalt antut, um die Gewalt der „Macht“, in diesem Fall des russischen Staates vor Augen zu führen, der mit seinem Schmerz den der anderen sichtbar machen will? Der beim Prozess förmlich darum bettelt, wegen Terrorismus verurteilt und ins Gefängnis gesteckt zu werden? Inszeniert er sich als Märtyrer der politischen Verhältnisse? Märtyrer – auf dieses Wort reagiert der sonst so statuenhaft dasitzende, phantomhaft leise sprechende Künstler empfindlich. Auf keinen Fall wolle er solche Assoziationen hervorrufen, betont er, das sei ihm sehr, sehr wichtig. „Ein Märtyrer ist jemand, der von der Gesellschaft geopfert wird, damit sie selbst nichts zu tun braucht. Sie sucht sich einen Helden und signalisiert damit, er gehört nicht zu uns.“ Außerdem wecke der Begriff Märtyrer religiöse Assoziationen. Seine Arbeit aber sei areligiös.

„Ich arbeite mit den Werkzeugen der Macht, um sie gegen die Macht zu richten“ – auf diese Formel bringt Pawlenski seine Kunst. „Durch meine Aktionen zwinge ich die Macht, sich zu zeigen, und richte diese Dokumentation dann gegen sie.“ Viele Kritiker von Putins Politik in und außerhalb Russlands lieben seine Arbeit, sehen ihn als Kämpfer gegen undemokratische Verhältnisse. Doch Pawlenski ist nicht in erster Linie ein politischer Aktivist, der sich für mehr politische Freiheit im Land einsetzt. Er ist vor allem Künstler – und ein so radikaler Anarchist, dass sich westliche Menschenrechtsorganisationen an ihm die Finger verbrennen können: 2016 hatte ihm die Human Rights Foundation den „Václav-Havel-Preis für kreativen Dissens“ verliehen; sie zog die Vergabe wieder zurück, als sie erfuhr, dass Pawlenski das Preisgeld an das Grüppchen „Fernöstliche Partisanen“ in Wladiwostok spenden wollte, das brutale Überfälle auf Polizisten verübt hatte, bis hin zum Mord. Verzweiflungstaten seien das, versichert Pawlenski, er selbst sei gegen jede Gewalt.

In den vergangenen Monaten sind mehrere programmatische Texte von und Gespräche mit ihm auf Deutsch erschienen („Gefängnis des Alltäglichen“, „Der bürokratische Krampf und die neue Ökonomie politischer Kunst“). Sie zeigen: Pawlenski denkt ebenso radikal, wie er als Künstler agiert. Er tut die „Mitte“ des „öden Liberalismus mit seiner politischen Korrektheit“ ab, sieht das Leben als unablässigen „Kampf um die eigene Subjektwerdung“ gegen ständig drohende Unterwerfung. Anarchie ist für ihn ein immer anzustrebendes, nie verwirklichbares Ideal. Weggehen aus Russland? Wozu? An Freiheit fehle es einem doch überall. Außerdem, findet Pawlenski, zeige er selbst mit seinem Leben, dass man sich auch in Russland viel mehr Freiheit nehmen könne, als den Machthabern lieb sei.

Ungewöhnlich lebt Pawlenski auch privat in Moskau. Zwei Töchter hat er, fünf und acht Jahre alt; Alissa, die Ältere, geht nicht in die Schule. „Wir haben keine Schulpflicht hier. Es könnte sein, dass Organisationen versuchen einzugreifen, aber da wir immer wieder übersiedeln, ist es schwierig, uns ausfindig zu machen.“ Was lernen die Kinder zu Hause? „Schach und Kickboxen. Die Ältere liest auch sehr viel. Wenn die Kinder später einmal in die Schule gehen wollen, lassen wir sie natürlich. Die Ältere wollte bisher selbst nicht.“ Pawlenski nimmt die Kinder auch mit, wenn er seine Aktionen vorbereitet, zeigt ihnen im Nachhinein die Dokumentationen. Schockiert seien sie nie gewesen, erzählt er. „Eher nehmen sie es mit Humor. Sie scherzen manchmal auch: ,Warum hast du nicht noch mehr gemacht?‘“

 

„Damit man zumindest am Platz bleibt“

Pawlenski selbst hatte eine reguläre Ausbildung. Der Vater war Wissenschaftler, die Mutter Krankenschwester in der Psychiatrie. „Kunst hat mich immer interessiert, mit 19 habe ich beschlossen, es zu studieren. Aber was es heißt, Künstler zu sein, davon hatte ich damals noch keine klare Vorstellung“, erzählt er. „Heute könnte ich mir nicht mehr vorstellen, irgendetwas anderes zu machen. Ich möchte diese Entscheidung durchhalten.“

So treibt er also weiter seine Spiele mit der Polizei, den Gerichten, unter beachtlichem persönlichen Einsatz. Man müsse die Realität immer in Richtung Anarchie bewegen, schreibt er im Buch „Gefängnis des Alltäglichen“ – einfach, „damit man zumindest an seinem Platz bleibt; in Wirklichkeit braucht es schon allein dafür viel Kraft“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2017)