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Theatercombinat: Die Qual hat kein Ende

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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„2481 desaster zone“: Extremtheater in der Ankerbrot-Fabrik: sehr strapaziös, aber es hat was.

Wer die bisherigen Aufführungen des „theatercombinat“ gesehen hat, wird sich leichter tun mit „2481 desaster zone“. Denn die jetzige Performance in der Wiener Ankerbrot-Fabrik ist quasi das Resümee und der Kulminationspunkt des Vorangegangen: eine Komposition von Texten von Aischylos, Agamben, Jelinek, Racine, Seneca, Shakespeare u. a. Mit den „Persern“ von Aischylos, die vor 2481 Jahren entstanden sind und nun wieder rezitiert werden, hat 2006 der Höhenflug der Truppe unter der gebürtigen Deutschen Claudia Bosse begonnen; für „Bambiland“ von Jelinek bekam Bosse jüngst den Nestroy-Theaterpreis.

Das „theatercombinat“ liebt ungewöhnliche Orte und epische Darbietungen. Drei Stunden ohne Pause dauert die Aufführung in der eiskalten Halle: Ein Endspiel, ein Endzeitszenario. Der Beginn erinnert an „Seelen“ von Stephenie Meyer, der Autorin der bei Kids so immens erfolgreichen Vampirsaga „Bis(s)“. Die Lust an der Apokalypse ist Teil der Entertainment-Industrie, und kein kleiner. Bosses Nachdenken über das Thema hat jedenfalls mehr Substanz. Sie entwickelt Elfriede Jelinek weiter und treibt deren Wort-Materialschlachten auf eine neue Spitze. Weißer Staub lässt die graue Halle gleißen, die alte Fabriksuhr ist auf viertel vier stehen geblieben.

Aus weißen Zelten schälen sich nach und nach Menschen mit weißblonden Perücken in bizarrer Kleidung zwischen Minirock, Overall und Hasenkostüm. Sie stimmen einen mächtigen Sprechgesang an, der ein Kunstwerk für sich ist. Das einzustudieren muss eine Heidenarbeit gewesen sein. Vom ziemlich naiv glorifizierten Urzustand der Welt – ohne Macht und Mauern – mäandert die Erzählung vor und zurück, in Sprüngen oder langsam rollend wie eine Welle.

 

Flugzeugabsturz und Weltuntergang

Die Besucher sitzen auf Wagen und werden von den Akteuren umhergerollt, gelegentlich gibt es kleinere Kollisionen. Die Wirkung allerdings kommt nicht durch diese eher unbeholfene körperliche Simulation von Katastrophen zustande, sondern eben durch das Wort: genauso wie bei Jelinek, deren Sprachwitz deutlich und erfrischend hervorleuchtet, speziell im Kontrast zu den tonnenschweren klassischen Texten.

Die stärksten Szenen gibt es am Schluss der Aufführung, wenn die Schauspieler einen Flugzeugabsturz simulieren („This is an emergency landing“), die Welt untergeht und das Letzte ein Stimmengewirr ist, das aus dem Zelt dringt, als würden sich dort Opfer einer Katastrophe in mühsam unterdrückter Aufregung beraten.

Dass man nicht alles versteht, was im Lauf des langen Abends gesprochen wird, ist nach dem Prinzip des babylonischen Turms vermutlich beabsichtigt; auch diese Methode ist von Jelinek-Aufführungen bekannt. Allerdings sind nicht alle Akteure gleich sprachmächtig. Die Kreation würde gewinnen, wären da durchgehend starke und vielseitige Sprecher. Insgesamt dennoch sehenswert: Ein kühner Wurf in Zeiten, da neue Texte oft eher oberflächlich das Bedürfnis nach Effekt und Überraschung bedienen. Was hinter der Katastrophenflut steckt, die täglich aus den Medien quillt – die echte menschliche Qual –, hier wird sie zumindest streckenweise direkt erfahrbar.

Was meint das Publikum? Toller Raum, toller Text, spirituelle Theatererfahrung, aber mühsame äußere Umstände: Kälte, lange Dauer. Eher ein Minderheitenprogramm für Hartgesottene. Zwei gingen vorzeitig, das ist wenig. Einige schliefen ungeniert. Das war kein Wunder. (bis 28. 10.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2009)