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Japan: Das große Abschlachten der Delfine

The Cove
(c) REUTERS (HO)
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Vor dem Fischerdorf Taiji werden jeden Herbst tausende Delfine abgeschlachtet. Dem teils brutalen US-Dokumentarfilm "The Cove" gelang es, das heuer erstmals zu stoppen. Der Film läuft am Donnerstag in den Kinos an.

TOKIO. Es ist selten, dass ein Film etwas ändert. Am Donnerstag läuft in Europas Kinos so ein Beispiel an: „The Cove“ (Die Bucht), eine Anklage gegen den alljährlichen Massenmord an Delfinen in Japan. Der hat dort im Vorfeld Wellen geschlagen. Und: Diesen Herbst wurde das Schlachten tausender Delfine an der Küste von Taiji im Süden der Hauptinsel Honsh? gestoppt.

Man könnte den Anblick zunächst für Naturromantik halten; In den Buchten mit ihren malerischen Klippen, felsigen Inselchen und waldigen Hügeln sammeln sich jeden Herbst zehntausende Delfine. Touristenboote kreuzen durch die flachen Lagunen von Taiji, 700 Kilometer südlich Tokios.

Nur wenige Beobachter merken, dass Fischer die riesigen Schwärme zusammentreiben. Fänger waten in Neoprenanzügen durchs flache Gewässer, schwimmen oft stundenlang neben den Tieren und treffen schließlich ihre Wahl.

 

Nur die Süßen kommen durch

Sie suchen vor allem schöne, süße Kleinwale für die Großaquarien und Kinderherzen dieser Welt. Angeblich kriegen Japans Delfindealer bis zu 150.000 Euro für einen prächtigen „Flipper“ von Delfinarien. Besonders begehrt sind sie für Shows in China, Thailand, Südkorea und der Karibik, Taiji ist hier die erste Beschaffungsadresse.

Das ist aber nur ein Teil des Geschäfts – der größte Teil ist blutig: Wer bei Taijis Delfinmaklern „durchs Netz fällt“, stirbt. Ganze Schwärme werden dreimal pro Woche in eine diskrete Bucht getrieben und morgens abgestochen. Durch Schlagen mit Stangen aufs Wasser werden die Tiere verwirrt; Netze blockieren den Weg ins offene Meer. 1500 bis 2000 Tiere fallen pro Saison Lanzen, Haken und Messern zum Opfer. Besatzungen von Frachtern wundern sich oft über kilometerlange Ströme von Blut weit vor der Küste.

 

Sie machen aus Flipper Sushi

Viele Bewohner Taijis tragen Mitschuld: Nach offiziellen Angaben erhalten zwei Dutzend Fischerfamilien des 3500-Einwohner-Ortes die Lizenz zum Töten der Delfine. Aber der ganze Ort verdient mit: Ein Fischlokal reiht sich ans andere und bietet Speisen aus Wal und Delfin an. Auch „normale“ Fischer machen bei der Treibjagd mit, geben Tipps über den Zug der Tiere.

Dabei ist das Massaker selbst Geheimsache, Fotografieren und Filmen bei Strafe verboten. Augenzeugen gibt es kaum, weil die Todesbucht abgeriegelt ist wie ein Hochsicherheitstrakt im Gefängnis. Der Ort ist sonst nur von einem Felsplateau einzusehen, von dem aus die Sicht zur Jagdzeit durch Zeltplanen blockiert wird.

 

Verräter bringen wir um“

„Wenn rauskommt, was wir hier treiben, können wir einpacken“, sagt einer der Delfinjäger. „Jeden Verräter bringen wir um“, droht er, und es ist dem Mann mit den rasierten Augenbrauen nach Art der Yakuza-Mafiosi ernst damit.

US-Tierschützer Richard O'Barry und Öko-Filmer Louie Psihoyos brachen das Tabu und filmten alles. Sie stellten ein Team aus Tauchern, Kletterern und Effektkünstlern zusammen, denen für „Die Bucht“ Bilder gelangen, die oft zu brutal fürs „normale“ Publikum sind. Doch nur so, sagen sie, könne Empörung ausgelöst werden, die zum Boykott von Delfinarien führt.

Psihoyos ist in Kaliforniens Ökoszene gut vernetzt, O'Barry hat die Filmdetektive mit Sachkenntnis geführt. Der 70-Jährige hatte selbst in den 60ern und 70ern Delfine zur Filmtauglichkeit als Akteure der Kinderserie „Flipper“ gedrillt. Als sein Lieblingstier starb, wurde er Tierschützer. In Taiji erhielt er Morddrohungen und konnte sich nur getarnt bewegen.

„Die Bucht“, erstmals gezeigt im September, schlug ein wie eine Bombe: In den USA gab es Preise, die westaustralische Stadt Broome brach ihre Städtepartnerschaft mit Taiji ab. Das offizielle Japan wollte den Thriller erst totschweigen, das Filmfestival von Tokio lehnte „Die Bucht“ als „künstlerisch mangelhaft“ ab. Erst als vor Kurzem der Wahlsieg der Demokratischen Partei eine politische Wende einleitete, drehte sich die Meinung.

Und: Heimlich verbat die Regierung, heuer in Taiji Delfine zu töten. Bisher fing man nur gut 100 Stück; 70 davon wurden ins Meer entlassen, weil sie nicht schön genug waren für die Shows vor staunenden, unwissenden Kindern.

 

Japaner lieben andere Tiere

Ob der Film jedoch Langzeitwirkung haben wird, ist fraglich. In Japan gilt Delfinjagd als alte Tradition, Grindwale, eine Art großer Delfine, heißen auf Japanisch soviel wie „Monsterfisch“. Nippons Kinder empfinden das Schlachten von Kaninchen oder Kälbern meist ärger als das von Delfinen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2009)