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Morton, der Ohrwurm

Auf dem Klavierstuhl durch die Musikgeschichte: Morton Feldman (Markus Zett).
Auf dem Klavierstuhl durch die Musikgeschichte: Morton Feldman (Markus Zett).(c) timtom
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Toxic Dreams zeigten im Tanzquartier Wien „Morton Feldman says“, einen witzigen Monolog über Musik.

Proust und Freud, Beckett und John Cage, Satie und Boulez. Bei Morton Feldmans Name-Dropping kann einem leicht schwindelig werden. Und auf einem Klaviersessel rotiert er auch, aber meistens ganz langsam, umso schneller spricht er. Schauspieler Markus Zett schlüpft im Tanzquartier in die Rolle von Musikreformer Morton Feldman (1926–1987), der 1984 in Darmstadt eine seiner berühmten Lectures hielt. Feldman zu beschreiben ist nicht einfach, grenzt sich der Sohn eines aus Kiew nach Brooklyn ausgewanderten Textilfabrikanten doch harsch von allem ab, auch von Weggefährten John Cage: „Ich bin kein Minimalist!“, ruft er.


Hiphop durch die Historie. Feldman reist kreuz und quer durch die Musikgeschichte. Er zieht Linien von Beethoven zu Brahms: „Beethovens Neunte klingt wie Brahms' Erste Symphonie.“ Er spricht von künstlerischen Gratwanderungen, einerseits Arbeit im stillen Kämmerlein, Experimentieren, Freiheit, andererseits Öffentlichkeit, Kritik, Kommerzialisierung – die vielleicht einen Cadillac bringt, aber nicht unbedingt glücklich macht. Wie hängen Kunst und Leben überhaupt zusammen? Gar nicht, sagt Feldman: „Kunst lehrt nichts über das Leben – und Leben nichts über die Kunst.“

Apfel und Schlange, gut und schön, aber am besten baust du dir deine eigenen Paradiese. Und verheddere dich nicht in der Theorie, denn „Poesie wird nicht aus Ideen gemacht, sondern aus Worten“. Zwischendurch erzählt Feldman jüdische Witze, zum Beispiel über den jungen Mann, dem seine Mutter zwei Krawatten geschenkt hat. Beim nächsten Familienfest legte er die eine an, die Mutter öffnete die Türe und begann zu weinen: „Gefällt dir die andere Krawatte nicht?“, fragte sie. Der Witz dient dazu, ein weiteres Kunstdilemma zu illustrieren: Man kann nie ganz gewinnen. Skeptisch ist Feldman, was die akademische Ausbildung angeht, denn Musik sei ohnedies so formalisiert, eher sollte man ihr Spontaneität zurückgeben, was diverse Neutöner auch versucht haben. Aber Feldman, der die grafische Notation mitentwickelte, bei der anstelle von Noten etwa Farben die Musik beschreiben, kehrte selbst mit der Zeit wieder zu den Noten zurück.

Apropos Farben, die bildende Kunst spielt bei dieser 90-Minuten-Performance in der Regie von Toxic-Dreams-Prinzipal Yosi Wanunu eine große Rolle. Feldman war mit den Abstrakten Expressionisten verbunden, mit einigen auch befreundet. In Houston, Texas, steht die Rothko Chapel, ein an keine Konfession gebundener Andachtsraum, gestaltet von Mark Rothko und von Feldman mit meditativer Musik beschallt. Die Lecture im TQ findet im Ambiente der Rothko Chapel statt. Feldmans Vortrag wird nicht nur von Fragen aus dem Publikum (gestellt von Schauspielern, die dort sitzen) begleitet, sondern auch von seiner Musik, die gemächlich, nachdenklich klingt und wie ein Fluchtversuch aus der Harmonielehre. Was man alles mit einem Kontrabass anstellen kann: unsystematisch rauf- und runterstreichen, kratzen, klopfen. Wie ermutigend für Anfänger, aber ohne Handwerk dürfte man selbst mit einem Computerprogramm wie Apples „Garageband“ nichts Gescheites zustande bringen.

Die Kreation ist redselig, etwas spröd. Wenn man jedoch genau zuhört, kann man einiges über „The Making of“ Musik erfahren. Und Zett-Feldman mit seinen gelben Cordhosen, den braunen Schuhen, seiner schwarzen Brille ist eine Show für sich, hübscher als das Original und weniger rau, manchmal hält er inne, macht Pantomime oder wiederholt eine Frage, serielle Musik in Worten. „Ich habe kein Geheimnis, ich habe kein System, ich brauche das nicht“, sagt Feldman. Und dann schnell noch, bevor das Licht ausgeht, eine letzte Anekdote: Strawinsky wurde gefragt, warum eine bestimmte Trommelsequenz in „Sacre du Printemps“ so lang dauert, wie sie dauert. „Weil es so ist“, sagte Strawinsky.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2017)