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Müller mag Betriebsräte nicht

Dem Drogisten Müller droht eine Klage.
Dem Drogisten Müller droht eine Klage.(c) imago/Ralph Peters (imago stock&people)
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Die Drogeriekette Müller soll eine Angestellte gekündigt haben, weil sie den landesweit ersten Betriebsrat gründen wollte. Die Gewerkschaft tobt. Die Geschichte erinnert an die patriarchalischen Methoden beim ehemaligen Riesen Schlecker.

Wien. Als Özlem Bakiray das erste Mal zu ihrer Chefin gerufen wurde, sagte ihr diese, dass sie „sehr enttäuscht“ sei. Sie habe von ihren Plänen gehört, in der Floridsdorfer Filiale der Drogeriekette Müller einen Betriebsrat gründen zu wollen – den ersten in ganz Österreich. Bakiray solle aufhören, Kollegen zu rekrutieren. So etwas sehe die deutsche Leitung nicht gern. Als ihre Chefin sie Ende Jänner das nächste Mal zu sich rief, teilte sie Bakiray deren sofortige Kündigung mit.

Die Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-djp) erhebt nun schwere Vorwürfe gegen das deutsche Familienunternehmen, das in sieben Ländern 34.000 Mitarbeiter beschäftigt: „Es ist ein öffentliches Geheimnis, dass das Engagement für die Betriebsratsgründung das Motiv für die Kündigung ist“, sagte Gewerkschaftsführer Wolfgang Katzian am Donnerstag vor Journalisten. Seine Vermutung hat ihre Vorgeschichte: Die GPA hatte sich vor einigen Wochen auf Wunsch von Bakiray selbst in den Fall eingeschalten. Das Gespräch mit der österreichischen und der internationalen Verkaufsleitung war freundlich verlaufen – aber es sei kein Hehl daraus gemacht worden, dass ein Betriebsrat für den patriarchalischen Firmenchef, Erwin Müller, ein No-go ist. Zwei Wochen darauf folgte die grundlose Kündigung. Die deutsche Handelskette gab bis Redaktionsschluss gegenüber der „Presse“ keine Stellungnahme zu dem Fall ab.

Dafür ist die Gewerkschaft auskunftsfreudig – und sie kocht. „Das Unternehmen hat uns die Tür zugeschlagen und uns signalisiert, wir sollen uns über die Häuser hauen“, so Katzian. Eine Klage auf Wiedereinstellung hat man bereits beim Arbeits- und Sozialgericht eingebracht. Weitere Kreise dürften aber die geplanten Gespräche mit den Tausenden Mitarbeitern der 75 österreichischen Filialen ziehen. Dabei will man die Arbeitsbedingungen großflächig abklopfen und gegen das „Klima der Angst“ arbeiten. Am Wochenende wird Katzian die deutsche Schwestergewerkschaft, Verdi, treffen – sie geht im Nachbarland schon seit 2009 gegen Arbeitsrechtsverstöße bei Müller vor.

 

Abschreckendes Beispiel

Der aktuelle Fall liest sich wie ein Lehrbeispiel für schlechte Konzernkommunikation. Dabei sollte man annehmen, dass die europäischen Drogisten noch das abschreckende Beispiel der Schlecker-Kette vor Augen haben. Auch dort hatte der Firmengründer und Patriarch, Anton Schlecker, jahrelang eine gesunde Betriebsratskultur unterbunden. Skandale um Mitarbeiterausbeutung und Dumpinglöhne ruinierten die Marke nachhaltig und führten zu Kaufboykotten. Als die nächste Generation 2011 den Kulturwandel einläutete, war es zu spät. Im Sommer 2012 schlitterte der ehemalige Marktführer in die Insolvenz.

Offizielle Stellen hielten sich am Donnerstag mit Äußerungen zurück. Man wolle solche Unternehmensinterna nicht kommentieren, heißt es von der Bundessparte Handel in der Wirtschaftskammer. Rainer Will, dessen Handelsverband gut hundert österreichische Betriebe vertritt, betont, dass es sich bei Müller um kein Mitglied handelt. „Wir bedauern den Fall für die Mitarbeiterin, aber auch weil es immer schädlich für das Image der gesamten Branche ist, wenn so etwas passiert“, sagt Will.

 

Welche Betriebsratskultur?

Weder die WKO noch der Handelsverband können Zahlen nennen, wie viele betriebsratspflichtige Handelsunternehmen hierzulande auch tatsächlich einen Betriebsrat gegründet haben. Arbeitsrechtlerin Katharina Körber-Risak von der Kanzlei Kunz Schima Wallentin schätzt ihre Zahl im Einzelhandel niedriger ein als in anderen Branchen. Das liege einerseits an der Struktur: Da die Handelsketten in viele Filialen aufgegliedert sind, käme in der Belegschaft nicht so schnell der Drang auf, sich zu organisieren. Außerdem lege der Kollektivvertrag für die Handelsbranche viele Details per Gießkannenprinzip fest. Bestes Gegenbeispiel ist laut Körber-Risak die Industrie, „wo sich jeder sein eigenes Schichtmodell bastelt“ und die Betriebsratskultur floriert.

Fakt ist jedenfalls: Obwohl das Arbeitsverfassungsgesetz ab fünf Mitarbeitern zur Selbstorganisation der Arbeitnehmerschaft verpflichtet, wird der Paragraf bei kleinen und mittleren Betrieben über alle Branchen hinweg eher als Konjunktiv ausgelegt: Man könnte, wenn man wollte. Und viele wollen offenbar nicht, wie etwas veraltete Zahlen zeigen. Die Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (Forba) erhob 2006, dass nur 14 Prozent aller infrage kommenden Unternehmen einen Betriebsrat haben. Das ist bei der kleinstrukturierten Firmenlandschaft Österreichs nicht verwunderlich.

Özlem Bakiray betont, dass ihr Fall aber anders gelagert gewesen ist. Ihre Kollegen unterstützten die Pläne. Nur aus Angst um ihre Arbeit wollten sie nicht selbst dafür eintreten. Ihr Fall wird in absehbarer Zeit vom Arbeits- und Sozialgericht entschieden. Im Fall ihres Arbeitgebers dürfte das letzte Wort noch länger nicht gesprochen sein. (loan)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2017)