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Shakespeares "Sturm" als ein Lüfterl in Linz

Trugbilder für die Gestrandeten auf der Insel des Zauberers Prospero in William Shakespeares „Der Sturm“ (von links): Sebastian Hufschmidt, Christian Manuel Oliveira, Joachim Rathke, Eva-Maria Aichner.
Trugbilder für die Gestrandeten auf der Insel des Zauberers Prospero in William Shakespeares „Der Sturm“ (von links): Sebastian Hufschmidt, Christian Manuel Oliveira, Joachim Rathke, Eva-Maria Aichner.(c) C. Brachwitz
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Kritik Zur Wiedereröffnung des Landestheaters hat Schauspielchef Stephan Suschke das mehr als 400 Jahre alte, hintergründige Märchenspiel allzu brav inszeniert. Zwar wird auch gezaubert, aber an Dämonie und Intensität mangelt es.

Großer Bahnhof am Samstag in Oberösterreichs Landeshauptstadt Linz: Der neue Bundespräsident Alexander Van der Bellen reiste an, um das umfassend renovierte Landestheater bei seinem ersten offiziellen Besuch in diesem Bundesland zu eröffnen. An der Promenade im Zentrum der Stadt wird seit dem 18. Jahrhundert Theater gespielt, der Architekt Clemens Holzmeister hat das Haus in den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts verschönert und erweitert. Seit Mai des Vorjahres wurde wieder gebaut. Mit leichter Verzögerung und etwas teurer als geplant (Gesamtkosten: 9,5 Mio. €) liegt ein überzeugendes Ergebnis vor, nicht nur in der Eleganz, sondern auch in Akustik und Komfort.

Zur festlichen Eröffnung gab es William Shakespeares spätes, wahrscheinlich sechs Jahre vor seinem Tod 1616 verfasstes Drama „Der Sturm“ zu sehen, unter der Regie von Schauspielchef Stephan Suschke. Die Aufführung erwies sich jedoch nicht als glanzvoll, sondern als ziemlich brav. Eher ein Lüfterl, denn ein Sturm, da hilft auch keine Garnierung mit modernen Gedichten (Heiner Müller, W. H. Auden). Da mag von Anfang an die Windmaschine angeworfen, mit Donner und Blitz darauf aufmerksam gemacht worden sein, dass hier Dramatisches passiert, die knapp zweieinhalb Stunden (inklusive Pause) bleiben ein wenig bieder. Sinnbildlich dafür ist auch das Bühnenbild von Momme Röhrbein: Auf die Bühne wurde eine alte Bühne mit zerschlissen-zerrissenem Vorhang gestellt, links und rechts neben zwei historisch anmutenden Türen als Abgang wachen zwei ausgestopfte Trophäen – die Köpfe eines Krokodils und einer großen Raubkatze. Zum Fürchten sind sie nicht.

 

Ausgebootet auf einer Insel

Recht eindringlich ist eingangs die „Action“: Antonio, der unrechtmäßige Herzog von Mailand (Sebastian Hufschmidt), Alonso, der König von Neapel (Joachim Rathke), dessen Bruder Sebastian (Christian Manuel Oliveira) und Sohn Ferdinand (Clemens Berndorff) sind in wilder Fahrt auf dem Ozean unterwegs. Sie erleiden just vor jener Insel Schiffbruch, auf die sich Jahre zuvor der wörtlich genommen ausgebootete, rechtmäßige Herzog Prospero (Vasilij Sotke) mit seiner kleinen Tochter Miranda (Anna Rieser) gerettet hat. Dort übernimmt er, zauberkundig geworden, die Macht. Der Wilde Caliban (Julian Sigl) und der Luftgeist Ariel (Alexander Julian Meile) müssen ihm dienen. Und schon sitzt Prospero mit umwölkter Stirn über Folianten rechts vorn an der Rampe und sinnt auf Rache, lässt den bösen Bruder samt der übrigen Besatzung stranden. Der Sturm, den Prospero erzeugt, ist aber kein tödlicher, sondern ein didaktischer. Alles wird gut, das ahnt man bereits, Intriganten haben hier bald ausgespielt. Die Tochter wird den Königssohn kriegen, Prospero sein altes Herzogtum, Ariel die Freiheit und Caliban seine Insel. Aber aus eben diesem Grund ist es ratsam, ein wenig Geheimnis, Ironie und auch Dämonisches anklingen zu lassen. Das bleibt hier aus. Sotke spielt von Anfang an einen lieben Patriarchen, der gar nicht viel mit sich selbst kämpfen muss, um Rachegedanken zu verscheuchen. Er artikuliert deutlich, aber monoton, mit behäbigem Pathos, selbst im schönsten Monolog. Man hat ihn auf dieser Bühne schon wesentlich dynamischer und abgründiger gesehen. Mit seinem Zauberstab und den Zauberbüchern weiß er hier wenig anzufangen.

 

Der Slapstick bringt kaum zum Lachen

Viel stärker wirkt im Vergleich Eva-Maria Aichner als Gonsalo, der ebenfalls gestrandete alte Rat des Königs. Ariel fällt eher durch Akrobatik auf als durch den Wirbel eines Luftgeistes, und Caliban mangelt es an Wildheit. Der soll ein Mordkomplott gegen Prospero anzetteln? Diese beiden exotischen Wesen agieren hier eher blass bis unscheinbar. Schön ist es allerdings anzuhören, wenn Ariel als Nachklang zum anfänglichen Sturm Musik macht. Da fetzt die Elektronik, und zuweilen wirkt der Klangteppich von Oskar Sala tatsächlich wie ein Märchen für Junggebliebene. Liebreizend, wie es sein soll, sind Ferdinand und Miranda anzusehen, sie geben diesem jungen Paar Pfiff. Daran mangelt es leider ein wenig den komischen Szenen, die der Hofnarr Trinculo (Björn Büchner) und Kellermeister Stephano (Jan Nikolaus Cerha) im Trio mit Caliban aufführen. Ihr Slapstick reizt kaum zum Lachen. Man sollte gespielte Trunkenheit nicht ständig übertreiben, denn dann verliert sie rasch an Wirkung. Und die Bösen oder zumindest potenziell Bösen? Antonio und Sebastian bleiben in dieser Aufführung noch weiter am Rand als es der Text ohnehin vorsieht.

Nach der Pause, in den Akten vier und fünf mit ihren langen Szenen, gewinnt der Abend dann doch etwas an Intensität, gelingen ein paar schöne Bilder, die andeuten, dass dieses späte Stück vielleicht nicht so harmlos ist, wie es zu Beginn gespielt wurde. Denn bevor Prospero am Ende „stilles Meer und gewogenen Wind“ verspricht, kann es beim „Sturm“, zumindest im Kopf, geradezu existenzbedrohend zugehen.

SHAKESPEARES INSEL

1611 soll sich der Dramatiker William Shakespeare (1564–1616) nach mehr als 20 Jahren an Theatern in London völlig in seine Heimatstadt Stratford-upon- Avon zurückgezogen haben. Kurz zuvor entstand wahrscheinlich sein Drama „The Tempest“, ein märchenhaftes Spiel auf einer Insel, in dessen Mittelpunkt der zauberkundige Prospero mit seiner zauberhaften Tochter Miranda steht, assistiert vom Luftgeist Ariel und dem wilden Sklaven Caliban.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2017)