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Die Großmutter der Sowjetspione

Konspiratives Treffen in London: Animation von Edith Tudor-Hart, Arnold Deutsch, Kim Philby.
Konspiratives Treffen in London: Animation von Edith Tudor-Hart, Arnold Deutsch, Kim Philby.(c) Stadtkino Filmverleih
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Kritik Der Schriftsteller Peter Stephan Jungk hat mit großer Geduld ein Porträt über seine geheimnisvolle Großtante gemacht: Die Fotografin Edith Tudor-Hart war für den KGB tätig.

Anthony Blunt, einer der fünf so weltberühmten wie berüchtigten britischen Sowjetspione der „Cambridge Five“, der 1964 enttarnt wurde, sagte Folgendes über eine bedeutende Fotografin, die sich nach der Emigration aus Wien 1933 in England im Exil befand: „Edith Tudor-Hart war die Großmutter von uns allen.“ Damit beschrieb Blunt pointiert die Rolle dieser außergewöhnlichen Frau, die sich bereits in jungen Jahren dem Kommunismus verschrieben hatte und das Imperium von Stalin und dessen Nachfolgern mit Geheimdienstinformationen versorgte, auch mit solchen über Atomwaffen. Sie stand im Zentrum des Netzwerks. Ihr Großneffe, Autor Peter Stephan Jungk, hat ein Buch über sie geschrieben: „Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart“ (2015, Verlag S. Fischer). Nun ist auch sein Dokumentarfilm zu diesem Thema in Österreichs Kinos zu sehen: „Auf Ediths Spuren“ nähert sich in 90 Minuten nachdenklich, manchmal leicht ironisch, immer geduldig und punktuell etwas melancholisch der geheimnisvollen Verwandten, die 1973 mit 65 Jahren in Brighton starb, als Jungk gerade erst 20 Jahre alt war.

 

Schwärmerische KGB-Offiziere

Bei Jungk kommt eine Fülle von Zeugen zu Wort: Ex-KGB-Offiziere, die vom fremden Dienst an ihrem Vaterland schwärmen, zurückhaltende Verwandte von Tudor-Hart, darunter ihr greiser Bruder, der Kameramann Wolf Suschitzky, Archivare, Kunsthistoriker, Psychologen und Schriftsteller, die sich mit dem Thema befasst haben, wie zum Beispiel Nigel West und Anna Kim. Wenn Jungk etwas fantasievoller oder spekulativ wird, baut er Animationsfilme ein, etwa eine Szene des von Edith arrangierten Treffens zwischen Arnold Deutsch und Kim Philby, der als Spion angeworben werden soll. Die Begegnung im Londoner Regent's Park war offenbar erfolgreich. Mehr noch als diese kurzen Cartoons, die längeren Interviews und die vergeblichen Versuche des Regisseurs, bei der Recherche ins Zentrum der russischen Geheimdienste vorzudringen, verraten die Fotos dieser politisch engagierten Fotografin, die mit ihrer Mittelformatkamera in intensiven Dialog mit den Menschen und Gegenständen trat, die sie ablichtete. Ihr Blick enthüllt fast so viel über das Jahrhundert wie all die verwendeten Gespräche und Dokumente. Ihre Bilder über Armut in Wien bewegen, so wie die über hungernde Arbeiter in England und Wales.

 

Atomgeheimnisse in Großbritannien

Die Tochter des sozialdemokratischen Favoritener Buchhändlers Wilhelm Suschitzky, die sich zur Kindergärtnerin nach der neuen Montessori-Methode ausbilden ließ, dann am Bauhaus Dessau studierte, war von Jugend an politisch engagiert. Sie wurde vom Kommunisten Arnold Deutsch geprägt, in den sie sich verliebt hatte. Für ihre Gesinnung musste sie etliche Verhöre und sogar eine einmonatige Haft in Kauf nehmen. Auch ihr späterer Mann, der Brite Alexander Tudor-Hart, von dem sie sich bald nach Geburt des autistischen Sohnes 1936 scheiden ließ, gehörte der KP an. Mit ihm war sie nach England gegangen, wo sie weiter für Stalins Regime spionierte. Zu ihren Kontakten gehörte auch der Wissenschaftler Engelbert Broda, der in England an Atomprogrammen arbeitete – der Bruder des späteren österreichischen Justizministers. Dicht ist dieses liebevolle Porträt einer außergewöhnlichen Frau aus bleierner Zeit, die immer noch Geheimnisse zu wahren scheint.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2017)