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Eine Republik zwischen Angst, Agonie und Aufbruch

COMBO-FRANCE2017-VOTE
APA/AFP/ERIC FEFERBERG/JOEL SAGE
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Das Duell Macron gegen Le Pen stellt die Franzosen vor eine klare Alternative: voran in die Zukunft oder zurück in Abschottung und Nationalismus.

Der Knalleffekt, den Donald Trump nach dem Terrorangriff auf einen Polizisten auf den Champs-Élysées für den Wahlsonntag in Paris prophezeit hatte, blieb aus. Der US-Präsident hatte insgeheim mit einem Triumph Marine Le Pens spekuliert, was ihn schließlich doch zum Wahrsager qualifiziert und obendrein den Trend zum Rechtspopulismus bestärkt hätte. Die Franzosen wollten da freilich nicht so recht mitspielen, und die zuletzt viel gescholtenen Demoskopen sollten Recht behalten: Jene beiden Kandidaten, die den gesamten Wahlkampf über in Führung lagen, werden am 7. Mai das Rennen um die Präsidentschaft untereinander ausmachen.

Das Duell lautet also Emmanuel Macron gegen Marine Le Pen. Eine Sensation ist dies keineswegs, und die Ausgangslage für die zweite Runde könnte nicht eindeutiger sein. Es treffen zwei Antagonisten aufeinander, die eine völlig konträre Vision für Frankreich formulieren und die Wähler vor eine klare Alternative stellen: Macron, der Senkrechtstarter, propagiert einen dezidiert proeuropäischen Kurs der Modernisierung und Öffnung, der es mit den Herausforderungen der Globalisierung aufnimmt und endlich die Strukturreformen angehen will, die die Staatschefs seit der Endphase François Mitterrands schuldig geblieben sind. Programmatisch für den Aufbruch ist Macrons Bewegung, die er erst im Vorjahr ins Leben rief, und die im Wahlkampf einen Enthusiasmus vor allem unter den jungen Franzosen entfachte: „En marche“ – „Vorwärts.“

Le Pen wiederum steht für Abschottung, Protektionismus und eine Rückkehr zum Nationalismus des 19. Jahrhunderts. Wo Macron mit Mut fürs Neue und einem Optimismus antritt, der dem Land gut täte, geriert sich Le Pen unter der Parole „Im Namen des Volks“ als Schutzherrin des „wahren Frankreich“. „Frankreich den Franzosen“, schallte es bei ihren Kundgebungen zwischen Ärmelkanal und Côte d'Azur. Überall ertönte die Parole: „On est chez nous“, was so viel heißt wie: „Wir sind hier zu Hause.“ Die Rechtspopulistin hat sich das subjektive Gefühl der „Überfremdung“ und die Angst vor der Kriminalität in den Banlieues zunutze gemacht, die zugleich Brutstätten des Terrors sind. Die weitverbreiteten Ressentiments gegen Muslime und die Brüsseler Bürokratie verquickte sie zu einer rückwärtsgewandten Suada.
Es wäre nicht Frankreich, wäre nicht im Wahlkampf und am Wahlabend selbst viel von Revolution und Widerstand die Rede gewesen, von Systemkrise und Wandel und natürlich von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die Ideale von 1789 sind als Kitt einer von sozialen Gegensätzen zerrissenen, von der Globalisierung verunsicherten und vom Terrortrauma gezeichneten Gesellschaft längst brüchig. Wenngleich die Glorie der Nation als politische und wirtschaftliche Großmacht ramponiert ist, so ist zumindest der Ruf Frankreichs als Europameister in Sachen Selbstreflexion und Debattenkultur unerreicht. Dass die Diskussion durchdrungen ist von Pessimismus und zuweilen von Masochismus, von der Lust am Niedergang, ist Teil der französischen Psyche.

In diesen Frühlingstagen, da das Pathos – wie alle fünf Jahre – durch die Wahlkampfarenen und TV-Studios dröhnt, klingt das Wortgeklingel für die meisten Franzosen hohl. Der Ausnahmezustand und die Nervosität angesichts der Anschläge nagen an ihnen. Sie sehnen sich nach einem Aufbruch aus der mitunter herbeibeschworenen Misere – ohne dass sich allerdings allzu viel ändert. So spiegelten die vergangenen Wochen ein Land, das zwischen Angst und Agonie schwankt, zwischen Depression und Aufruhr taumelt – und das vor allem den Glauben an sich, seine Politiker und deren gestalterische Kraft verloren hat.

In der ersten Runde, so heißt es, wählen die Franzosen mit dem Herzen, in der zweiten mit dem Kopf. Noch nie in der Fünften Republik war der Frust über das „System“ so ausgeprägt. Fast alle Parteien werden sich jetzt hinter Macron scharen – wie anno 2002 hinter Jacques Chirac in der Stichwahl gegen Jean-Marie Le Pen. Wehe aber, der 39-Jährige enttäuscht seine Wähler wie Chirac, Sarkozy oder Hollande. Dann stünde Marine Le Pen alsbald wirklich vor dem Élysée.

E-Mails an: thomas.vieregge@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2017)