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Maya-Faktor: Ersatz für die Jahrtausendwende

In den USA schüren seit Jahren esoterische Bücher die Angst vor dem „magischen Datum“ 2012.

Für die einen kommt der Weltuntergang durch Überschwemmung, andere erwarten, dass ein geheimnisvoller Planet X auf die Erde kracht. Seit 30 Jahren, New-Age-Autor und Ex-Princeton-Professor José Aguelles hat damals sein Buch „The Mayan Factor“ veröffentlicht, gehört der von den Maya angeblich für 2012 prophezeite „Weltuntergang“ – präziser eine Katastrophe mit anschließender Neugestaltung der Welt – zu den Glaubensartikeln der Esoterikszene.

In den letzten Jahren häufen sich vor allem in den USA Bücher darüber, sie tragen Titel wie „ Apocalypse 2012: A Scientific Investigation Into Civilization's End“, „The Revolution of 2012“, „2012: The Return of Quetzalcoatl“. Dazu machte Mel Gibsons Film „Apocalypto“ das Blockbuster-Publikum neugierig auf die Maya-Zivilisation. In Europa ist der Glaube an 2012 noch auf die Esoterikszene beschränkt, in den USA hat er in die Talkshows Eingang gefunden – und könnte Massenängste auslösen wie vor zehn Jahren die apokalyptisch aufgeladene Jahrtausendwende, selbst wenn neueste Rechnungen des Berliner Forschers Andreas Fuls den Untergang auf 2220 verlegen.

Warum 2012? Da soll der 13. Baktun-Zyklus des Maya-Kalenders enden, ein wichtiges Datum für die Maya, wenn auch nicht, wie vielfach behauptet, das Ende ihrer Zeitrechnung. Aber zunächst ist die Umrechnung in den christlichen Kalender umstritten. Außerdem findet sich in den Relikten der Maya-Kultur nur eine Inschrift, die sich eindeutig auf dieses Zyklusende bezieht. Sie wurde in Tortuguero in Mexiko gefunden, stammt aus dem siebenten Jahrhundert und spricht vom Herabsteigen des Gottes Bolon Yokte K'u – der sowohl mit Krieg als auch mit der Maya-Schöpfungsmythologie in Verbindung steht.

Außer vom Maya-Kalender ist der Hype um 2012, wie Emmerichs Film, von der Astronomie inspiriert. Ungefähr 2012, Wissenschaftlern zufolge eher 2013 oder 2014, hat die Sonne wieder ein Aktivitätsmaximum – wie alle elf Jahre –, mit großen Sonnenflecken und Eruptionen. Letztere könnten geomagnetische Stürme hervorrufen und dadurch die Kommunikations- und Energieversorgungsnetze der Erde stören. Die NASA sagt zwar für das nächste Maximum weit geringere Aktivität voraus als bei den letzten zwei Zyklen, dennoch beflügelt das Ereignis esoterische Fantasien. Auch die in Emmerichs Film behauptete Wirkung von ins All geschleuderten Neutrino-Teilchen ist für Wissenschaftler Unsinn – Neutrinos wandern ständig durch die Erde, ohne das Erdinnere zu erhitzen.

Für das Leben mancher Menschen hat das Getue um 2012 aber Konsequenzen. So erzählt die US-Astronomin Ann Martin, die die Website „Curious? Ask an Astronomer“ betreibt, von verschreckten Müttern oder auch Kindern: „Wir bekommen E-Mails von Volksschülern, die klagen, sie seien zu jung, um zu sterben.“ Dennoch: Im Vergleich etwa zu Al Gores Film „Eine unbequeme Wahrheit“, in dem mit „Wissenschaft“ Angst erzeugt und erst recht der Boden für apokalyptische Botschaften bereitet wird, hat Emmerichs spielerischer Zugang beinahe kathartische Wirkung: Endlich wieder ein Weltuntergang, über den man lachen kann.

Neue Maya-Funde siehe Seite24

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2009)