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Kann Journalismus zu kritisch sein?

ORF Funkhaus in der Argentinierstraße in Wien.
ORF Funkhaus in der Argentinierstraße in Wien.(c) imago/CHROMORANGE (imago stock&people)
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Ö1. Am Freitag startet das lang erwartete Medienmagazin „#doublecheck“. Die Sendung will Zusammenhänge erklären – und auch den ORF thematisieren.

Gleich in der ersten Sendung geht's um ein Thema, das auch den ORF betrifft: „Wir werden uns mit einer journalistischen Grundfrage auseinandersetzen: Kann Journalismus zu kritisch sein? Anknüpfend an Begebenheiten in letzter Zeit, die auch in den ORF hineinreichen – Stichwort Pröll-Interview von Armin Wolf“, sagt Stefan Kappacher. Gemeinsam mit Nadja Hahn gestaltet und moderiert er das neue Medienmagazin „#doublecheck“, das ab heute einmal im Monat auf Ö1 zu hören sein wird. Zur Premiere geht es unter dem Titel „Das Kreuz mit den Journalisten-Fragen“ um den Umgang der Medien mit der Politik – und vice versa. Im Gespräch mit der „Presse“ macht Kappacher klar, dass er bereit ist, anzuecken – und auch die ORF-Kollegen vor die Frage zu stellen: „Haben wir wirklich blinde Flecken, wie es Politiker behaupten?“

 

Kern spricht über die Medien

Immer wieder würden sich Politiker beschweren, erzählt Kappachers Vorgesetzter, Chefredakteur Hannes Aigelsreiter. Vor allem in Vorwahlzeiten. „Es geht dabei fast nie um Inhalte, sondern nur um die Art und Weise, wie etwas gemacht wurde. Das ist das Bemerkenswerte, dass man aus der Interviewführung heraushören will, wie ein Reporter zu etwas steht oder wie er tickt. Schon an der Stimmlage will man das dann erkennen.“

Dabei sei die breitenwirksame Medienschelte auch ein Geschäftsmodell: Politiker wie FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache würden ihre Fans auf Facebook mit Medienkritik zur Empörung einladen, Regierungsvertreter würden mit Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk Druck machen, heißt es in der Sendungsankündigung. SPÖ-Chef Christian Kern wird in einem Interview über die Befindlichkeiten der Politik in der Auseinandersetzung mit den Medien befragt – und zum Stand der medienpolitischen Vorhaben der Koalition Stellung nehmen.

 

Wrabetz über Strukturreform

Für ein Unternehmen, dessen oberstes Kontrollgremium – der Stiftungsrat – eine politisch besetzte Instanz ist, ist die Berichterstattung in diesem Bereich eine stete Gratwanderung. Auch der Umgang mit der Konkurrenz, die ohnehin unter der Stärke des gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu leiden hat, ist heikel. Nicht umsonst hat es viele Jahre gedauert, bis aus dem angekündigten Medienmagazin nun Realität wird. „Man muss dem ORF aber auch ein Kompliment machen, dass es das Medienmagazin überhaupt gibt“, findet Aigelsreiter. „Es ist eine sensible Geschichte, weil wir ja nicht umhin kommen werden, auch über das eigene Unternehmen kritisch zu berichten.“

Und wie will Kappacher diese Gratwanderung bewältigen? „Man muss ausschildern, was die Interessen des Mitbewerbers, aber auch, was die Interessen des ORF sind. Wir wollen transparent sein“, sagt er. In der aktuellen Sendung wird ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz zur geplanten Strukturreform der TV-Information befragt, die Befürchtungen schürt, dass die journalistische Unabhängigkeit gefährdet sein könnte.

Ein Ziel, das die Sendungsmacher auf ihre Fahnen heften, ist, den ORF und die ganze Branche glaubwürdig darzustellen – auch vor dem Hintergrund der vermehrten Kritik, die unter Schlagwörter wie Lügenpresse oder „Fake News“ auch seriösen Journalismus verunglimpft. „Wir leben in einer Welt, wo mit Unwahrheiten, Halbwahrheiten und sogar mit ,alternativen Fakten‘ gearbeitet und auch Geld verdient werden kann. Wir werden in unserer Sendung versuchen, das darzustellen“, sagt Aigelsreiter. „Denn dahinter steckt natürlich Methode. Und die Absicht ist, alles, was Journalismus oder kritischen Journalismus betrifft, schlecht zu machen.“ Um dem entgegenzuwirken, soll „#doublecheck“ Sachverhalte erklären, Hintergründe aufzeigen. Schwieriges wollen Kappacher und Hahn in Dialogform aufarbeiten. Allerdings nur einmal im Monat. Ein Webauftritt mit Zusatzinformationen und ein wöchentliches Online-Update sollen dieses Manko ein wenig lindern. Ab heute, jeden ersten Freitag im Monat, 19.05 Uhr, Ö1.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2017)