Schnellauswahl

Wer nun in der ÖVP die Fäden zieht

ÖVP-Generalsekretärin und Speerspitze nach außen: Elisabeth Köstinger.(c) Mirjam Reither
  • Drucken

Parteichef Sebastian Kurz baut die Parteizentrale um: EU-Mandatarin Elisabeth Köstinger wird Generalsekretärin, Vize-Kabinettschef Axel Melchior Geschäftsführer.

Wien. Es ist Sonntag, gegen 16 Uhr, irgendwo in Meidling: Elisabeth Köstinger steht vor einem Wohnhaus im 12. Bezirk und wartet. Wenige Hundert Meter entfernt tun das auch drei Dutzend Journalisten und Fotografen: Hier, in der Politischen Akademie, soll gleich der Bundesparteivorstand der ÖVP stattfinden. Der wichtigste Teilnehmer fehlt allerdings noch: Sebastian Kurz.

Die Haustür geht auf, Kurz und Köstinger begrüßen einander: Die beiden hatten sich verabredet, um gemeinsam zu dem Termin zu gehen. Sie nehmen keinen Wagen, denn erstens ist die Pol-Ak nur wenige Gehminuten entfernt. Und zweitens können die Kameraleute vor der Sitzung auch etwas anderes filmen als schwarze Limousinen: Kurz und Köstinger spazieren also den steilen Weg in Richtung Springer-Schlössl hinauf.

So verhalten sich auch die beiden Karrieren: Köstinger ist eine Vertraute des jetzigen ÖVP-Chefs und hat sich in der Partei unter anderem durch ihr Engagement in Brüssel einen Namen gemacht. Steigt Kurz auf, ist die 38-jährige Kärntnerin ebenfalls für Positionen im Gespräch. Kurz wurde zum Chef der Parteiakademie ernannt, Köstinger zur Stellvertreterin. Und jetzt, wo er Parteichef ist, wird sie die neue Generalsekretärin. Sie löst damit den bisherigen ÖVP-Manager Werner Amon ab.

 

Rollen streng verteilt

Köstinger ist allerdings nicht die Einzige, die in die Parteizentrale wechselt. Auch der 35-jährige Axel Melchior, bisher stellvertretender Kabinettschef im Außenministerium, verlegt seinen Bürositz in die Lichtenfelsgasse. Damit sind – neben der Aufgabenverteilung in der Regierung – die ersten größeren Personalentscheidungen von Kurz gefallen.

Wobei die Rollen klar verteilt sind: Köstinger soll die ÖVP nach außen hin vertreten, die offizielle Speerspitze sein. Vor allem zu Wahlkampfzeiten ist der Posten eines Generalsekretärs wichtig. Dass ihn eine junge Frau bekommt, soll unter anderem auch ein Zeichen der Erneuerung sein. In den vergangenen Tagen hat Köstinger ohnehin Kurz und seine Positionen in diversen politischen Debattensendungen vertreten.

Köstinger war immer wieder als Personalreserve der ÖVP im Gespräch. Sollte im Wahlkampf nichts schieflaufen, hat sie auch Chancen auf das Amt der Landwirtschaftsministerin. Seit Jahren engagiert sie sich in der Agrarpolitik: Von 2007 bis 2012 war Elisabeth Köstinger Bundesobfrau der Jungbauernschaft. 2009 zog sie ins Europaparlament ein, 2014 wurde sie wiedergewählt – und ist auch Vize-Sprecherin der EVP-Delegation. In der ÖVP wurde sie ebenfalls zur Obmann-Stellvertreterin ernannt.

Melchior hingegen soll eine interne Funktion übernehmen. Wobei in der ÖVP betont wird, dass es seine Funktion schon immer gab und sie nicht neu geschaffen wurde. „Diese Personen treten nur nie nach außen auf, daher kennt man sie nicht“, heißt es. Unterschätzen darf man Melchiors Rolle allerdings auch nicht: Er ist nicht nur für die Finanzen und interne Kommunikation zuständig, sondern auch für die Strategie.

 

Keine zehn Interviews am Tag

Damit macht Melchior nun für die Partei, was er jahrelang für Kurz getan hat: Die beiden sind nicht nur schon seit Längerem befreundet, sie arbeiten beruflich auch eng zusammen. Und zwar seit 2010: Damals wurde Melchior von Kurz zum Generalsekretär der Jungen ÖVP ernannt. Die Beziehung der beiden sei wie eine Symbiose, erzählt ein Beobachter. „Wenn man sich etwas mit ihm ausmacht, macht man es in Wahrheit mit dem Sebastian aus.“ Melchior sei ehrgeizig, ein strategischer Kopf, jemand, der sein Netzwerk ausbaut und nutzt. Sozusagen das Mastermind, das „lange Vorarbeiten“ für den ÖVP-Vorsitz geleistet habe. Er sei ein „kleiner Wunderwuzzi“ und behalte im Hintergrund den Überblick, erzählt eine Bekannte. Allerdings strebe er keine Position in der ersten Reihe an: „Formulieren wir es so: Er ist niemand, der zehn Interviews am Tag geben wird.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2017)