Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Kunsthalle Wien

Wenigstens die Kunst lebt gut mit sich selbst

Die polnische Künstlerin Goshka Macuga ließ in Japan einen Roboter ganz nach dem Vorbild ihres Lebensgefährten anfertigen. Was mag der verbrochen haben? Einsam muss er jetzt in der Kunsthalle sitzen und historische Zitate über das memorieren, was Gesellschaft bedeuten kann.
Die polnische Künstlerin Goshka Macuga ließ in Japan einen Roboter ganz nach dem Vorbild ihres Lebensgefährten anfertigen. Was mag der verbrochen haben? Einsam muss er jetzt in der Kunsthalle sitzen und historische Zitate über das memorieren, was Gesellschaft bedeuten kann.(c) Kunsthalle Wien
  • Drucken

Aktueller könnte ein Thema gar nicht sein: „How to live together“, die große neue Gruppenausstellung von Nicolaus Schafhausen, verliert sich in brav recherchierten Geschichten der Verneinung. Am Ende bleibt man darin allein.

Dass Kunst unser Zusammenleben nur in einem „sehr begrenzten sozialen Raum“ tatsächlich beeinflussen bzw. inspirieren kann, dessen ist sich Nicolaus Schafhausen, Direktor der Wiener Kunsthalle, bewusst. In seinen einleitenden Worten zu der von ihm und Juliane Bischoff kuratierten Ausstellung „How to live together“ definiert er die Rolle der Kunst vor allem als Produzentin bzw. Provokateurin von „Gegen-Geschichten“, die unseren Alltag, unsere Realitäten aufbrechen sollen. Etwa zur Frage, wie wir denn miteinander leben sollen oder können – „How to live together“. Welches Thema wäre aktueller in unserer „Gesellschaft zwischen Aufbruch und Auflösung“, wie es Schafhausen formuliert, medial eingepfercht zwischen Terroranschlägen und gefühlt unentwegten Wahlkämpfen?

Die über beide Kunsthallen-Geschoße reichende Ausstellung mit Arbeiten von rund 35 Künstlern ist per Schafhausen'scher Definition also gar nicht auf eine direkte Antwort auf die Titel-Frage angelegt. Wobei real tätig werdende Lebensreform-Künstler spätestens seit Otto Mühl sowieso grundsätzlich anzuzweifeln sind. Niemand erwartet sich in der Wiener Kunsthalle also eine Anleitung. Niemand die ultimative Künstler-Auswahl zu diesem Biennale- bzw. documenta-würdigen Thema. Aber trotzdem, trotz einiger schöner Arbeiten, ist man am Ende etwas enttäuscht. Hinterlässt die Ausstellung einen allzu beliebigen Eindruck. Und einen kreuzbraven, politisch überkorrekten. Es wimmelt nur so vor Geschichten von Exzentrikern, Minderheiten, Flüchtlingen, was uns eher darin bestärkt, was wir irgendwie schon ahnten: Dass wir nämlich nicht miteinander leben können. Diese vom Hintergrund her recht homogene Kunst (beruhend auf sozialer Recherche, persönlichem Erleben, heischend um Empathie) lebt dagegen sehr wohlig zusammen, wie in einer Lounge von einer Ausstellung, eingerichtet vom deutschen Architekturbüro Miessen, das überall wie schwarz geteert wirkende Sitzobjekte verteilte, die sich ganz an das Motto der nächste Woche eröffnenden „documenta“ – „Lernen von Athen“ – halten und sich an griechisch-antiken Formen orientieren. Also an Amphitheater und Agora, an Stufen in unterschiedlichsten Dimensionen als Sitzplätze zum Beispiel. Konterkariert wird diese Strenge von den ebenfalls überall verteilten, völlig verspielten, trashigen Post-Pop-Nippes aus Gipsfüßen, Teddybären, Mikros, Plastikflaschen, Zeitungsschnipsel etc. von Gelitin. So harmonisch kann Zusammenleben sein! Könnte.

 

Und futsch ist die Idylle

Tatsächlich leben wir in den Echoräumen unserer Smartphones, living in a box, so wie es Bas Jan Ader, diese mythische, einst tatsächlich im Meer verschwundene Künstlerfigur schon 1972 bei seiner „Tea Party“ vormachte: Der Brite sitzt friedlich auf einer Waldlichtung und trinkt Tee. Und scheint die minimalistische Falle gar nicht zu bemerken, unter die er sich so naiv begeben hat. Bis die Kiste fällt und futsch ist die Idylle. Oder war sie gar nie da? Leben im eigenen Kopf. Genau wie es die Typen tun, die der Belgier Kasper de Vos nach Vorbild der Fratzen-Gesichter von F. X. Messerschmidt in Ton geformt hat, nur sind die heutigen von zuviel LSD verzerrt, sind Porträts der niederländischen Techno-Gabber-Subkultur der 1990er. Hier schaut sich niemand an.

Auf historische dokumentarische Gesellschaftsporträts berufen sich heute einige, etwa auf das der Fotografie-Ikone August Sander, der Anfang des 20. Jahrhunderts frontal-objektive Porträts quer durch die „Klassen“ schuf, die „Menschen des 20. Jahrhunderts“ eben. Der französisch-algerische Mohamed Bourouissa fertigte nach diesem Vorbild etwa 3-D-Porträts von Arbeitslosen an und verkaufte sie zu deren Gunsten. Eine zweite Arbeit von Bourouissa zeigt seine inszenierten Sittenbilder der aufständischen Jugendlichen-Szene aus den Pariser Vororten. An die in der Ausstellung nahtlos die dekadent wirkenden Porträtfotos europäischer Bürgerfamilien der US-Fotografin Tina Barney anschließen, eine der hübscheren Finten dieser Ausstellung.

Nicht ausschlagen sollte man auch das Date mit dem unheimlichen Roboter, den die Polin Goshka Macuga in Japan hat fertigen lassen (nach dem Vorbild ihres Partners). Auf Augenhöhe sitzt er vor einem auf einer der geteerten Stufen und memoriert, was die Menschheit zum Thema Zivilisation sich bisher so überlegt hat, von Einstein, Freud, Arendt bis „Blade Runner“. Ziemlich einsam kommt man sich daneben vor. Der Blick hinüber zu Angela Merkel macht es noch schlimmer. Wobei die Serie ganz wunderbar ist, die die deutsche Fotografin Herlinde Kölbl jahrelang von ihr gemacht hat, Porträts in immer derselben Pose. Eine ungemein sensible Erzählung darüber, wie Macht und Funktion unser Äußeres verändern. Am Ende scheint also die Frage zu stehen, ob man mit sich selbst zusammenleben kann.

How To Live Together, bis 15. 10., Kunsthalle Wien, MQ.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2017)